Bottrop. . Direktor Harald Lütgebaucks und Richter Manfred Bihler gehen in Ruhestand. Weitere Kollegen sind bereits weg oder gehen in wenigen Monaten.

  • Fünf Richter gehen in den Ruhestand
  • Zwei erinnern sich an Fälle aus ihrer Laufbahn
  • Sicherheitsvorkehrungen sind in all den Jahren stark gestiegen

Bottrop sei bei weitem keine Kriminalitätshochburg, sagt einer, der es gut wissen muss. Manfred Bihler war fast 30 Jahre Strafrichter und Vorsitzender des Schöffengerichts am Bottroper Amtsgericht. In der Stadt gebe es vor allem Klein- und Kleinstkriminalität, so sein Urteil. Und vieles spiele sich dann auch innerhalb des entsprechenden Milieus ab. Bestätigung erhält er von einem Kollegen, dem Amtsgerichtsdirektor Harald Lütgebaucks: „Das subjektive Bedrohungsgefühl stimmt mit dem objektiven nicht überein“, bestätigt er.

Seit 1981 in Bottrop

Seit 1981 sprechen die beiden in Bottrop Recht. Lütgebaucks war zwischenzeitlich unter anderem noch am Landgericht Essen im Einsatz, kehrte dann 2011 als Direktor nach Bottrop zurück. Nun gehen beide in den Ruhestand. Rechnet man Rudolf Steinmann, der Ende 2015 in Pension ging, und zwei weitere Kollegen, die ihre Laufbahn beenden, hinzu, dann wird deutlich, dass am hiesigen Gericht der Generationenwechsel in vollem Gange ist. Fünf von insgesamt zwölf Richtern scheiden aus dem Dienst.

Beide, Bihler und Lütgebaucks, sagen rückblickend, dass sie diesen Beruf sofort wieder ergreifen würden. „Es passiert jeden Tag etwas anderes“, sagt Bihler. Logisch, dass in einem Richterleben viele Geschichten hängenbleiben. So erinnert sich der 63-Jährige noch an den Tag, als er ein Ehepaar auf der Anklagebank hatte. Wohlgemerkt in zwei Prozessen und wegen unterschiedlicher Delikte. „Die hatten voreinander verheimlicht, dass sie beide angeklagt sind. Davon wusste ich nichts und habe sie dann unbeabsichtigt verpetzt.“ Lütgebaucks erinnert sich an zwei Fälle aus seiner Zeit als Familienrichter. „Die kürzeste Ehe Bottrops hat genau eine Nacht gedauert. Und die jüngste Großmutter war 32 Jahre alt.“ Grundsätzlich sind dem 63-Jährigen aus jedem Dezernat, das er bearbeitet hat, Fälle in Erinnerung geblieben.

Was die beiden auch miterlebt haben: die immer strengeren Sicherheitsvorschriften am Gericht. Besucher kommen nur noch durch eine Schleuse herein, Taschen werden durchleuchtet. Nach Attacken auf Richter – auch in Bottrop wurde ein Kollege mit einem Messer angegriffen – war das nötig geworden. Der Angriff am Bottroper Gericht habe ihn seinerzeit mitgenommen, sagt Bihler. Er selbst sei nie bedroht worden, habe sich auch nie bedroht gefühlt. Anders Lütgebaucks: „Ich wurde mehrfach erheblich bedroht. Ein Beteiligter hat mich sogar bis nach Hause verfolgt. Auslöser waren immer Fälle vor dem Familiengericht.“ Bihler: „Bei Strafsachen wissen die meisten Angeklagten auch sehr gut, warum sie da sitzen.“

Überhaupt sei man als Strafrichter am Amtsgericht immer ein Stück als Sozialarbeiter gefragt, sagt er und erinnert sich an einen Fall, in dem ein junger Staatsanwalt vier Monate Haft für einen Angeklagten forderte – wegen Schwarzfahrens. Auch wenn der Angeklagte noch unter Bewährung stand, „das ging gar nicht. Schließlich geht es auch immer darum zu schauen, welche Strafe angemessen ist.“

Erfahrung und die Routine habe mit der Zeit sehr geholfen. Da sind sich beide wieder einig. Das gelte auch für den Umgang mit der Verantwortung, die auf einem Richter laste. „Als ich das erste Mal jemanden zu zwei Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt habe, hat mich das tagelang beschäftigt“, sagt Lütgebaucks. Mit den Jahren werde man sicherer. Hinzu komme das Wissen, so Bihler, dass es im Zweifel übergeordnete Instanzen gibt, die ein Urteil prüfen.