Kriminalität

Amokfahrt in Bottrop: Ermittler sprechen von vier Tatorten

Ein Essener soll an Neujahr in Bottrop am Berliner Platz in eine Menschengruppe gefahren sein. NRW-Innenminister Herbert Reul (Mitte), Oberbürgermeister Bernd Tischler (rechts) und Polizeipräsidentin Friederike Zurhausen (links) sind am Nachmittag vor Ort.

Ein Essener soll an Neujahr in Bottrop am Berliner Platz in eine Menschengruppe gefahren sein. NRW-Innenminister Herbert Reul (Mitte), Oberbürgermeister Bernd Tischler (rechts) und Polizeipräsidentin Friederike Zurhausen (links) sind am Nachmittag vor Ort.

Foto: Heinrich Jung / FUNKE Foto Services

Bottrop/Essen.   Der Essener soll in Bottrop gezielt auf Menschen losgefahren sein. Eine Frau wurde schwer verletzt. Polizei vermutet Fremdenhass als Motiv.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Bei einer Amokfahrt in der Bottroper Innenstadt hat ein 50-jähriger Autofahrer einen Menschen schwer und drei weitere leicht verletzt. Nach Zeugenangaben soll er am Berliner Platz gezielt auf Fußgänger losgefahren sein. Danach flüchtete er. Eine 46 Jahre alte Frau, die von seinem Auto erfasst worden war, schwebte am Neujahrstag zeitweilig in Lebensgefahr. Nach einer Notoperation hat sich ihr Zustand stabilisiert, erklärt eine Pressesprecherin der Polizei.

Kurz darauf wurde er in Essen festgenommen. Auch dort hatte er versucht, Menschen anzufahren.

NRW-Innenminister Herbert Reul war in Bottrop und sagte am Nachmittag: „Es könnte auch noch andere Tatorte geben.“ Die Polizei überprüft jetzt auch andere Unfälle aus der Silvesternacht. Gemeinsam mit Polizeipräsidentin Friederike Zurhausen machte sich der Innenminister Reul am Berliner Platz ein Bild der Lage. Zum Stand der Ermittlungen sagte er: „Ein Deutscher ist bewusst in eine Gruppe von Menschen gefahren, die er für Ausländer hielt.“

Auch in Essen versucht, Menschen umzufahren

Die Ermittler sprechen mittlerweile von insgesamt vier Tatorten und mindestens fünf Verletzten. Der Mann habe in der Silvesternacht in der Nachbarstadt Essen noch ein viertes Mal probiert, in Menschengruppen zu fahren. Auch ein Kind sei verletzt worden.

Bottrops Oberbürgermeister Bernd Tischler hat deshalb das für Neujahr geplante Eröffnungskonzert zur Feier des 100. Stadtgeburtstages abgesagt. Die bereits aufgebaute Bühne auf dem Berliner Platz stand unmittelbar neben der Absperrung, hinter der die Polizei am Tatort noch ermittelte.

Polizei riegelte alle Zufahrten ab

Vier Stunden lang hätte die Stadt dort mit dem „Rockorchester Ruhrgebeat“ den Einstieg in das Stadtjubiläum feiern wollen. Statt dessen stehen Polizeiwagen auf der Paßstraße, weitere Streifenwagen riegeln alle Zufahrten zum Berliner Platz ab. Und auf dem Platz herrscht Totenstille, als der Oberbürgermeister auf die Bühne geht und ankündigt: „Ich habe keine guten Nachrichten.“

Manche erfahren erst jetzt von der nächtlichen Amokfahrt mit fremdenfeindlichem Hintergrund. „Heute ist uns nicht zum Feiern zumute“, sagt Tischler - und erntet spontanen Applaus für die Konzertabsage. Auch die Musiker, sagt Tischler, hätten Verständnis gezeigt. „Das können wir jetzt nicht machen. Eine junge Frau ringt im Krankenhaus um ihr Leben, und wir machen hier Party.“

Erste Attacke auf der Osterfelder Straße

Nach ersten Angaben der Polizei Münster, die die Ermittlungen übernommen hat, war der 50-jährige Mann mit seinem PKW kurz nach Mitternacht auf der Osterfelder Straße offensichtlich absichtlich auf einen Menschen zugefahren, um ihn mit dem Fahrzeug zu treffen. Der Fußgänger konnte sich retten.

Anschließend bewegte sich der aus Essen stammende Autofahrer mit seinem silberfarbenen Mercedes weiter in Richtung der Bottroper Innenstadt. Auf dem Berliner Platz fuhr er erneut auf eine Menschengruppe zu. Hier wurden mindestens vier Personen, darunter syrische und afghanische Staatsangehörige, zum Teil schwer verletzt. Anschließend flüchtete der Fahrer in Richtung Essen, wo das Fahrzeug auf der Straße Rabenhorst von Polizisten angehalten werden konnte. Die Beamten nahmen den Fahrer vorläufig fest.

Auto-Attacke auch in Essen

Zwischenzeitlich hatte der Fahrer auch in Essen versucht, mit seinem Wagen gezielt in eine Menschengruppe zu fahren, die an einer Bushaltestelle an der Schlossstraße wartete.

Bereits bei seiner Festnahme äußerte sich der Fahrer mit fremdenfeindlichen Bemerkungen. Die Ermittlungsbehörden gehen derzeit von einem gezielten Anschlag aus, der möglicherweise in der fremdenfeindlichen Einstellung des Fahrers begründet ist. Zudem liegen den Ermittlungsbehörden erste Informationen über eine psychische Erkrankung des Fahrers vor.

>> STADT WILL KONZERT NACHHOLEN

Mit dem vierstündigen "Neujährchen" hätte die Stadt eigentlich einsteigen wollen in den Veranstaltungsreigen zum 100. Stadtgeburtstag. Geplant waren neben dem Konzert des „Rockorchesters Ruhrgebeat“ der Auftritt des Männerquartetts 1881.

Der Chor absolvierte auch seinen Auftritt mit einem geänderten Programm. Man habe die Veranstaltung nicht komplett absagen wollen, begründete Stadt-Sprecher Andreas Pläsken. Der Auftritt des Rockorchesters soll im Lauf des Jubiläumsjahrs nachgeholt werden. (mit dpa)

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (89) Kommentar schreiben