Schauspielhaus

Zuschauer flüchten scharenweise aus Premiere in Bochum

Szene mit (von links) Jele Brückner, Ulvi Teke, Anne Rietmeijer und Anna Drexler.

Szene mit (von links) Jele Brückner, Ulvi Teke, Anne Rietmeijer und Anna Drexler.

Foto: Birgit Hupfeld

Bochum.   Mit „Die Philosophie im Boudoir“ zeigt Herbert Fritsch im Schauspielhaus ein verstörendes Werk des Marquis de Sade. Das gefällt nicht jedem.

Da schau her: Auch über 200 Jahre nach seinem Tod in einer Irrenanstalt nahe Paris ist ein Text des Marquis de Sade noch immer für einen handfesten Aufreger gut. So geschehen am Samstag im Schauspielhaus, wo während der Premiere von „Die Philosophie im Boudoir“ die Zuschauer gleich scharenweise und Türen knallend aus der Vorstellung flüchten, was ja durchaus eine legitime Form des Protestes ist.

Wer bleibt, erlebt einen denkwürdigen Abend inklusive eines schwer an den Nerven zerrenden Stücks, sechs famoser Schauspieler und eines am Ende mächtig über die Bühne irrlichternden Regisseurs.

Auf der Grenze des Erträglichen

Was ist geschehen? Komödien-Virtuose Herbert Fritsch, der sich mit „Murmel Murmel“ erst vor wenigen Wochen an gleicher Stelle unter riesigem Jubel eingeführt hatte, bringt eines der verstörendsten Werke der Weltliteratur auf die Bühne, gegen das aktuelle Bestseller wie „Fifty Shades of Grey“ geradezu lachhaft wirken.

Dabei passt der Plot auf einen Bierdeckel: In ausschweifendem Tonfall, in dem Laster, Ekel und Perversion nah beieinander liegen, erzählt de Sade von der 15-jährigen Klosterschülerin Eugénie, die von einer Gruppe Adeliger in die Höllenkreise sexueller Grausamkeiten gezogen wird. Die Grenze des Erträglichen wird dabei konsequent ausgelotet.

Weit über zwei Stunden lang erfährt der Zuschauer en détail, was die lasterhaften Lehrmeister für das „spröde Frauenzimmer“ ausgeheckt haben, in welche Körperöffnungen was hinein gesteckt wird und welche Körperteile abgetrennt oder zugenäht werden. Das ist auch heute noch starker Tobak. Doch de Sade nur auf Blut und Sperma zu reduzieren, wäre zu kurz gedacht. Viele bewundern den Autor vielmehr als radikalen Freigeist, dessen Gelüste lediglich seiner verwirrten Fantasie entspringen – und genau hier setzen Fritsch und Dramaturg Vasco Boenisch an.

Beinahe keusch: Kein Busen, keine Pobacke

All den eklatanten Ausschweifungen im Text begegnen sie mit größtmöglicher Künstlichkeit. Und stärker noch: Die Inszenierung wirkt beinahe keusch, weder Busen noch Pobacke blitzen unter den riesigen Kostümen (von Victoria Behr) hervor, die an kirchliche Ornate ebenso erinnern wie an Lack und Leder.

Manchmal scheint es, als würden die Schauspieler unter all dem Stoff verschwinden. Auf einer komplett schwarzen Bühne symbolisiert ein leuchtend roter Kasten Höllenpein und Gipfel der Ekstase.

Übertrieben bis zur Groteske

Die Schauspieler graben sich tief in de Sades Hirnwindungen hinein, ohne das wahrhaft starke Ensemble wäre die Aufführung verloren. Allein Anna Drexler dabei zuzuschauen, wie sie in einem irren Solo die Freiheit der Kunst propagiert, macht eine Diebesfreude. Übertrieben bis zur totalen Groteske spielen auch Svetlana Belesova, Jele Brückner, Anna Rietmeijer, Ulvi Teke und Jing Xiang, die in einem Ballonkleid beinahe über die Bühne schwebt.

Da Fritsch auf eine Rollenzuordnung verzichtet und sämtliche Figuren in wildem Wechsel quer durcheinander spielen lässt, verliert der Zuschauer allerdings schnell die Übersicht. Der anfänglichen Entzückung weicht eine Müdigkeit, zumal sich die behaupteten Sadomaso-Szenen in Endlosschleife wiederholen und man sich die bange Frage stellt, welche Relevanz dieser Text heute überhaupt noch hat.

Mindestens eine halbe Stunde zu lang

Und so stehen die Schauspieler schließlich in einem weinerlichen Singsang auf der Bühne, ihre Köpfe sind mit Tüchern verdeckt. Zitiert Fritsch hier René Magritte? War de Sade der erste Surrealist? Gut möglich, aber irgendwann egal.

Am Ende dieses mindestens eine halbe Stunde zu langen Abends steht auch Fritsch beim Schlussapplaus mit verhülltem Kopf auf der Bühne und sucht den Ausgang. Die Reihen haben sich merklich gelichtet. Im Foyer entbrennen einige Diskussionen über Sinn und Unsinn dieser Aufführung, und ob man sich das wirklich antun muss. Schließlich steht das Fest der Liebe vor der Tür. Dem Leben eine Chance.

  • Dauer: 2 Std. 15 Min. ohne Pause. Wieder 27. und 31.12., 4., 5., 12., 25. und 26. Januar. 0234 / 33 33 55 55.
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