Kritik an zu viel Kahlschlag

Zu viel Flächenversiegelung: Naturschützerin schlägt Alarm

Dieser Ahornbaum im Wiesental war mehr als 100 Jahre alt. Nun steht nur noch ein Stumpf. Helmut Schüttemeier bedauert, dass die Stadt die Baumfällung nicht erläutert hat.

Dieser Ahornbaum im Wiesental war mehr als 100 Jahre alt. Nun steht nur noch ein Stumpf. Helmut Schüttemeier bedauert, dass die Stadt die Baumfällung nicht erläutert hat.

Foto: Ingo Otto

Bochum.   Der Beirat der Unteren Naturschutzbehörde beklagt „eine Landschaftsversiegelung ungeahnten Ausmaßes“. Er schrieb einen offenen Brief an den Rat.

Der Beirat der Unteren Naturschutzbehörde schlägt Alarm. In einem offenen Brief an den Rat prangert er eine „Landschaftsversiegelung ungeahnten Ausmaßes“ an. Das sei „besonders besorgniserregend“. „Wenn das so weitergeht, wird Bochum ,baumleer’ sein.“

Beiratsvorsitzende Heidi Hopkins will die aktuelle Situation offenbar nicht mehr hinnehmen. In ihrer Behörde herrsche ein „anhaltend gravierender Personalmangel“. Daher könne die Landschaftsplanung „nicht oder nur schleppend umgesetzt werden“. Das sei „seit Jahren“ zu beobachten. Von einigen Rodungen würde die Behörde vorher nicht einmal unterrichtet, zum Beispiel an der Querenburger Straße, wo vor wenigen Jahren ein kleiner, aber ökologisch wichtiger Wald für ein großes Wohnbauprojekt verschwand. Ersatz für die Bäume gebe es bis heute nicht.

Das Kollegium in der Behörde sei „total gefrustet“

„Die vom Gesetzgeber vorgeschriebenen Ausgleichsflächen für die Bauvorhaben sind in Bochum so gut wie nicht mehr vorhanden, so dass die eh wenigen, noch vorhandenen und schützenwerten Grünstrukturen immer weiter zurückgedrängt werden“, erklärt Heidi Hopkins. Die Stadt sei „erpicht“, weitere Gewerbe- und Wohngebiete auszuweisen. In den nächsten Jahren stünden in der Stadt eine Million Quadratmeter auf dem Spiel.

In der Naturschutzbehörde arbeiten weniger als zehn Mitarbeiter. Drei würden bald in Pension gehen, sagt Heidi Hopkins, aber von einer Ausschreibung wisse sie nichts. Das Kollegium sei „total gefrustet, nichts läuft“. Man sei „total überfordert“. Beispiel Kalweswald: Schon seit zehn Jahren solle er zum Naturschutzgebiet erklärt werden, aber das werde „auf die lange Bank geschoben mangels Kapazitäten und falscher Prioritäten in der Vergangenheit“.

„Ersatzpflanzungen halten längst nicht Schritt mit dem Fällen der Bäume“

Der Rat, schreibt die Beirätin, habe 2010 beschlossen, den Flächenverbrauch bis spätestens 2030 auf Null zu bringen. Zuletzt seien aber „unzählige Bäume für Bauvorhaben gefällt“ worden. Und: „Ersatzpflanzungen halten längst nicht Schritt mit dem Fällen der Bäume.“

Die Stadt sieht sich offenbar in einer Zwickmühle. Als Kommune müsse sie im Blick haben, „wie sie die städtebauliche Entwicklung möglichst verträglich für möglichst alle Interessensgruppen gestalten kann“. Bei den Stadtplanungen werde der Landschafts- und Naturschutz zwar „stets berücksichtigt, aber – ja - sie unterliegen in einer Großstadt durchaus der Abwägung“. Nicht immer könne um „Grün“ herumgebaut und an gleicher Stelle Ersatz gepflanzt werden. Wo es machbar sei, wachse aber die „grüne Infrastruktur“. So seien – zum Beispiel – Lückenschlüsse im Radewegenetz bepflanzt worden. Zudem seien verstärkt farbige blühende Straßenbäume gesetzt worden (Springerplatz, Speckschweiz z. B.). Insgesamt habe man im Winterhalbjahr 401 Bäume neu gepflanzt.

Im Rahmen einer „strategischen Umweltplanung“ (StruP) plant die Stadt, eine Datenbasis zu erarbeiten, um zu berechnen, wie viel Fläche in Bochum versiegelt ist.

>>Umstrittene Rodungen im Wiesental

„Ich war wie vom Blitz getroffen“, sagt Helmut Schüttemeier aus Weitmar. An fast jedem Morgen dreht er eine kilometerlange Runde durch das schöne Wiesental. Doch diesmal war seine Freude schwer getrübt: Die Motorsäge leisteten dort seit Montag ganze Arbeit: Sechs große und uralte Bäume – Ahorne, Pappeln, eine Zeder – sowie mehrere Birken und Kirschen sind im Auftrag der Stadt beseitigt für ein großes Kanalbauprojekt entfernt worden. Teilweise waren die Bäume mehr als 100 Jahre alt. In jeweils rund zehn Minuten war von ihnen nur noch ein Baumstumpf im Erdreich geblieben.

Die großen Bäume standen allesamt in Einzellage. „Im Sommer ist das ein Blick! Man meint, man wäre überhaupt nicht in der Stadt“, sagt Schüttemeier. Am Mittwoch um 8 Uhr sah er, wie die zwei großen uralten Pappeln in der Nähe der Teiche dran glauben mussten. „Da gingen alle Leute mit ihren Hunden her und schüttelten mit dem Kopf.“ Besonders scheint ihn der Verlust der bläulichen Zeder zu schmerzen. „Das war ja nicht einer von 100 000 Bäumen gewesen, das war eine Landmarke!“ Wenn die Baumfällung unvermeidbar sein sollte – nun gut. Aber man hätte die Anwohner vorher „informieren und mitnehmen“ sollen, ihnen die Rodung „erläutern“ sollen.

Vorbereitungen für große Kanalarbeiten

Die Baumfällung erklärt die Stadt als notwendige Vorbereitung für ein 2,6 Millionen Euro teures Kanalbauprojekt. Es erstreckt sich von der Hattinger Straße/Kulmer Straße über die Friederikastraße bis in die Parkanlage Wiesental in Höhe der Teiche unterhalb des Schwimmvereins. Ein großes Schachtbauwerk wird in die Tiefe gebaut. Bis voraussichtlich Herbst 2018 wird dort teilweise in Stollenbauweise ein neuer Kanal mit bis zu 2,40 Meter Durchmesser gebaut mit dem Ziel, den teilweise noch unterirdisch verlaufenden Marbach zu renaturieren. Schmutz- und Regenwasser werden getrennt. Auch auf dem Parkgebiet wird der neue Kanal verlaufen, die Bäume sind der Stadt deshalb im Wege gewesen. Die Rodungsarbeiten würden aber fachgutachterlich und „im Zuge einer ökologischen Baubegleitung betreut“, so die Stadt.

„Da wird ein Gesamtmerkmal des Parks grundlegend verändert“, sagt Richard Hoppe-Sailer, Professor für Kunstgeschichte an der Ruhr-Universität, über die Baumfällung. „Das ist ästhetisch ein schwerwiegender Eingriff.“

Anwohnerin Gabriele Mertens meint: Die Bäume hätten dem Wiesental „ihren Charakter gegeben“. „Geht es wirklich nicht natürlicher? Behutsamer?“ fragt sie die Stadt.

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