Ausstellung

Weg der Tränen: Bilder zum Massaker an Armeniern

Die Künstlerin Prof. Lisa Stybor zeigt einige ihrer Werken aus dem Zyklus „1915. Weg der Tränen“ in der ev. Stadtakademie.

Die Künstlerin Prof. Lisa Stybor zeigt einige ihrer Werken aus dem Zyklus „1915. Weg der Tränen“ in der ev. Stadtakademie.

Foto: Ralph Bodemer

Bochum.  Die Berliner Künstlerin Lisa Maria Stybor zeigt in der Evangelischen Stadtakademie Werke zum Massaker an den Armeniern.

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Auf die Knie zwingt es die Künstlerin bei ihrer Arbeit, auf Felsen, Mauerreste, Staub und Erde. Eine demütige Haltung. „Ich will keinen verletzen durch das, was ich tue“, sagt Lisa Maria Stybor. In der Evangelischen Stadtakademie zeigt die Berliner Künstlerin derzeit zehn Werke aus ihrem 20-teiligen Zyklus „1915. Aghet – Weg der Tränen. The Trail of Tears“.

„Das Thema ist so gewichtig“, sagt Stybor. Kürzlich erst rang die deutsche Regierung um Formulierungen, als am 24. April an die Vertreibungen und Massaker vor 100 Jahren im Osmanischen Reich erinnert wurde. Wissenschaftlichen Schätzungen zufolge kamen dabei bis zu 1,5 Millionen Menschen zu Tode. Armenier, aber auch aramäische und chaldäische Christen.

„Als Deutsche frage ich mich, welche Rolle wir dabei spielten“, sagt Stybor. Das Deutsche Reich war ein militärischer Hauptverbündeter des Osmanischen Reiches. „Haben die Deutschen es nur unterlassen einzugreifen, oder haben sie sogar mitgewirkt?“

Abriebe auf Papier festgehalten

Sechs Wochen lang reiste Stybor im vergangenen Jahr an Orte, an denen jene Gräueltaten verübt wurden, die bis heute so sehr mit Schmerzen, aber auch mit Tabus belegt sind. Die meisten liegen in der heutigen Türkei.

Auf ihrer Reise trug Stybor eingerollte Papierbögen, viele, viele Bleistifte und Zeitzeugenberichte im Gepäck, in denen Ereignisse, Gefühle, aber auch Landschaften beschrieben sind. „Ich betrachtete den Boden, die Mauern und Bäume und dachte: dies müssen die Deportierten gesehen haben. Hier sind ihre Füße gelaufen.“

Um diese Augenblicke und Spuren festzuhalten, legte die Künstlerin einen Bogen Papier an eine ausgewählte Stelle – auf Felsen, Bodenplatten, Burgmauern, an Hauswände oder Kirchentüren – und strich mit dem Bleistift darüber. „Der Abrieb zeigt meine eigenen Spuren einer Auseinandersetzung mit der Vergangenheit.“

Diffuse Formen in ungefärbter Zurückhaltung. Wobei der streifenförmige Abdruck eines Geländers am Istanbuler Haydarpaşa -Bahnhof (von deutschen Architekten gebaut) an Gleise erinnert, auf denen die Bagdad-Bahn (von deutschen Ingenieuren geplant) nach Anatolien fuhr.

„Es ist ein ähnliches Trauma wie in den USA mit den Indianern“, sagt Stybor, die in den 1980er-Jahren als Fulbright-Stipendiatin in Oklahoma war. Die Vertreibung von Indianern aus dem fruchtbaren Südosten in karge Gebiete im heutigen Bundesstaat Oklahoma wird als „Trail of Tears“ bezeichnet.

Bilder werden durch Texte ergänzt

Diesen Titel übertrug Stybor auf ihre aktuelle Ausstellung. Ergänzt werden die Bilder durch Texte des Potsdamer Theologen Johannes Lepsius, des armenischen Satirikers Yervant Odian und Augenzeugenberichte, die Corry Guttstadt und Seyda Demirdirek sammelten.

Das einzige Foto, das die Künstlerin am Werk zeigt, machte ein Taxifahrer in der türkischen Provinz Erzincan. In Schweigen und Einsamkeit seien ihre Arbeiten entstanden, sagt Stybor. „Ich möchte aber Orte und Bilder schaffen, die das Schweigen brechen.“ So wie die Orte, die sie selbst aufsuchte, Bilder in ihr hervorriefen: „Plötzlich sah ich durch das Schweigen hindurch diese Menschen, zerlumpt und krank, mühsam sich weiter schleppend, niederstürzend, hörte ihre Schreie und ihr Stöhnen. Und sie hörten nicht auf; das Schreien und das Leiden begleiteten mich, bis der Taxifahrer in Kemah ankam.“

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