Als vor 40 Jahren ein gewisser Eckhard Stratmann aus Bochum als erster Grüner überhaupt im Hohen Haus des Bonner Bundestags das Wort ergriff, saß kein geringerer als Willy Brandt als Alterspräsident direkt hinter ihm. „Brandt musste erst in einem Heftchen blättern, er kannte mich ja nicht“, erinnert sich heute Eckhard Stratmann-Mertens an seinen Auftritt. Der 75-jährige Bochumer hat immer noch viel zu sagen und erinnert sich an manches. Darüber hat mit ihm WAZ-Redakteur Michael Weeke gesprochen.
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Welche Erinnerung haben Sie an Ihre erste Rede im Deutschen Bundestag vor 40 Jahren, die ja zugleich überhaupt die erste Rede einen grünen Abgeordneten dort gewesen ist?
Stratmann-Mertens: Wir hatten eine Aussprache zur Rede des Alterspräsidenten Willy Brandt beantragt. Zunächst war gar nicht mehr vorgesehen, dass ich diesen Antrag begründen sollte. Während aber Brandt noch sprach, kam Joschka Fischer zu mir (damals parlamentarischer Geschäftsführer der Grünen, Anm. d. Red.) und sagte, „Du musst doch reden“ und dabei hatte ich gar nichts vorbereitet…
Und, waren Sie aufgeregt?
Stratmann-Mertens: Eigentlich nicht, ich hatte ja schon früher vor vielen Menschen gesprochen, außerdem bin ich Lehrer, das hilft. Ich kann mich wohl erinnern, dass ich die 20 Meter durch den Plenarsaal nach vorne gehen musste und die vielen Pressefotografen dort laut knipsten. Übrigens – anders als im Protokoll vermerkt – kannte Willy Brandt meinen Namen gar nicht. Die ersten Worte, die ein Grüner vor dem Deutschen Bundestag sagte, waren: „Ich bin der Abgeordnete Eckhard Stratmann aus Bochum…“
Mit grünem Pullover und roter Hose im Bundestag
Gab es Reaktionen auf diesen Auftritt?
Stratmann-Mertens: Das ging quer durch die Medien, nicht nur in Deutschland, sondern europaweit war das ein Thema (zeigt etliche Zeitungsausschnitte.) Das war schon was, ja, wir Grünen waren ein Unikum. Ich weiß noch, dass ich einen grünen Pullover und eine rote Cordhose trug, mein normales Outfit als Lehrer. Meine Schuhe wurden später überall als Turnschuhe bezeichnet, was aber gar nicht stimmt.
Sie sind ja Gründungsmitglied der Grünen und traten später aus der Partei aus…
Stratmann-Mertens: Das stimmt, das war 1999 wegen der Zustimmung der Partei zum Kosovo-Einsatz der Bundeswehr. Mit mir sind damals auch andere gegangen. Zu diesem Zeitpunkt war ich schon als Rot-Grün-Kritiker bekannt.

Schauen wir nach Bochum, Sie haben sich hier vielfältig engagiert.
Stratmann-Mertens: So war ich immer, vor allem die Zeit als einer der Sprecher der Bürgerinitiative Bochum gegen die DüBoDo war eine sehr intensive und arbeitsreiche Phase. Wir waren Fachleute und gefürchtet von der Gegenseite. Wenn die anderen Ferien machten, schrieben wir Eingaben. Da war meine Familie damals nicht begeistert. Zwischen 1995 und 2010 ist es uns gelungen, mit professionell organisiertem Widerstand auf vielen Ebenen den Bau der Querspange erheblich zu verzögern bis zur Niederlage vor dem Bundesverwaltungsgericht.
Ein Pfarrerssohn und engagierter Lehrer
Eckhard Stratmann-Mertens wuchs in Mülheim an der Ruhr und später Gelsenkirchen auf. Erst wollte der Pfarrerssohn seinem Vater folgen und studierte evangelische Theologie, zunächst als Vollstudium, später kamen Sozialwissenschaften und Geschichte dazu. Er wurde Lehrer und kam 1977 zum Albert-Einstein-Gymnasium in Bochum. 1979/80 war er Gründungsmitglied der Grünen, trat aber 1999, wegen der Unterstützung des Kosovoeinsatzes der Bundeswehr aus der Partei aus.
In seinem 2021 erschienenen Buch: Wir sind das Volk - Auf der Suche nach Identität (398 Seiten.), Untertitel: Jenseits von völkischem Nationalismus und der Doktrin vom Einwanderungsland Deutschland, setzte er sich unter anderem kritisch mit linken Thesen zu Migration auseinander.
Was war eigentlich ihr Antrieb für all dieses Engagement?
Stratmann-Mertens: Das war ein Persönlicher, weil ich ja ganz in der Nähe der Trasse wohne, und natürlich auch der Klimaschutz, der mich bis heute sehr bewegt.
In der damals hochemotionalen Debatte um die Fusion der Bochumer Gymnasien Ostring und Albert-Einstein, wo sie unterrichteten, haben sie sich stark beteiligt und Position bezogen für den Zusammenschluss.
Stratmann-Mertens: Das stimmt, mehr noch. Ich habe mich sogar in die Höhle des Löwen getraut und auf einer Versammlung in der Aula des altsprachlichen Gymnasiums am Ostring für die Fusion geworben. Die konnten mir nichts vormachen, ich habe ja selbst auf einem altsprachlichen Gymnasium Abitur gemacht.
Ich habe meinen eigenen Kopf
Was ist heute ihr Antrieb, was beschäftigt sie?
Stratmann-Mertens: Ich war ja eine ganze Zeit 15 Jahre bei Attac (Internationale Bewegung, die über wirtschaftliche und politische Ungerechtigkeiten informiert und kritische Aktionen startet, d. Red.), bevor ich die Organisation wegen unvereinbarer Auffassungen zur Flüchtlingspolitik wieder verlassen habe. Meine Position, die ich auch in einem Buch umfangreich erläutere, setzt sich kritisch mit der Mainstream-Position, Deutschland müsse auch künftig ein Einwanderungsland sein, auseinander. Ich bin nicht gegen Zuwanderung, aber für einen Stopp der Nettoeinwanderung, also mehr Zuzüge als Fortzüge pro Jahr. Dies scheint mir vor allem vor dem Hintergrund der vielfach gescheiterten Integration dringend nötig.
Es gibt Menschen, die Sie wegen Ihrer Hartnäckigkeit vielleicht als Nervensäge bezeichnen. Wie sehen Sie sich?
Stratmann-Mertens: Ich habe meinen eigenen Kopf und wenn der Begriff des „Querdenkers“ heute nicht verbrannt wäre, würde er zu mir passen. Ich bin ein Freidenker, ein freier Geist und lasse mich ungern in das Korsett einer Organisation pressen. Vielleicht bin ich auch deshalb heute parteilos.




