Theater

Theater Traumbaum meister „Märzstürme“ in Bochum mit Bravour

Birgit Iserloh und Ralf Lambrecht als Franziska und Ferdinand in einer Szene aus „Märzstürme“. Ihr Stück hat Tempo, wirkt wie improvisiert, und ist doch auf den Punkt durchinszeniert.

Birgit Iserloh und Ralf Lambrecht als Franziska und Ferdinand in einer Szene aus „Märzstürme“. Ihr Stück hat Tempo, wirkt wie improvisiert, und ist doch auf den Punkt durchinszeniert.

Foto: Traumbaum

Bochum-Gerthe.  Das Theater Traumbaum macht in „Märzstürme 1920“ den Kapp-Putsch und die Folgen fürs Ruhrgebiet zum Thema. Geboten wird Theater mit Aha-Effekt.

Das war eine ganz besonderer Premiere im Theater Traumbaum in Bochum: Die Produktion „Märzstürme“ wurde sozusagen zu „Herbststürmen“, denn das gleichnamige Jugendstück von Birgit Iserloh und Ralf Lambrecht kam aufgrund der Pandemie und deren Folgen mit über einem halben Jahr Verspätung auf die Bühne. Gemacht hat’s aber nichts, die Aufführung war 1a, und das wegen Corona äußerste minimierte Publikum im Kulturrat Gerthe feierte die beiden Akteure mit prasselndem Applaus.

Zu Recht, denn Iserloh und Lambrecht gelingt es, ein schwieriges Thema mit Lerneffekt und dennoch ungemein theaterwirksam zu vermitteln. „Märzstürme an der brennenden Ruhr 1920“ handelt vom Kapp-Putsch vor 100 Jahren. Ein Stück Ruhrgebietsgeschichte lebt auf.

Blutiges Kapitel der Geschichte

Der Titel klingt dramatisch, und das Thema ist es auch. Denn in der von den Theatermachern verfassten und inszenierten Aufführung geht es um ein blutigen Kapitel der deutschen Geschichte, das heute nur noch wenig präsent ist. Unverständlich, finden die beiden Schauspieler, denn mit dem Kapp-Putsch verbunden ist auch die Rettung der ersten deutschen Demokratie durch die Menschen aus dem Ruhrgebiet.

Hunderte Opfer des Bürgerkriegs

Das Theater Traumbaum fasst ein heißes Eisen an. Die 100. Wiederkehr des rechtsradikalen, von dem General Kapp angeführten Militärputsches und dessen Niederschlagung durch einen Generalstreik der Arbeiter fand in diesem Jahr kaum ein öffentliches Interesse. Dabei ist der Aufstand bzw. dessen Folgen für das Ruhrgebiet bedeutsam, denn es kam im März 1920 zum so genannten „Ruhrkampf“. Nach Abwehr des Putsches wollten linksgerichtete Gruppen die Macht im Revier übernehmen.

Die SPD-geführte Reichsregierung ließ den Arbeiteraufstand aber durch paramilitärische Freikorps niederschlagen. Es war ein blutiger Bürgerkrieg, dem hunderte Berg- und Hüttenarbeiter zum Opfer fielen.

In „Märzstürme“ stellen Iserloh und Lambrecht als Franziska und Ferdinand zwei junge Leute aus dem Ruhrgebiet dar, die in die politischen Wirren ihrer Zeit hineingezogen werden. Genau genommen, wollen sie nichts anderes als ein menschenwürdiges Leben: gerechte Bezahlung für die Maloche unter Tage, eine ausreichende Versorgung mit Lebensmitteln, die Wertschätzung als Mensch, nicht als höriger „Untertan“, den es nach dem Ende der Monarchie doch gar nicht mehr hätte geben sollen.

Erschießung vor der weißen Wand

Franziska und Ferdinand nehmen das Unrecht nicht hin, gehen schließlich in den Widerstand und kämpfen gegen die Putschisten. Sie werden gefangen genommen und erschossen. Mit dem Füsilieren der Zwei vor der weißen Wand startet die Aufführung ungemein eindringlich, dann wird das Geschehen aus der Erinnerung der Toten erzählt. Es entstehen packende, exakt geführte Momente, die wie improvisiert scheinen, etwa, wenn ein Kochtopf zum Generalshelm wird oder Kaiser Wilhelm als Puppe erscheint. Iserloh und Lambrecht agieren auf einer Bretterkonstruktion, die zum Streb unter Tage wird, zum Leseband der Zeche, zum Krämerladen oder zur heimischen Wohnküche. Hier gewinnt die Fantasie an Macht.

Happy-End bleibt aus

Mit wie viel Einfallsreichtum die Szenen, die in schneller Folge entwickelt werden, ausgespielt werden, nötigt Respekt ab. Die Tragik der Geschichte um Ferdinand und Franziska wird allerdings wenig gelindert und nicht beschönigt. Es gibt kein Happy-End. Der heute vergessene Bürgerkrieg, er bleibt ein Drama.

Geboten wird kein politisches, belehrendes Theater, aber es wird gezeigt, welche direkten Konsequenzen der Putsch und der Ruhrkampf gerade für die „kleinen Leute“ hatte. Die Aufführung, die sich an Jugendliche richtet, leistet damit einen wichtigen Beitrag gegen das Vergessen.

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