Nazizeit

Junge VfL-Fans erkunden dunkles Kapitel der Stadtgeschichte

 Florian Kovatsch (li.) und Alex Ranft zeigen die neue Broschüre; sie stehen an der Luisenstraße, wo die Familie Gottschalk zuletzt gewohnt hat und Stolpersteine an sie erinnern.

 Florian Kovatsch (li.) und Alex Ranft zeigen die neue Broschüre; sie stehen an der Luisenstraße, wo die Familie Gottschalk zuletzt gewohnt hat und Stolpersteine an sie erinnern.

Foto: Foto Awo

Innenstadt.  Jugendliche sammeln Geschichten jüdischer Fußballer in Bochum, der Spieler von TuS Hakoah. Sie erstellen die Broschüre „Erinnerungsorte“.

Die Broschüre „Erinnerungsorte am Fußballstandort Bochum“ geht in eine neue Runde. Nach der erfolgreichen Erstauflage haben sich erneut jugendliche VfL-Fans zusammengesetzt und unter Anleitung des Fanprojekts Bochum – Träger ist die Awo Bochum – ein starkes Stück städtische Erinnerungskultur zusammengetragen. Die Bochumer Arbeitsgruppe „Erinnerungsorte Bochum - 1938 nur damit es jeder weiß“ ist damit ein wichtiger Baustein zur Erinnerungsarbeit der Landesarbeitsgemeinschaft der Fanprojekte NRW (LAG) geworden, die Projekte dieser Art an landesweit sieben Standorten forciert und jetzt die 4. Fußball-Kulturtage NRW mit einem vielfältigen Programm präsentierte. Dazu passend erschien die Broschüre.

„Wir konnten schon bei der Arbeit zur ersten Broschüre feststellen, dass wir in Bochum ganz viele Erinnerungsorte haben, die im Rahmen einer solchen Aufarbeitung berücksichtigt werden sollten. Da lag es nahe, eine weitere Ausgabe zu gestalten, mit der wir noch einmal ganz neue Schwerpunkte setzen“, schildert Fanprojekt-Mitarbeiter Florian Kovatsch. Ausgangslage war der Fußball; aber auch Themen darüber hinaus, wie etwa Architektur, wurden behandelt.

Tochter wurde im KZ geboren und starb in Auschwitz

So findet auch diese Version wieder Anlehnung an den Fußballstandort Bochum – passend zur Herausgeberschaft, den VfL-Fans. Erich Gottschalk etwa war Kapitän von TuS Hakoah Bochum, jüdischer Fußballmeister 1938. Ihm und seiner Familie sind Stolpersteine in der Luisenstraße gewidmet, die Arbeitsgruppe ist seiner Geschichte bis ins niederländische Lager Westerbork gefolgt und hat der Familie ein ganzes Kapitel eingeräumt. Besonders erschreckend und bewegend für die Jugendlichen aus Bochum: Tochter Renee wurde in jenem Lager geboren und starb in Auschwitz. Ihre drei Lebensjahre verbrachte sie allesamt in Konzentrationslagern.

Zentrale Orte in der Stadt

Doch auch weitere Spieler der Hakoah-Meistermannschaft finden Erwähnung. „Nach und nach wurden die Fußballer in Konzentrationslager gebracht, so dass der Verein nur etwa bis 1938 existieren konnte“, erklärt Christopher Becker von der Awo Bochum. Ebenso zentrale Plätze und Orte in Bochum, die bereits im Nationalsozialismus eine Rolle gespielt haben und bis heute zugänglich sind. Daher kann die Broschüre zugleich als kleiner Stadtführer dienen. Auch hier schließt sich der Kreis, schließlich war es schon mit Teil eins möglich, die genannten Orte in Innenstadtnähe aufzusuchen.

Doch bleiben auch aktuelle Themen nicht außen vor. Die Geschichte der Fleischerei Dönninghaus war zuletzt in aller Munde, Simon Zimmer hat seine Recherchen über den jüdischen Vorbesitzer des heutigen Ruhrstadion-Lieferanten in der Broschüre niedergeschrieben, seine Enteignung und Ermordung. „Wir decken damit ein breites geschichtliches Spektrum innerhalb der historischen Aufarbeitung des Nationalsozialismus in Bochum ab. Aber wir sind keine Historiker. Unser Ziel war und ist es, anderen Fußballfans ein niederschwelliges Angebot zumachen, sich mit dem dunkelsten Kapitel unserer Vergangenheit zu beschäftigen. In Zeiten, in denen rechtspopulistische Parolen scheinbar wieder salonfähig werden,erscheint uns unsere Arbeit und damit eine Sensibilisierung für das Thema umso wichtiger“, betont Alex Ranft, Mitglied der Arbeitsgruppe „Erinnerungsorte Bochum -1938 nur damit es jeder weiß“.

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