Ladendiebstahl-Prozess

Gericht kann Zwillinge nicht auseinanderhalten: Freispruch

Verteidiger Christoph Pindur (li.) neben dem angeklagten Zwilling.

Verteidiger Christoph Pindur (li.) neben dem angeklagten Zwilling.

Foto: Bernd Kiesewetter

Bochum.   Das Amtsgericht Bochum musste in einem Ladendiebstahl-Prozess eineiige Zwillinge auseinanderhalten. Das klappte nicht. Folge: Freispruch!

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So einen skurrilen Fall hat das Amtsgericht Bochum nur alle Jubeljahre, wenn überhaupt: Es musste am Montag eineiige Zwillinge (39) zweifelsfrei auseinander halten, um zu klären, welcher von beiden ein besonders dreister Ladendieb ist.

Das gelang den Richtern aber nicht. Die Folge: Freispruch mangels Beweisen. Im Publikum zischte jemand: „Ein Freifahrtschein zum Klauen.“

Ladendieb klemmt sich Gasgrill unter den Arm und spaziert hinaus

Am 23. und am 24. Mai 2016 hatte ein Ladendieb in einem Kaufhaus an der Kortumstraße mit einer Abgebrühtheit gestohlen, die nicht so schnell ihresgleichen sucht. Als würde er extra für ihn bereitgelegte Pakete abholen wollen, spazierte er in den Eingangsbereich des Ladens, klemmte sich einen Karton mit einem Gasgrill (99 Euro) unter den Arm und stiefelte seelenruhig wieder hinaus, ohne zu bezahlen. Beim Betreten putzte er sich sogar noch die Schuhe auf einer Matte ab.

An beiden Tagen beging er in dem Laden acht Diebstähle dieser oder ähnlicher Art und jeweils im Abstand von nur wenigen Minuten. Fast immer packte er Gasgrills ein, einmal auch Geschirr, einmal eine Etagere.

Überwachungskamera filmte die Taten

Eine Überwachungskamera filmte die Taten in guter Qualität. Einen Monat später entdeckte der Ehemann (42) der Filialleiterin (27) den jetzt Angeklagten an der Kortumstraße. Er dachte: „Mensch, der sieht genauso aus wie der auf dem Video!“ Er rief sofort die Polizei – und die Beamten stellten die Personalien des Bochumers sicher.

Schnell stellte sich heraus, dass er einen Zwilling hat. „Ich kann sie nicht auseinanderhalten“, sagte der Zeuge, als er die Brüder gestern im Gerichtssaal sah.

Einer war der Angeklagte, der andere Zeuge. Bis auf wenige Details trugen beide die gleiche Kleidung und den gleichen Bart. Auch die Figur war gleich. Ebenso das Aussageverhalten: Sie schweigen.

Gutachter: Angeklagter sei zu 99,9 Prozent der Täter

Zur Unterstützung holte Richter Dr. Axel Deutscher den bekannten Sachverständigen Dr. Cornelius Schott; er sollte auf Basis des Videos ein anthropologisch-biometrisches Identitätsgutachten erstatten. Sein Fazit: Der Angeklagte – und nicht sein Bruder – sei zu 99,9 Prozent der Täter. „Das ist ein sicheres Ergebnis, bei dem es keine Restzweifel gibt.“

Es sei „ein Trugschluss“ zu meinen, dass sich eineiige Zwillinge nicht unterscheiden würden. Er hatte das Video, vergrößerte Ausschnitte daraus und Fotos der Brüder genau miteinander verglichen: zum Beispiel die Nasenwurzelpartie, die Nasenspitzenvorderwand, die Mundspalte, die Oberlippenpartie und vor allem die Ohrformen. „Das Ohr ist wie ein Fingerabdruck“, sagte Schott. „Genauso beweiskräftig.“

Ausschnitte aus dem Video waren dem Amtsgericht zu unscharf

Trotz Schotts fester Überzeugung rumorten im Gericht aber Zweifel. Grund: Die Ausschnittvergrößerungen des Videos waren dem Gericht doch zu pixelig, zu unscharf. Das reichte dem Gericht nicht für einen Schuldspruch, der ja nur dann erfolgen darf, wenn es keine vernünftigen Zweifel gibt. Daher der Freispruch. „Einer von Ihnen beiden wird’s gewesen sein“, sagte Richter Deutscher. Und direkt zum Angeklagten: „Es spricht einiges dafür, dass Sie es waren.“

>>> Freispruch erfolgte nach „Stuhlberatung“

  • Die Zweifel des Gerichts waren so groß, dass es sich nach den Plädoyers nicht einmal mehr zurückzog und den Freispruch nach einer „Stuhlberatung“ (so der Richter“) verkündete. Auch die Staatsanwältin hatte Freispruch beantragt.
  • Dr. Schott arbeitet seit 30 Jahren als Gutachter und hat 600 bis 800 Fälle pro Jahr, wie er sagte. Er habe zwar schon mal danebengelegen, aber nicht, wenn er sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sicher war.
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