Schauspielhaus

Elsie de Brauws Bühnenkunst sendet Wellen ins Publikum aus

Szene aus „Gift. Eine Ehegeschichte“ mit Elsie de Brauw und Steven van Watermeulen.

Szene aus „Gift. Eine Ehegeschichte“ mit Elsie de Brauw und Steven van Watermeulen.

Foto: Phile Deprez

Die niederländische Darstellerin Elsie de Brauw gehört neuerdings fest zum Bochumer Ensemble. Mit Intendant Johans Simons verbindet sie viel.

Bochums Theaterpublikum muss sich mit dem Intendantenwechsel an viele neue Gesichter auf der Bühne gewöhnen, aber „muss“ ist eigentlich die falsche Vokabel. Vielmehr sollte man, so der Eindruck der ersten Wochen, froh sein, nun Klasse-Künstler vom Schlage einer Sandra Hüller, einer Anna Drexler und eines Pierra Bokma erleben zu dürfen. Nicht zu vergessen: Elsie de Brauw.

Ebenso zerbrechlich wirkend wie kraftvoll

Die 1960 in Den Haag geborene Aktrice ist hierzulande vor allem durch ihre Arbeit für die Ruhrtriennale bekannt, man denke an Johan Simons’ Inszenierung von Pasolinis „Accattone“ in der düsteren Zechenhalle in Dinslaken, wo sich die zierliche, zerbrechlich wirkende Künstlerin nachdrücklich in Szene setzte – ebenso in weiteren Triennale-Produktionen, etwa „Die Fremden“, „Learning to Walk“ oder „Cosmopolis“. Aktuell liefert de Brauw in den Kammerspielen in „Gift. Eine Ehegeschichte“ eine Probe ihres Könnens ab. Es ist eine Rolle, die sie gut kennt, denn sie war bereits vor zehn Jahren in der niederländischen Uraufführung von Lot Vekemans Schauspiel als verzweifelte Ehefrau zu sehen. Diese hat nicht nur ihren Sohn (tot) und ihren Mann (Trennung) verloren, sondern auch den Halt in der Welt – und in sich selbst.

Wie Elsie de Brauw diese Figur, hin- und hergerissen zwischen flippiger Nervosität und düsterer Melancholie als lebenshungrige Tänzerin im Sturm und Ikone des Leidens ausbalanciert, das ist große Kunst und bleibt dem Zuschauer im Gedächtnis haften. Denn sie mag eine zierliche Person sein, ihr Auftritt ist alles andere als das. Sie wirkt unprätentiös und strahlt doch eine Kraft aus, die Wellen ins Publikum aussendet. Was man in „Gift“ exemplarisch erleben kann.

Zwar könnte die im Stück angelegte Behäbigkeit aus Schwellenangst und Sprachlosigkeit der beiden Eheleute auf eine gewisse Ausweglosigkeit zulaufen – ein Ende, wie es Heike M. Götze in ihrer Bochumer „Gift“-Adaption 2015 gewählt hat. Aber möglich ist eben doch auch jener kleine Raum der Hoffnung, der zwischen zwei Menschen entsteht, die im Guten wie im Schlechten viel miteinander durchgemacht haben. So zeigt es Johan Simons in seiner Einrichtung. Und Elsie de Brauw führt es am Schluss von „Gift“ dem Zuschauer nicht nur vor, sondern lässt es ihn spüren und fühlen.

Preis als „Beste Schauspielerin“

Die Künstlerin studierte von 1984 bis 1988 Schauspiel an der Theaterakademie in Maastricht und war lange am NT Gent und an den Münchner Kammerspielen engagiert. Für ihre Rolle als Myrtle in John Cassavates „Opening Night“ (Regie Ivo van Hove) wurde sie 2006 mit dem „Theo d’Or“ als beste Schauspielerin ausgezeichnet. 2011 erhielt sie erneut einen „Theo d’Or“, diesmal für „Gift“.

Nun also ist sie festes Ensemblemitglied am Schauspielhaus, und wer sich schon einmal gefragt hat, warum sie so oft mit Johan Simons zusammenarbeitet, der wird als Antwort stichhaltige künstlerische Gründe finden. Aber es gibt noch einen anderen: Der Intendant und die Schauspielerin sind seit vielen Jahren verheiratet.

Gift“ ist heute (13.) um 20 Uhr sowie am 15. und 20. Januar, jeweils um 19.30 Uhr, wieder im Spielplan. Karten unter Tel. 0234/ 3333 5555.

>>> Theaterkeller wird zum Laboratorium für Kunst

Das frühere Theater Unten im Schauspielhaus hat Intendant Johan Simons bekanntlich zum „Oval Office“ umgewidmet. Statt Intensivtheater auf enger Bühne gibt es im Oval des Schauspielhaus-Kellers jetzt intensive Kunst. Das aktuelle Projekt heißt „Dust/Orbis Lumen“, stammt von dem Berliner Medienkünstler Michael Saup (*1961) und will ab heute nachhaltig Wirkung auf die Besucher erzielen. Eröffnung um 20 Uhr.

Saup schafft einen begehbaren Kunstraum zum Thema „Umweltverschmutzung“. So widmet sich „Dust“ der Feinstaubbelastung von Ruhrgebietsstädten, die in Saups Installation in Echtzeit als Virtual Reality-Simulation erfahren werden kann. Wer die VR-Brille aufsetzt, findet sich in Straßenzügen von Bochum, Duisburg oder Essen wieder – und kann im virtuellen Raum die Schmutzpartikel als Teilchen um sich herumfliegen sehen. So wird die Luftverschmutzung am eigenen Leibe erfahren.

In „Orbis Lumen“ legt Michael Saup eine dreidimensionale Karte der Erde aus, die aus über 40.000 Zuckerwürfeln besteht und von einer Sequenz sämtlicher nuklearer Explosionen von 1945 bis heute erleuchtet wird. Dabei wird deutlich, wie die extremste von der Menschheit freigesetzte Kraft die Atmosphäre für immer verändert. Und warum die vermeintliche Beherrschung der Atomkraft in Wirklichkeit die Wiederholung eines tiefgreifenden Fehlers und die fortwährende Verschlimmerung dieses Irrtums ist.

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