Gartenkultur

Dieser Prachtgarten ist ein Ort der Entschleunigung

Susanne Kissinger hinter Rosen und Hortensien. Am Ende des schmalen Gartens steht noch eine finnische Kota (Holzhaus) zum Grillen und Gemütlichmachen.

Susanne Kissinger hinter Rosen und Hortensien. Am Ende des schmalen Gartens steht noch eine finnische Kota (Holzhaus) zum Grillen und Gemütlichmachen.

Foto: Dietmar Wäsche / FUNKE Foto Services

Bochum.   Der Garten von Susanne Kissinger gehört zu denen, die am 15./16. Juni ihre Pforten öffnen. Bitte hingehen, staunen - und Anregungen mitnehmen.

Schon der Vorgarten der kleinen Doppelhaushälfte ist ein Hingucker. In zahlreichen bienenfreundlichen Blüten wie dem leuchtenden Mohn beglücken die Bienen den Besucher mit einem unüberhörbaren Summ-Konzert. Ein paar Schritte weiter, unter einer Pergola voller Wein hindurch, öffnet sich dann das vollständige Gartenreich. Geschaffen hat dieses Kunstwerk inmitten einer ruhigen Wohnsiedlung im Stadtteil Bergen Susanne Kissinger.

Am Wochenende des 15. und 16. Juni öffnet die OP-Schwester neben sechs weiteren Gartenbesitzern in Bochum und Hattingen wieder ihre Gartenpforte an der Schulteschen Heide 42 für die Öffentlichkeit: Seit zehn Jahren beteiligt sie sich an der Aktion „offene Gärten in Bochum“. „Für jeden teilnehmenden Garten ist es eine logistische Herausforderung, den Garten rechtzeitig fertig zu haben.“ Der Beruf, das Wetter – „und dann hat man im Leben ja noch andere Verpflichtungen“.

Übersichtlichkeit erzeugt in der Gartengestaltung Langeweile, Verwinkelung Neugier

Der Garten ist mit 300 bis 400 Quadratmetern Fläche zwar nicht besonders groß und recht schmal, aber überschaubar ist er trotzdem nicht und das soll er auch nicht sein. Deshalb hat Susanne Kissinger ganz bewusst und mit viel Geschmack und gutem Auge zahlreiche kleine Räume und Nischen geschaffen, in denen es immer wieder etwas zu entdecken gibt. „Der Garten soll geheimnisvoll sein“, sagt sie. Die Ecken sollten „lauschig“ sein. „Auch als Besitzer soll man sich darauf freuen können, ob schon wieder etwas Neues blüht.“ Jeden Tag erscheine ihr Garten anders, allein schon weil das Licht immer ein anderes sei. „Wie Kino“ kommt ihr das manchmal vor. Die Kinomusik liefern die sehr zahlreichen Vogel, die es sich dort gutgehen lassen.

Überall findet der Besucher Hortensien und Rosen, in fast allen Variationen, viel Efeu, viel Salbei, viel Clematis, Malve, Farne, Storchschnabel und – die Liste hier ist natürlich nicht vollständig – auch Duftnesseln: „Da sitzen Hunderte Bienen und Schmetterlinge drauf, das glauben Sie nicht.“

„Ich will nicht alles perfekt haben“

Angereichert und aufgelockert wird der längliche Garten mit kleinen Steinfiguren und schönen anderen Details wie zum Beispiel dem alten Holzstuhl, durch dessen Lehnen sich mitten hindurch eine Weide über Jahre hinweg den Weg zur Sonne gebahnt hat. Ein Kunstwerk allein schon dies.

Ein reiner Naturgarten ist es nicht; dafür ist er zu aufgeräumt, zu geordnet. „Ich will nicht alles perfekt haben, aber auch nicht, dass Blumen auf dem Boden liegen.“ Trotzdem atmet er wie alle wirklich interessanten Gärten genug Wildheit und Ursprünglichkeit. „Für mich ist es ganz wichtig, dass ich im Einklang mit der Natur bin.“ So holt sie sich zum Beispiel Zubehör wie Stützen für ihre Pflanzen wenn möglich nicht im Gartencenter, sondern baut sie sich selber – mit alten Ästen.

Einmal pro Woche hat Susanne Kissinger eine Hilfe im Garten. Sonst wäre die Dauerpflege unmöglich. Aber die viele Arbeit lohnt sich. Das von Herbert Grönemeyer beschriebene „Sekundenglück“ spüre sie dort. Und sie sagt noch etwas, das wohl viele Gartenfreunde unterschreiben würden: „Durch den Garten werde ich persönlich entschleunigt.“ Der Garten lehre, wieder Geduld zu haben in einer schnelllebigen Zeit.

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