Den Bürgern des Ruhrgebiets ein Stück Erdgeschichte näherzubringen war der Wunsch des Geologen Prof. Carl Hahne. Er gilt als geistiger Vater des Geologischen Gartens in Bochum, der vor 50 Jahren eröffnet wurde.
Am 29. September 1972 war es soweit: Hahne führte zunächst die Beiratsmitglieder des Arbeiter-Samariter-Bundes durch die kleine, beschauliche Anlage in der Nähe der Querenburger Straße. Danach wurde der einzige geologische Lehrgarten des Ruhrgebiets „seiner Bestimmung übergeben“, wie die WAZ vor 50 Jahren schrieb, und für die Bevölkerung geöffnet. „Bochumer spazieren nun durch die Erdgeschichte“, hieß es am 30. September 1972 in der Zeitung.
Geologischer Garten in Bochum ist auch heute noch beliebt
Und das tun sie auch heute noch. Wie Saskia, die ihre Freundin Leona (beide 23) mitgebracht hat. „Ich bin zum zweiten Mal hier“, erzählt Saskia. „Ich fand es so schön, dass ich dachte, ich zeige Leona die Anlage mal. Ich mag die Natur und dass es hier so schön ruhig ist. Man hat überhaupt nicht das Gefühl, mitten in der Stadt zu sein.“
Leona, die nicht aus Bochum kommt und bei ihrer Freundin zu Besuch ist, sagt: „Ich finde es superschön hier. Mir gefallen die Herbstfarben. Der Garten erinnert mich an Erdkunde in der Schule. Es ist cool, dass mal wirklich zu sehen. So ist das erlebbar und man sieht es nicht nur in einem Buch.“
Erklärtafeln weisen die Weg durch die Erdgeschichte
Auch für Leor (27) ist es der erste Besuch. Iam zeigt ihr die Anlage. Der 49-Jährige sagt: „Der Geologische Garten ist einfach ein sehr schöner Ort, wenn man sich mal zurückziehen möchte. Er ist so ruhig und isoliert. Ich finde aber auch den Blick in die Erdgeschichte toll. Die Natur, die Erdgeschichte, die Connection zum Kohleabbau – das ist einfach eine interessante Kombination.“

„Ich finde die Erklärtafeln richtig gut“, sagt Leor. „Es ist total spannend, wenn man durch die Gegend läuft und Erklärungen bekommt, was hier vor Millionen von Jahren war. Für mich ist das ein Stück Entschleunigung, wenn man in die Vergangenheit zurückschaut und sieht, wo das alles herkommt.“
300 Millionen Jahre Erdgeschichte auf 1,6 Hektar
An wenigen Orten ist der Aufbau des Steinkohlen- und Deckgebirges, wie er für das Ruhrgebiet typisch ist, so gut zu sehen wie in der rund 1,6 Hektar großen Anlage nahe der Stadtteilgrenze zwischen Altenbochum und Wiemelhausen.

Deutlich zu erkennen sind die schichtweisen Ablagerungen aus 300 Millionen Jahren. Auch das Material, das das Ruhrgebiet zu dem gemacht hat, was es heute ist, tritt hier ans Tageslicht: Kohleflöze, entstanden aus pflanzlichen Ablagerungen, sind ebenso gut zu erkennen wie Sandsteinbänke, Tonschichten und das jüngere Deckgebirge, das erst seit 100.000 Jahren hier abgelagert ist.
Auf dem Gelände waren einst Steinbruch, Ziegelei und Zeche
Zwar sind die Erdschichten natürlich entstanden, der Einblick in die Erdgeschichte ist an dieser Stelle allerdings nur möglich, weil der Mensch eingegriffen hat. So war der jetzige Lehrgarten einst ein Steinbruch. Erst dadurch wurde der Boden so eingeschnitten, dass sich den Besucherinnen und Besuchern heute der Blick auf die verschiedenen Gesteinsschichten im Querschnitt bietet. Auf dem Gelände waren bereits eine Zeche, eine Ziegelei und ein Steinbruch angesiedelt.
Rund um die Uhr geöffnet
Der Geologische Garten Bochum zählt zu den Nationalen Geotopen. Dazu hat ihn 2019 die „Akademie der Geowissenschaften zu Hannover“ erklärt.
Im (erweiterten) Ruhrgebiet gibt es fünf prämierte Nationale Geotope. Außer dem Geologischen Garten in Bochum sind das ein ehemaliger Ziegeleisteinbruch in Hagen, das Felsenmeer bei Hemer im Sauerland, der historische Kohlenbergbau im Muttental bei Witten und die Kluterthöhle in Ennepetal.
Aufgrund dieses überregional bedeutenden geologischen Erbes ist das Ruhrgebiet seit 2006 ein „Nationaler GeoPark“. Um diese Auszeichnung zu erhalten, müssen die geologischen Stätten nicht nur vorhanden, sondern auch für die Öffentlichkeit zugänglich und erlebbar sein.
Der Geologische Garten ist rund um die Uhr geöffnet und über den Schulhof des Schulzentrums an der Querenburger Straße und über den Grünzug an der Kleingartenanlage Friederika zugänglich.
Doch schon Jahrhunderte zuvor wurde das Gelände von Menschen genutzt. Vor über 250 Jahren begannen die früheren Bewohner hier mit dem Abbau von Kohle und Eisenerz. Zunächst von oberflächennahen Stollen aus, später aus bis zu 300 Meter tiefen Schächten gewann die Zeche Friederika bis 1907 hier ihre Rohstoffe. 1925 errichtete die Gelsenkirchener Bergbau AG auf dem Gelände eine Ziegelei für den Eigenbedarf und legte unmittelbar daneben einen Steinbruch an. Dieser wurde 1959 stillgelegt und abgerissen.
Gesamte Gelände steht unter Naturschutz
1962 wurde das gesamte Gelände unter Naturschutz gestellt. Der Ausbau zum Geologischen Garten erfolgte in den Jahren 1971 und ‘72. Seit 1974 ist die Anlage als Naturdenkmal ausgewiesen. Insbesondere die Meeresablagerungen aus der Kreidezeit, die horizontal über den gefalteten Sandsteinen des Oberkarbons liegen, stellen eine Besonderheit dar, die es in dieser Form sonst nicht oft zu sehen gibt.
Hauptsächlich wurden die Gesteinsschichten, wie sie jetzt zu sehen sind, durch den Rückgang des Meeres, das Abtragen von weichen Gesteinen durch Wind und Wasser und die Gebirgsfaltung geschaffen. Aber nicht nur die Steine, auch die Bäume passen zum Thema Vorzeit: Im Park stehen Ginkgo-Bäume und Urwelt-Mammutbäume. Beide existieren bereits seit tausenden von Jahren in dieser Form und ähneln den Bäumen, aus denen vor rund 300 Millionen Jahren die Kohleflöze entstanden.


