Ehrentag

Bochumer Architekt Roman Reiser feiert 100. Geburtstag

Roman Reiser im Garten vor seinem Haus, das er 1964 selbst entworfen hat. Am 18. September wird der renommierte Architekt 100 Jahre alt.

Roman Reiser im Garten vor seinem Haus, das er 1964 selbst entworfen hat. Am 18. September wird der renommierte Architekt 100 Jahre alt.

Foto: Olaf Ziegler / FUNKE Foto Services

Bochum.  Mit seinen Gebäuden hat Roman Reiser Bochum geprägt wie kaum ein anderer. Auch mit 100 hat der Architekt einen wachen Blick auf die Entwicklung.

100 Jahre! Der Bochumer Architekt Roman Reiser mag es selbst kaum glauben, dass er am Freitag, 18. September, dieses biblische Alter erreicht. Im Kreises seiner großen Familie – vier Kinder, 14 Enkel, zehn Urenkel – genießt der Jubilar den Ehrentag in seinem Haus im Ehrenfeld, das er 1964 selbst entworfen hat.

Die offizielle Feier des Bundes Deutscher Architekten (BDA) zu Ehren des langjährigen Vorsitzenden fällt Corona-bedingt aus. Gleichwohl freut sich Roman Reiser über zahlreiche Glückwünsche, die ihn erreichen, und die samt und sonders von einer jüngeren Generation kommen. Denn Weggefährten von früher gibt es nicht mehr, „ich habe alle überlebt“, stellt der Baumeister lakonisch fest.

Ein prägender Stadtgestalter

Reiser gehört zu den prägenden Stadtgestaltern der Nachkriegsjahre. Auch wenn viele seinen Namen nicht kennen, so ist doch im Wortsinn jeder Bochumer mit Reisers Bauten irgendwie verbunden. Unzählige öffentliche und private Gebäude – vom „Europa-Haus“ gegenüber dem Hauptbahnhof über das Kloster Stiepel bis zum Studentenwohnheim „Hegge-Kolleg“ an der Glücksburger Straße – sind an seinem Zeichentisch entstanden.

Vielleicht Reisers markanteste Hinterlassenschaft ist das verspiegelte, 20-stöckige Hochhaus der Knappschaft an der Königsallee, Mitte der 1970er Jahre für die damalige Bochumer Mineralöl-Gesellschaft entworfen, und deshalb heute noch als „Bomin-Haus“ bekannt. Doch trifft der mächtige Solitär an der Stadtautobahn inzwischen nicht mehr den Geschmack seines Erbauers.

Sein Wort hatte Gewicht

„Durch den von der Knappschaft vorgenommenen Umbau ist mein Entwurf komplett verändert worden, das hat mir gar nicht gefallen“, sagt der Jubilar. Und fügt mit Bestimmtheit hinzu: „Das können Sie ruhig so schreiben!“

Roman Reiser ist einer, dessen Wort Gewicht hatte, der Chancen zu nutzen verstand, der deshalb tiefe Spuren hinterlassen konnte. Er kam, Jahrgang 1920, nach Krieg und Studium 1949 aus München nach Bochum, wurde heimisch, gründete eine Familie. Die beruflichen Aufgaben lagen damals sozusagen vor der Tür. Das zerstörte Bochum brauchte den Neuanfang, nicht nur politisch, auch stadtplanerisch. Privatleute, die öffentliche Hand und – damals noch stark und mächtig – der Bergbau waren seine Auftraggeber. Bereits 1954 machte sich Reiser mit seinem Architektenbüro selbstständig; „der Wiederaufbau war meine Herausforderung“, sagt er.

Postämter in Werne und Langendreer

Kontakte zum Bergbau brachten die ersten Aufträge. Vor allem ging es um die Schaffung von Wohnraum, Einfamilienhäuser waren Reisers erste Objekte als freier Architekt, aber auch die Postämter in Werne und Langendreer stammen von ihm.

Einmal etabliert, konnte sich Reiser über Arbeit später nicht beklagen. Mit den Jahren wuchsen die Städte, die Bauten auch: Ein Meilenstein in seinem Œuvre war 1960/61 das Europa-Haus, ein 60 Meter hoher Büroturm mit angeschlossener Geschäftszeile im damals gefragten International Style. „Damit wollte ich einen weithin sichtbaren Akzent für die neue Innenstadt schaffen“, sagt Reiser. Der Blickfang war für lange Zeit das höchste Gebäude Bochums.

„Gestaltungsqualität hat gelitten“

Auch mit 100 bleibt Roman Reiser aufgeschlossen für seine Passion, das Planen und Bauen. „Ich verfolge die aktuellen Entwicklungen in der Bochumer Architektur aufmerksam“, sagt er. Und? Wie ist sein Eindruck? „Vieles, was entsteht, hat nicht mehr die Wertigkeit, die Gebäude früher hatten“, sagt der Jubilar. Auch die Gestaltungsqualität habe gelitten. Ein Beispiel? „Sehen Sie sich die Entwürfe für die Neubebauung des Gerichtsgeländes am Husemannplatz an: sehr einfallslos!“, sagt der Architekt mit einem Kopfschütteln.

Gleichwohl weiß auch Roman Reiser, dass eine Stadt beständig im Wandel ist, dass auch die Architektur Modeströmungen unterliegt, dass Werden, Bestehen und Vergehen einen Dreiklang bilden, der zu allen Zeiten gültig war. „Ich habe zu diesem Prozess ja selbst beigetragen“, sagt er, „als ich 1949 ins Ruhrgebiet kam, war Bochum noch eine ganz andere Stadt.“

Dass manche seiner Gebäude inzwischen unter Denkmalschutz stehen, macht ihn stolz. Weniger freut ihn, dass einige inzwischen wieder abgerissen wurden; nur wenige Architekten erleben das, da sie ja (meistens jedenfalls) „für die Ewigkeit“ bauen wollten.

Mit 100 Jahren kann Roman Reiser über solche Ansprüche schmunzeln. Der Begriff „Ewigkeit“ bemisst sich für ihn längst nach anderen Maßstäben.

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