Freies Theater

Bochum: Rottstraße 5 Theater zeigt "Die Wand" und Tia Lou in Wattenscheider Tiefgarage

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Das Rottstraße 5 Theater begrüßte das Publikum am Samstagabend in einer Wattenscheider Tiefgarage. Lea Kallmeier brillierte in die "Die Wand".

Das Rottstraße 5 Theater begrüßte das Publikum am Samstagabend in einer Wattenscheider Tiefgarage. Lea Kallmeier brillierte in die "Die Wand".

Foto: Bastian Haumann / FUNKE Foto Services

Bochum-Wattenscheid  Lea Kallmeier brilliert als Frau hinter der unheimlichen Grenze. Das Publikum zeigt sich begeistert von Theatererlebnis und lässt sich von Bochumer Musikerin trösten.

Lea Kallmeier bebt. Ihre Hände zittern vor dem Gesicht. Es ist ein Tag, der vernichtend erscheint. Das Selbstgespräch wird zum einzigen Zweifel. "Gedanken überfielen mich wie ein Hornissenschwarm", heißt es da an einer Stelle. In einer Wattenscheider Tiefgarage in einem Neubau der VBW Bauen und Wohnen an der Voedestraße zeigte das Rottstraße 5 Theater am Samstagabend vor 60 Zuschauern die Bühnenversion des Romans "Die Wand" der österreichischen Schriftstellerin Marlen Haushofer. Der niedrige, kahle Raum, die kühle Dunkelheit in der Garage – all das betonte die Isolation der Hauptperson. "Fantastisch!", befand am Ende eine ältere Dame aus dem Publikum.

Schauspielerin bringt Seelenzustände in Wattenscheider Parkhaus auch körperlich intensiv zum Ausdruck

Bei einem Ausflug ins Gebirge steht eine Frau plötzlich vor einer durchsichtigen Wand, die sie von der restlichen Welt trennt. Auf der anderen Seite erscheint das Leben ausgelöscht. "Mein Herz hatte sich schon gefürchtet, bevor ich es wusste", sagt die Frau. Sie arrangiert sich dann gemeinsam mit Kuh, Katze und Hund mit ihrem Leben in einer Jagdhütte und auf einer Alm.
Täglich schreibt sie Bericht, der die Tage und menschliche Gedanken strukturiert. Es gibt einen Alltag, der erträglich ist und Nächte, die mit Gedanken durchdrungener Schlaflosigkeit das Leben behindern. Und es gibt Momente, die grausam sind: als ein menschlicher Eindringling ihren einzigen Freund, den Hund tötet. Aber es gibt auch Jubeltage: Einmal bringt die Kuh mit Hilfe der Frau ein Kalb zu Welt. Ein andermal führt ein üppiger Himbeerstrauch zu Freudentaumel in der Sommerzeit. Hauptdarstellerin Lea Kallmeier weiß all diese Tage fesselnd zu erzählen, meist direkt, manchmal als klangvolle Stimme aus dem Off, die Gedanken hörbar macht: "Nicht, dass ich fürchte ein Tier zu werden, das wäre nicht so schlimm, aber ein Mensch kann niemals ein Tier werden, er stürzt am Tier vorbei in einen Abgrund. Davor habe ich die meiste Angst."
Cello-Klänge rahmen ihr Spiel, das dem Zuschauer besonders durch ihre körperliche Präsenz auch emotional viel abverlangt. Lea Kallmeier, die an der Folkwang Universität der Künste ihren Abschluss in "Physical Theatre" gemacht hat, bringt in der Regie von Alexander Ritter seelische Zustände zwischen Einsamkeit, Existenznot, Todessehnsucht und Euphorie wirbelnd, fließend und ruckartig ins Sichtbare. Sie macht die Abgeschiedenheit des Individuums in seinem Inneren gegenüber der Außenwelt erlebbar. Das Publikum war ergriffen und zeigte der Solo-Performerin dies nach 70 Minuten mit herzlichem Applaus und Standing Ovations.

Die Bochumer Musikern Tia Lou flutete mit herzerwärmenden Songs die Tiefgarage

Nicht nur die Tiefgarage, sondern auch der Stadtteil Wattenscheid ist für hochklassiges Theater wie hier gesehen ein eher ungewöhnlicher Standort. "Manche sagen ja, Wattenscheid sei kulturelle Diaspora. Darum ist es sehr schön, dass hier so etwas stattfindet", sagte Zuschauer Martin Lenz (62).
Nach dem intensiven Theatererlebnis sorgte die Bochumer Musikerin Tia Lou alias Linda Bockholt für einen herzerwärmenden und augenzwinkernden Abschluss des Abends. Mit eigenen und gecoverten Songs zwischen Indie, Pop, Soul und Hip-Hop flutete ihre ausdrucksstarke Stimme und E-Gitarre den Raum der Tiefgarage.

Nächsten Vorstellungen von "Die Wand" im Rottstraße 5 Theater

Ungewöhnliche Spielorte sind keine Seltenheit für das Rottstraße 5 Theater, das seinen Sitz selbst unter dem Rundbogen einer Bahnbrücke an der Rottstraße 5 hat. Die nächste Vorstellung von "Die Wand" findet dort statt am 18. November um 19.30 Uhr.

Die Musikern Linda Bockholt ist gemeinsam mit Schauspieler Benjamin Werner zu erleben bei der Inszenierung "Die Eröffnung" in der Regie von Oliver Paolo Thomas am 5. November um 19.30 Uhr. Weitere Informationen zu Tickets und den kompletten Spielplan finden Interessierte unter: https://www.rottstr5-theater.de/

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