„Er hat doch nichts gemacht. Er hat nur Lieder gesungen.“ Das sagt Human Babady aus Bochum über seinen Neffen Toomaj Salehi. Im Oktober 2022 wurde Toomaj, im Iran ein bekannter Rapper, während der Proteste gegen die Islamische Republik festgenommen, saß dort seitdem im Gefängnis. Jetzt ist er verurteilt worden: zu sechs Jahren und drei Monaten Haft.
Die Sorgen der Angehörigen des 33-Jährigen schmälert das nicht. Onkel Human Babady, der einen Copyshop im Unicenter betreibt, gibt dieser Tage weltweit Interviews. „Im Gefängnis gibt es keine Sicherheit“, sagt er. Außerdem müsse Toomaj dringend ärztlich behandelt werden. „Er saß acht Monate in Einzelhaft“, erzählt Babady. Sein Neffe sei gefoltert worden, „sehr schlimm“. Beine, Rippen, Finger und Kiefer seien dem Rapper gebrochen worden, Zähne entzündet, „jetzt, nach acht Monaten, kann er immer noch nicht richtig essen“.
Rapper Toomaj Salehi: Angeklagt wegen „Verderbens auf Erden“
In seiner Musik hatte Salehi soziale und politische Missstände kritisiert, sich im vergangenen Jahr früh mit den Demonstrantinnen solidarisiert, die nach dem gewaltsamen Tod der jungen iranischen Kurdin Mahsa Amini unter dem Motto „Frau. Leben. Freiheit“ auf die Straße gegangen sind. Die iranische Staatsführung warf dem Musiker daraufhin vor, bei den Protesten Gewalt angezettelt zu haben; offiziell hieß es, er sei festgenommen worden, als er versuchte, außer Landes zu fliehen.
Irans Justiz hatte Salehi zunächst gemäß islamischer Rechtsauffassung wegen „Krieg gegen Gott“ und „Verderbens auf Erden“ angeklagt – diese Vorwürfe hätten auch ein Todesurteil nach sich ziehen können. Dass es „nur“ eine Haftstrafe wurde, führt Salehis Onkel auf die weltweite Aufmerksamkeit zurück, für die er und zahlreiche andere Vertreter und Vertreterinnen der iranischen Diaspora in den vergangenen Monaten gesorgt haben. „Wenn etwas bei Toomaj passiert“, sagt er, „gibt es eine Revolution“. Das Regime habe Angst.
Onkel aus Bochum zu Urteil im Iran: „Barbarisch und grausam“
Das Urteil, die Haftstrafe, sei nichtsdestotrotz „grausam und barbarisch“, sagt Human Babady. „Wir wollen Freiheit für Toomaj. Und für alle Menschen, die im Iran sind.“ Mehr als 40 Menschen drohe im Iran derzeit die Hinrichtung, deshalb mache er weiter. Regelmäßig tritt Babady, der nach eigenen Angaben selbst in Abwesenheit im Iran zum Tode verurteilt wurde, auf Demonstrationen in Metropolen wie Berlin, Köln, Amsterdam auf. Wenn möglich, zieht er auch noch samstags durch Bochum, um auf das Schicksal seines Neffen und anderer Regimekritiker im Iran aufmerksam zu machen.
Der Fall Toomaj Salehi sei „nur einer von ganz vielen“, sagt Sebastian Pewny von den Grünen in Bochum, „aber eben einer, der einen Bezug zu Bochum hat“. Auch der Politiker glaubt, dass die vergleichsweise milde Strafe auf die große öffentliche Aufmerksamkeit zurückzuführen ist. „Deshalb“, betont er, „ist es wichtig, es immer wieder zu adressieren.“ Der Umgang mit denjenigen, die ihre freie Meinung im Iran äußern, mache die Grünen betroffen. Ihre Forderung: Die EU müsse das handelnde Regime als Terrorregime einstufen, mit allen Konsequenzen. Und die deutschen Sicherheitsbehörden sollten die Aktivitäten des iranischen Geheimdienstes in Deutschland unterbinden. „Wir hören immer wieder, dass der iranische Geheimdienst in Deutschland sehr umtriebig ist“, sagt Sebastian Pewny.
Deep im Westen: Jetzt kostenlos anmelden!
Karo, Sarah und Marian bringen Dir am Abend die wichtigsten Bochum-News direkt ins Postfach.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
„Wir kämpfen weiter“, sagt Exil-Iraner Human Babady, der inzwischen seit mehr als einem Vierteljahrhundert in Bochum lebt. „Für die Freilassung politischer Gefangener, für die Abschaffung von Folter im Iran, für die Freiheit von Frauen. Eigentlich also für ein menschliches Leben im Iran.“
EU verhängt Sanktionen gegen Iraner
Im Zusammenhang mit Toomaj Salehis Prozess hatte die EU Ende Juni Verantwortliche mit Sanktionen belegt. Betroffen ist unter anderem der Generalanwalt der Provinz Isfahan. Dieser hat nach EU-Angaben Anklage gegen den Musiker erhoben. Der Rapper sei unter grausamen Bedingungen inhaftiert, hieß es weiter.
Wegen der Verletzung von Menschenrechten im Iran hat die EU bereits in den vergangenen Monaten mehr als 200 Vertreter der Regierung, des Parlaments, der Justiz und des Militärs auf ihre Sanktionsliste gesetzt. Die Strafmaßnahmen sehen vor, dass in der EU vorhandene Vermögenswerte eingefroren werden müssen. Zudem dürfen betroffene Personen nicht mehr in die EU einreisen.
Die jüngste Protestwelle im Iran hatte im Herbst nach dem Tod der iranischen Kurdin Jina Mahsa Amini begonnen. Die junge Frau starb am 16. September 2022 im Polizeigewahrsam, nachdem sie von der Sittenpolizei wegen Verstoßes gegen die islamischen Kleidungsvorschriften festgenommen worden war. Nach Schätzungen von Menschenrechtlern wurden seither Hunderte Menschen getötet. (dpa)