Ultramarathon

Wenn 100 Kilometer lang werden

Die Anstrengung ist Jörg Zilla ins Gesicht geschrieben, aber er hält durch.

Foto: Zilla

Die Anstrengung ist Jörg Zilla ins Gesicht geschrieben, aber er hält durch. Foto: Zilla

Jörg Zilla hat den 100-Kilometer-Lauf n Biel absolviert. Gefallen hat ihm das gemeinsame Laufen – besonders, als er aufhören wollte.

Nach 56 Kilometern ist Jörg Zilla bereit, aufzugeben. „Bis dahin war die Strecke nicht richtig bergig, aber eben auch kein Flachland. Ich stand an der Verpflegungsstation und vor mir ging es direkt bergauf. Ich dachte mir: Jetzt hörst du auf.“ Es ist da sechs Uhr morgens im schweizerischen Biel, beim 100-Kilometerlauf von Biel, eine der bekanntesten und prestigereichsten Ultramarathon-Veranstaltungen der Welt. Doch dann wird Jörg Zilla angesprochen: „Dafür bist du doch hier!“ Ja, dafür ist Zilla hier. Und er fängt wieder an zu laufen.

Etwa fünf Stunden später läuft er in Biel durchs Ziel, fällt seiner Frau in die Arme – der 52-Jährige Fun Runner vom VfL Gladbeck hat die 100 Kilometer geschafft. Er sagt: „Ich hätte nie gedacht, dass 100 Kilometer so lang werden können ...“

Fast ein Jahr lang Vorbereitung auf diesen Lauf

Ein knappes Jahr hatte Zilla sich vorbereitet, tausende Trainingskilometer abgerissen. Sein längster Lauf bis dahin war ein Sechs-Stunden-Lauf gewesen. Jahrelang war er überhaupt „nur“ Marathon gelaufen. „Die 100 Kilometer von Biel habe ich aber seit etwa zehn Jahren verfolgt und dachte: Wenn nicht jetzt, wann dann?“

Am Montag ist Zilla schon wieder zurück in Gladbeck und strahlt. Sein Muskelkater hat sich inzwischen verzogen, nachdem er am Anfang ziemlich schlimm war: „Ich bin im Schlaf immer vor Schmerz aufgewacht, wenn ich mich gedreht habe. Und Duschen ging überhaupt nicht.“

Dass er 100 Kilometer gelaufen sei, „dass kann ich mir irgendwie selbst nicht richtig vorstellen.“ Und das Rennen begann schon mit einer besonderen Herausforderung – bei der Startnummernausgabe regnete es so heftig, dass Zilla eine Absage befürchtete.

Aber um 22 Uhr beim Start nieselte es nur noch leicht, „und um ein Uhr riss der Himmel auf und es war sternenklar – das war wunderschön.“

Die Müdigkeit kommt schnell

Nur, es war eben auch schon ein Uhr nachts, Zilla hatte die Nächte davor der Aufregung wegen kaum geschlafen, und um drei Uhr kam die Müdigkeit. Schnell verabschiedete er sich vom regelmäßigen Blick auf die Uhr. „Lach doch mal“, habe er sich immer wieder selbst zugeredet. Und zum Glück lief Zilla nicht alleine.

„Ich bin auch immer wieder ein Stück alleine gelaufen, zehn Kilometer höchstens – die einsamen Wege waren kurz. Aber grundsätzlich läuft man dort nicht gegeneinander“, erklärt Zilla. „Ich habe mich unterwegs mit so vielen netten Leuten unterhalten – die sprechen einen an: Wie schnell läufst du? Wie oft bist du schon gelaufen? Lass uns ein Stück zusammenlaufen.“ So könne man sich immer wieder lange Geschichten erzählen – „man hat ja die Zeit unterwegs.“

Auf den letzten Kilometern wird es leicht

Und dann kommt eben der kritische Punkt, als Zilla aussteigen will und es doch nicht tut. Er kämpft sich, quält sich weiter, geht immer wieder mal ein Stück. Kilometer 80, 85, da ruft er dann seine Frau an – er werde gegen etwa 12 Uhr durchs Ziel laufen. Doch ab da geht plötzlich alles leichter.

„Die letzen 15 Kilometer bin ich dann auch in guten 1:40 Stunde gelaufen und der Zieleinlauf war dann auch sehr emotional“, erinnert sich Zilla. „Das Warten war die Hölle“, sagt seine Frau Antje, die im Ziel wartet – aber dann ist er da, und zwar deutlich eher als erwartet.

Jeder Kilometer hat sich gelohnt

„Im Ziel hatte ich das Thema Laufen erstmal abgehakt“, sagt Zilla. „13 Stunden nur Laufen – das ist für den Kopf noch härter als für die Beine. Wie oft mein Kopf gesagt hat: Jetzt machst du Schluss. Aber am Ende haben sich alle Entbehrungen, hat sich jeder Trainingskilometer gelohnt.“

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