Den ersten Aufsteiger in die Frauenfußball-Bundesliga hat die SGS Essen bereits kennengelernt und im eigenen Stadion erfahren müssen, dass der Hamburger SV absolut konkurrenzfähig ist. Das 0:0 war leistungsgerecht – und doch bemerkenswert. Denn scheinbar braucht der HSV keine Zeit der Akklimatisierung, wie es bei Aufsteigern ins Oberhaus eigentlich üblich ist. Nicht selten endete zuletzt der Höhenflug im direkten Abstieg. Etabliert haben sich in den vergangenen Jahren allein RB Leipzig und der 1. FC Köln. Doch diese Ausnahmen scheinen nun zur Regel zu werden. Erst recht, wenn sie von den Fans derart getragen werden wie Essens nächster Gegner: Union Berlin.

Als Abstiegskandidaten sehen sich selbst weder Hamburg noch Berlin, wobei die Hanseatinnen beim wilden 3:3 zum Auftakt gegen Vize-Meister VfL Wolfsburg auch schon eine sportliche Duftmarke gesetzt haben. Der SGS ist aber bewusst, dass man auch vor dem zweiten Aufsteiger-Duell vor einer Herausforderung steht: Denn an diesem Samstag (12 Uhr) bekommen es die Essenerinnen nicht nur mit den Spielerinnen von Union Berlin zu tun, sie müssen an der Alten Försterei auch gegen eine gewaltige Kulisse in der Hauptstadt ankämpfen. Wenn es fünfstellig wird, wäre das keine Überraschung.

Union Berlin empfängt SGS Essen: Erstliga-Debüt vor über 11.000 Fans

Schließlich ist Union, was den Zuschauerzuspruch für den Frauenfußball angeht, in der Hauptstadt längst auf Champions-League-Niveau angekommen. Bereits in der Aufstiegssaison kamen im Schnitt mehr als 7000 Zuschauer zu den Heimspielen. Das ist nicht nur nationaler Top-Wert, auch europaweit liegt Union damit hinter drei englischen Klubs auf Platz vier. Knapp vor dem FC Barcelona. Und das wohlgemerkt als Zweitligist. Zur Meisterfeier und dem letzten Spieltag gegen den FSV Gütersloh kamen über 20.000 Fans ins Stadion, womit es die Berlinerinnen kurzzeitig auch bei den meistbesuchten Spielen deutschlandweit in die Top-10 geschafft haben.

Allerdings hat der FC Bayern sie erst kürzlich mit einer neuen Bestmarke von 57.762 Zuschauern gegen Bayer Leverkusen wieder rausgekickt. Sein Erstliga-Debüt feierte Union vor über 11.000 Fans und jubelte gegen den 1. FC Nürnberg auch gleich über den ersten Punktgewinn in der Eliteliga. Die Gründe für den großen Zuspruch sind vielschichtig. „Der Charme des Stadions an der Alten Försterei hat Interesse geweckt und die Hauptstadt Berlin nur auf den Frauenfußball gewartet“, vermutet SGS-Manager Florian Zeutschler.

Geht voran: Jacqueline Meißner, Kapitänin der SGS Essen.
Geht voran: Jacqueline Meißner, Kapitänin der SGS Essen.© FUNKE Foto Services | Michael Gohl

Union Berlin empfängt SGS Essen: Wunsch nach mehr Zuschauern

Teamchef Robert Augustin sieht die Gründe eher vereinsintern: „Union ist ein familiärer Klub, die Menschen sind stolz auf den Verein. Da spielt es keine Rolle, ob die Frauen oder die Männer spielen. Man geht hin.“ An die Hafenstraße kamen zum Heimauftakt der SGS 1825 Zuschauer, was ziemlich genau dem Durchschnitt der vergangenen Saison entspricht. Und dafür müssen sie sich an der Ardelhütte keinesfalls schämen, denn es ist durchaus ein solider Wert: In der Zuschauertabelle aller Erstligisten lag die SGS damit im Mittelfeld.

Und doch wünschen sie sich auch in Essen eine noch vollere Kurve. Kapazitäten genug bietet das Stadion an der Hafenstraße nicht erst durch den beschlossenen Ausbau. Teamchef Augustin hatte bereits angekündigt, das Zuschauerinteresse mit Offensivfußball steigern zu wollen. Entsprechend darf sich seine Elf in Berlin nicht einschüchtern lassen. „Es ist schon eine besondere Situation“, erklärt er. „Wir müssen die Mannschaft darauf einstellen, denn so eine Kulisse habe nur wenige schon erlebt, die im Pokalfinale dabei waren.“

Tatsächlich stand 2014 nur Kapitänin Jacqueline Meißner beim Endspiel im DFB-Pokal gegen Frankfurt (0:3) vor knapp 17.000 Zuschauern auf dem Platz. Bei der zweiten Finalniederlage 2020 gegen Wolfsburg nach Elfmeterschießen waren coronabedingt keine Zuschauer erlaubt.