Es gibt Momente im Leben eines Fans, die vergisst er nie – niemals. Diese 10.000-Volt-Duelle zum Beispiel, die geprägt sind von unbändiger Leidenschaft und Willenskraft, die entweder in tiefstem Frust oder überschäumendem Jubel enden. Die Anhänger des Handball-Zweitligisten Tusem Essen erlebten Mitte März ein solch unglaubliches Glücksgefühl gegen Aufstiegsanwärter Minden, als Keeper Dominik Plaue nach furioser Aufholjagd vier Sekunden vor Schluss einen Siebenmeter parierte und das wichtige 29:29 rettete. Tusem-Fan Rainer Schick war dabei.
Was für ein Tag. Allerdings reicht er bei weitem nicht heran an den epischen Fight vor 20 Jahren beim Europapokal-Finale gegen den SC Magdeburg. Es war der 7. Mai 2005, am dem in der Arena Oberhausen ein sportliches Wunder geschah. Nach der bitteren 22:30-Pleite im Hinspiel des EHF-Pokals schien die Lage des Tusem mit acht Toren Rückstand aussichtslos. Aber die Gastgeber waren mutig, holten auf und ließen die 6000 Fans in der Crunchtime ausflippen. Tusem-Fan Rainer Schick war damals dabei.
Tusem Essen: Nach der großen Sause in die Insolvenz
Linksaußen Gudjon Valur Sigurdsson traf zum 30:22, da lief bereits die letzte Minute. Magdeburg blieb noch genug Zeit, die Verlängerung abzuwenden, aber ausgerechnet Handball-Legende Stefan Kretzschmar setzte den vermeintlich finalen Wurf über das Tor. Noch 10 Sekunden. Plötzlich ging es rasend schnell, die Stimme des Reporters überschlug sich: „Velyky, wen sieht er da? Torgovanov – das ist unglaublich!“ Der russische Nationalspieler hatte Sekunden vor Schluss den Konter zum 31:22 und damit die Halle in ein Tollhaus verwandelt. Und das trotz schwerer Schulterverletzung.
Europapokalsieger Tusem Essen feierte euphorisch, es war der letzte große Triumph des dreimaligen Deutscher Meisters und Pokalsiegers. Nur wenig später ging’s in die Insolvenz und ab in die Regionalliga.

Tusem Essen: Fan trommelt die Helden zusammen
Rainer Schick hat das alles tapfer mitgemacht, wie es sich für einen treuen Fan gehört. 1989 entdeckte er sein Herz für den Tusem und sitzt seither auf der Tribüne, schlägt unermüdlich auf die Trommel und feuert gemeinsam mit Ehefrau Stefanie Peters sowie den Rest des Fanklubs die Mannschaft in der 2. Liga an.
Schick hatte auch die Idee, die Helden von damals anlässlich des Jubiläums zusammen zu trommeln, um gemeinsam in Erinnerungen zu schwelgen. Er begann zu recherchieren und Kontakt aufzunehmen. Die Protagonisten - Spieler, Trainer und Staff – waren sofort Feuer und Flamme, einige mussten jedoch schweren Herzens absagen. Viktor Szilagyi reist am Sonntag als Sportchef des THW Kiel zum Punktekampf nach Potsdam, grüßt aber per Video: „Eines der emotionalsten Spiele, die ich in meiner Karriere erlebt habe, ein Riesenerlebnis.“ Es sei die „Krönung“ seiner schönen Jahre beim Tusem gewesen.
Tusem Essen: Erinnerung an verstorbenen Oleg Velyky
Gudjon Valur Sigurdsson (Cheftrainer) und Mario Kelentric (Torwarttrainer) sind mit dem Erstligisten VfL Gummersbach zu Gast in Eisenach. Oliver Roggisch, Weltmeister von 2007 und danach für ein Jahrzehnt Teammanager der deutschen Nationalmannschaft, ist ebenfalls verhindert.
Wie Bundestrainer Alfred Gislason, der beim Tusem zum Spitzenhandballer reifte und damals Trainer in Magdeburg war, hat auch „Pino“ Torgovanov eine Grußbotschaft aus St. Petersburg geschickt. „Er sei froh, dass sich die Fans noch an ihn erinnern und bedankt sich dafür“, sagt Schick. „Und er erinnert auch an Oleg Velyky.“ Der gebürtige Ukrainer und begnadete deutsche Nationalspieler hatte Hautkrebs und starb im Januar 2010 im Alter von 32 Jahren.
Tusem Essen: Stefan Kretzschmar ist immer noch sauer
Stefan Kretzschmar, der Magdeburger Unglücksrabe, hat dagegen wohl noch immer an seinem Malheur gegen Essen zu knabbern. Für eine Videobotschaft war er jedenfalls nicht zu begeistern. „Ich habe ihn beim Pokal-Final-Four in Köln angesprochen, aber er wollte öffentlich nicht zugeben, dass er es damals verbockt hat“, sagt Schick mit einem Grinsen.
Trotz allem ist die Gästeliste gut gefüllt: Torhüter Chrischa Hannawald, der mit den kurzen Hosen, hat zugesagt, Mark Schmetz, Sergio Ruiz Casanova und Michael Haaß sind ebenfalls dabei. Trainer Iouri Chevtsov, der in Essen wohnt, konnte es kurzfristig ebenfalls einrichten. Ob es Evars Klesniks an seinem 45.Geburtstag schafft, ist offen.
Tusem Essen: Fotos mit dem Originalpokal
Bereits ab 15.30 Uhr ist am Sonntag die Halle am Hallo geöffnet, die Ehrengäste werden sich bis zum Spielbeginn gegen HSG Nordhorn-Lingen (17 Uhr) unters Volk mischen, mit den Fans plaudern und ein Foto oder Selfie geht sowieso immer - sogar mit dem Originalpokal. Den hat Rainer Schick eigens für das Wiedersehen besorgt. Er holte ihn beim Bundesligisten Frisch Auf Göppingen ab, der den Pott insgesamt viermal gewonnen hat. Das sind insgesamt gut 1000 Kilometer auf der Autobahn. Und zurück muss das Ding ja auch noch.
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Der Tusem wird gegen den Tabellennachbarn Nordhorn in einem Sondertrikot spielen, das an den Europapokal-Triumph erinnert. Vielleicht bringt es ja erneut Glück, denn im Kampf um den Klassenerhalt können die Essener vier Spieltage vor Saisonende jeden Punkt noch gut gebrauchen.


