Wenn man in die Gesichter der deutschen Handball-Nationalspielerinnen schaut, sieht man derzeit oft ein breites Lächeln. Dazu einen festen, klaren Blick. Einen Ausdruck von Stolz. Keine Spur aber von Zweifel. Die Mannschaft strotzt bei dieser Heim-WM vor Selbstbewusstsein. Sechs Siege in sechs Spielen, darunter echte Machtdemonstrationen.

Und jetzt ist er da: Der 9. Dezember, der Tag des Viertelfinals. Darauf haben sie hingearbeitet. Nun gilt es, die von Bundestrainer Markus Gaugisch geforderte „High-End-Leistung“ zu zeigen, um erstmals seit 2008 wieder ein WM-Halbfinale zu erreichen. Gegner an diesem Dienstag (17.15 Uhr/ZDF) in der Dortmunder Westfalenhalle ist Brasilien, nicht Olympiasieger Norwegen. Und natürlich dröhnte das Motto schon nach dem letzten Hauptrundenspiel gegen Spanien durch die Hallenlautsprecher: wenn nicht jetzt, wann dann?
Viertelfinale geriet oft zum Knackpunkt
Der Hit der Kölner Kultband Höhner brannte sich 2007 beim WM-Wintermärchen der DHB-Männer genauso in das kollektive Sportgedächtnis ein wie der Schnurrbart des Weltmeistertrainers Heiner Brand. Er bringt aber die entscheidende Frage auf den Punkt.
Denn nicht nur in ihren Gesichtern, auch auf dem Feld lassen die Spielerinnen keine Zweifel erkennen. Das Zutrauen ist so groß. Da trifft Torhüterin Katharina Filter gleich dreimal selbst in einer Partie. Da wächst die Abwehr um Aimée von Pereira in unüberwindbare Höhen, so viel Überzeugung steckt in ihren Aktionen, die sie miteinander feiern.

Schon oft standen die deutschen Handballerinnen an einem ähnlichen Punkt – doch für den großen Wurf reichte es nie. Die Turnier-Bilanz unter Gaugisch: zweimal EM-Siebte, einmal WM-Sechste, einmal Olympia-Achte. Immer wieder wurde das Viertelfinale zum Knackpunkt. Die letzte WM-Medaille gelang 2007 mit Bronze. Nur 1993 kamen die Weltmeisterinnen aus Deutschland.
Die Stimmung stimmt, die Leistung auch
Auch Spielmacherin Alina Grijseels erinnert sich an andere gute Turniere. Die WM 2019 etwa. Da wurden sie Achte. Jedoch: „Ich habe aktuell das Gefühl, dass wir sehr an uns glauben, uns so leicht nichts aus dem Konzept bringt.“ Kapitänin Antje Döll bestätigt: „Das Gefühl in dieser Mannschaft ist nicht vergleichbar mit den Gefühlen zuvor.“

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Was ist anders? Im Vergleich zu vorherigen Auftritten präsentiert sich das Team stabiler. Dazu kann Gaugisch auf die Breite seines aus erfahrenen und jungen Kräften gemischten Kaders setzen: Jede, die reinkommt, kennt und erfüllt ihre Aufgabe. Die Mannschaft berauscht sich an sich selbst zu immer besseren Auftritten. Auch, weil die Stimmung stimmt. „Handballerisch sind wir super konzentriert auf den Punkt da“, sagt Abwehrchefin Xenia Smits. Es gebe „keinen Schnickschnack“, der ablenkt. „Es ist alles sehr harmonisch in diesem Jahr.“
Viel Werbung für den Frauenhandball gemacht
Sie gehen mit Spaß auf die Platte – und das überträgt sich aufs Publikum. „Jedes Mal pocht unser Herz, wenn wir auflaufen dürfen“, sagt von Pereira. Den Sieg über Spanien sahen 10.522 Zuschauer in der Westfalenhalle – Rekord für die DHB-Frauen. Nun werden es noch mehr – nicht in der Halle, aber vor dem Fernseher. Erstmals in diesem Turnier überträgt das ZDF live. Es ist genau die Bühne, die die Mannschaft will.
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„Ich glaube, wir haben bisher schon sehr, sehr viel Werbung für den Frauenhandball in Deutschland gemacht“, sagt Grijseels. Ein Beleg: Bei der Autogrammstunde am Sonntag bildete sich eine lange Schlange – hauptsächlich Kinder und Jugendliche, darunter viele Mädchen. Der Plan, mit Leistung und Nahbarkeit zu punkten, geht auf. Grijseels: „Es ist auch klar, dass wir nochmal eine höhere Aufmerksamkeit hätten, wenn wir ins Halbfinale kommen.“ DHB-Sportvorstand Mark Schober spricht daher vom „größten Heimspiel für den deutschen Frauenhandball seit der Heim-WM 1997“.
Bundestrainer Gaugisch spürt keinen Druck
Der deutsche Handballbund legt mit seiner Kampagne „Hands up for more“ den Fokus auf den Frauenhandball. Es geht um mehr Sichtbarkeit, um Gleichberechtigung und Respekt. Um mehr also als Handball. „Es ist ein Privileg, zu zeigen, dass wir genauso Leistung bringen wie die Männer“, sagt Lisa Antl. Auch Bundestrainer Gaugisch „spürt keinen Druck“. Er weiß: „Die Mannschaft ist gierig auf dieses Spiel.“

Überheblich sind sie aber nicht. Sie wissen um die Fallhöhe, machen nicht den Fehler, Brasilien zu unterschätzen. An gleicher Stelle verloren sie vergangenes Jahr in der Olympia-Vorbereitung gegen den späteren Paris-Siebten. „Wenn wir es nicht schaffen, haben wir eine super Vor- und Hauptrunde gespielt, aber nicht mehr erreicht als die letzten Jahre“, sagt Smits. „Wenn wir für die Zukunft für Handball-Deutschland und Frauen und Mädels was tun wollen, dann wird das eines der bedeutendsten Spiele meiner Karriere werden.“ Es könnten noch zwei dazu kommen: bei den Medaillenspielen ab Freitag bei WM-Co-Gastgeber Niederlande in Rotterdam.






