Diesmal ist Aimée von Pereira nicht davongekommen. Gerne schleicht sich die 1,80 Meter große Handballerin an den für Interviews bereitstehenden Kameras vorbei. Doch an diesem Abend in der Dortmunder Westfalenhalle hatte sie keine Chance, sich zu drücken. Der Grund dafür war ihr erneut bärenstarker Auftritt bei der Heim-WM. Beim 36:26 gegen Außenseiter Färöer – dem vierten Sieg im vierten Spiel – blockte, klammerte, nervte sie ihre Gegenspielerinnen. „Mein ultimatives Ziel ist, dass die keinen Bock mehr haben, auf mich zu gehen, weil es wehtut“, erklärte sie. Für keinen Zweikampf zu schade, kassierte sie auch mal eine Zwei-Minuten-Strafe. Dann wieder klaute sie Bälle, leitete schnelle Gegenstöße ein – und traf sogar zweimal selbst.

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Sie sortierte ihre Kolleginnen, pushte sie und forderte die 7122 Zuschauer immer wieder zur Unterstützung auf. Dabei strahlte ihr ganzer Körper die Freude an ihrer Arbeit aus. Egal, wie hart es auch zuging, die 25-Jährige schien vor Energie zu platzen. Sie feierte gelungene Abwehraktionen wie Tore und eilte dann blitzschnell und breit grinsend zur Bank. Im Angriff ist sie selten zu sehen, ihre Kernkompetenz ist das Verhindern von Gegentreffern. Genau wegen dieser Stärke hat sie Bundestrainer Markus Gaugisch, der sie Kriegerin nennt, in sein WM-Team geholt: „Sie kann eine Mannschaft mitnehmen und eine Halle anzünden. Sie ist ein richtiges Power-Paket.“

Weg ist der Ball. Aimée von Pereira (3.v.r.) verhindert in einer gemeinsamen Abwehraktion, dass ihre Gegnerin zum Tor kommt.
Weg ist der Ball. Aimée von Pereira (3.v.r.) verhindert in einer gemeinsamen Abwehraktion, dass ihre Gegnerin zum Tor kommt. © Federico Gambarini/dpa | Federico Gambarini

Bei all dem Lob und ihren selbstbewussten Auftritten glaubt man kaum, dass Aimée von Pereira WM-Neuling ist. Erst im März dieses Jahres debütierte sie in der Nationalmannschaft. Weil sie, seit sie 19 Jahre alt ist, im Ausland spielt, flog sie lange unter dem Radar – trotz des Titels als U17-Europameisterin.

Aimée von Pereira: Ein Name wie aus einem Roman

Und dann dieser Name: Aimée von Pereira. Das klingt nach Fontane-Roman oder der fabelhaften Welt der Amélie. Nicht aber nach beinharter Abwehrplackerei. „Meine Mutter mag einfach französische Namen“, erzählt sie. Ihre Mutter stammt aus Ghana, ihr Vater hat Wurzeln im portugiesischen Adel – im Deutschen wurde aus de Pereira dann von Pereira. Geboren in Hamburg und aufgewachsen in Schleswig-Holstein, zog es Aimée von Pereira früh nach Dänemark. In eine Liga, in der sich Weltklasse tummelt.

Sie kann eine Mannschaft mitnehmen und eine Halle anzünden. Sie ist ein richtiges Power-Paket.

Martin Gaugisch, Bundestrainer,, über Aimée von Pereira

„Als ich mit 19, 20 nach Kopenhagen gewechselt bin, sollte ich eigentlich erstmal in der Jugend spielen und hätte dann erste Erfahrungen in der ersten Mannschaft gesammelt“, erzählt sie. Weil sich aber eine Kreisläuferin und eine wichtige Abwehrspielerin verletzt hatten, kam die junge Deutsche schnell zu Einsätzen. „So habe ich mich auf die Abwehr spezialisiert.“ Aber: „Am Anfang habe ich einen Kulturschock bekommen. Es ist einfach ein superschnelles Spiel, da war ich zu Beginn überfordert.“ Ihr Trainer erkannte ihr Potenzial, schenkte ihr sein Vertrauen. „Er hat viel Arbeit investiert, damit ich auf dieses Level komme, auf dem ich jetzt spielen darf.“ Sie lernte viel von den skandinavischen Spitzenspielerinnen. „Das waren Topleute mit richtig viel Charakter, von ihrer Gewinnermentalität habe ich mir viel abgeschaut.“

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Aus Neugier wechselte Aimée von Pereira 2021 für zwei Jahre nach Frankreich. Richtig wohl fühlte sie sich in Nizza aber nicht. „Als Nordlicht habe ich mich im Dänischen schon mehr zu Hause gefühlt.“ So kehrte sie in ihre Wahlheimat zurück, erst nach Nykobing Falster, seit diesem Jahr spielt sie wieder in Kopenhagen. Sie beherrscht die Sprache, hat einen Freundeskreis – auch ihr Verlobter Hans ist Däne. Ihr Lieblingswort auf Dänisch? „Til helvede“, sagt sie und lacht. „Das bedeutet sowas wie: zur Hölle. Das kann man auch im Spiel schön einmal laut fluchen – und danach läuft es dann wieder.“

Kampfgeist und Energie machen von Pereira so stark

Gemeinsam Tore verhindern, gemeinsam jubeln: Aimée von Pereira (l.) mit ihren Kolleginnen Emily Vogel und Xenia Smits.
Gemeinsam Tore verhindern, gemeinsam jubeln: Aimée von Pereira (l.) mit ihren Kolleginnen Emily Vogel und Xenia Smits. © dpa | Federico Gambarini

Anfang des Jahres nahm ihre Karriere nach einem Telefonat mit Markus Gaugisch dann noch einmal eine Wende. Plötzlich wurde sie WM-Fahrerin. „Da sind alle meine Träume in Erfüllung gegangen“, sagt sie. „Ich hatte es tatsächlich schon ein bisschen abgeschrieben, dass ich noch einmal für den DHB interessant werden könnte – umso glücklicher bin ich, jetzt in diesem Team dabei zu sein.“ Der Einstieg in die Truppe sei ihr nicht schwergefallen. „Ich bin richtig gut aufgenommen worden – nur deshalb habe ich bisher auch so gut spielen können“, sagt sie. „Ich habe mich zu keinem Zeitpunkt allein oder verunsichert gefühlt.“

So entwickelte sie sich zu einer Stammkraft bei dieser WM. Sie kennt ihre Aufgabe: „Markus erwartet von mir, dass ich meine Abwehrstärke einbringe“, sagt sie. „Aber Abwehr hat auf diesem Niveau auch viel mit Geist und Ausstrahlung zu tun. Diesen Kampfgeist und meine Energie erwartet er auch von mir.“ Zudem sei sie ein „riesiges Spielkind“, wolle „einfach Spaß haben. Dann ist es auch einfacher, diese Topleistung, die wir brauchen, abzurufen.“

Wo gezuppelt wird, fühlt sich Aimée von Pereira wohl: Das Abwehr-Ass liebt es, ihre Gegnerinnen zu nerven.
Wo gezuppelt wird, fühlt sich Aimée von Pereira wohl: Das Abwehr-Ass liebt es, ihre Gegnerinnen zu nerven.© firo | Jürgen Fromme

Stabiler Auftritt der deutschen Handballerinnen in Dortmund

Der nähert sich die deutsche Mannschaft in diesem Turnier immer weiter an. Nach den drei Gruppenspielen in Stuttgart präsentierte sie sich beim Hauptrundenauftakt am Dienstagabend noch stabiler, erlaubte sich keine größeren Durchhänger. Das Selbstbewusstsein wächst. Doch Überheblichkeit verbieten sie sich: „Wir wollen Bodenhaftung bewahren, weil es uns guttut. Wir schauen einfach nur auf unser Spiel und träumen nicht“, sagte Gaugisch.

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Doch schon ein Unentschieden im zweiten Hauptrundenspiel an diesem Donnerstag gegen Montenegro (18 Uhr) genügt, um das Viertelfinale zu erreichen. Gewinnen die DHB-Frauen, stünde der Gruppensieg schon vor dem abschließenden Spanien-Spiel am Samstag (18 Uhr/beide sporteurope.tv) fest. Ein echter Brocken würde dann im Viertelfinale am Dienstag warten. Aimée von Pereira will so weit noch nicht denken: „Ich bin eine, die von Spiel zu Spiel denkt. Ich glaube, so kommen wir am weitesten – im Idealfall sogar in Medaillennähe.“