Karla Borger wäre am liebsten überall: beim Beachvolleyball in Duisburg, beim Turnen in Essen, beim 3x3-Basketball in Bochum. Die 36 Jahre alte Beachvolleyball-Vizeweltmeisterin von 2013 interpretiert ihre Rolle als Kuratoriumsvorsitzende bei den Fisu World University Games Rhine-Ruhr, die am Mittwoch eröffnet werden, vor allem so: als Botschafterin. Und hört man mit welcher Begeisterung die Präsidentin des Vereins Athleten Deutschland von ihrem Universiade-Sieg 2011 in China spricht, erkennt man: Es ist die perfekte Rolle für sie. Doch auch das Training darf in den kommenden zwölf Tagen nicht zu kurz kommen – nach den Fisu-Games ist die noch immer aktive Sportlerin bei der Beachvolleyball-EM in Düsseldorf, der Heimat ihres Klubs Eintracht Spontent, am Start. Doch geht es um die Inspiration, die sie aus den World University Games zieht, gerät sie ins Schwärmen.
Frau Borger, Sie haben selbst eine Universiade gespielt und auch gewonnen. Was kommt Ihnen als erstes in den Kopf?
Karla Borger: Was die Chinesen damals alles aufgefahren haben: Sie haben wirklich sehr viel Geld investiert, um zur Schau zu stellen, wozu sie in der Lage sind. Die Universiade hat dort einen ganz anderen Stellenwert als in Europa. Allein die Eröffnungsfeier war unglaublich pompös. Dann hatten wir auch ein richtiges olympisches Dorf. Das war schon alles krass gemacht.
Wie kam es damals, dass Sie zu den Studentenspielen gefahren sind?
Wir waren noch sehr jung und es gab nur eine kleine Wahrscheinlichkeit, dass wir uns für Olympia 2012 in London qualifizieren. Doch unser Bundestrainer kam auf uns zu und meinte: Spielt doch die Universiade – falls es mit London nichts wird, habt ihr euer Olympiaerlebnis schonmal in der Tasche. Und im Endeffekt hat er Recht behalten: Das war für uns Klein-Olympia – und eine Vorbereitung auf das, was uns dann in Rio 2016 erwartet hat.
Wie haben Sie das Turnier dann erlebt?
Das war schon sehr gigantisch. Spielerisch war es eines der anspruchsvollsten Turniere, die ich je gespielt habe. Es war extrem schwül, heiß, feucht – die Temperatur knapp über dem Boden lag bei 60 Grad. Ich weiß heute noch nicht, wie wir das geschafft haben. (lacht) Körperlich war es das Anstrengendste, was wir je erlebt haben. Olympia in Tokio 2021 war klimatisch bedingt auch sehr heraufordernd – aber das hat alles übertroffen.
Trotzdem haben Sie sich durchgebissen, gewannen am Ende Gold.
Ja, wir haben am Anfang ganz doof verloren und mussten dann drei Spiele an einem Tag machen, die wir alle gewinnen mussten. Das sind dann Momente, die du nicht vergisst und die total schön sind, wenn du am Ende gewinnst. Vor allem, weil wir auch sehr starke Gegnerinnen hatten – en brasilianisches Duo hat dann bei Olympia in Rio Silber gewonnen.
Borger zum Stellenwert der Universiade in Deutschland: Vielleicht sind wir verwöhnt
So trifft man sich dann in der Weltspitze wieder?
Ja, genau. Wenn ich mir heute die Fotos von damals anschaue: Die Gesichter spielen heute fast alle immer noch. Für mich war es die perfekte erste Bühne – und so einen Titel, den hast du dann auch erstmal. Und im Ausland hat die Veranstaltung auch eine große Strahlkraft.
Warum ist das in Deutschland anders?
Gute Frage. Vielleicht sind wir verwöhnt, weil es das ganze Jahr über so viele Events gibt. Natürlich der Fußball, aber auch andere Sportarten faszinieren – zum Beispiel die Basketball-EM der Frauen. Bei der Universiade schwingt vielleicht immer ein bisschen mit, dass es „nur“ Studenten sind. Außerdem hat die Universiade zuletzt oft in Asien stattgefunden – das ist aus Deutschland bzw. Europa alles sehr weit weg. Jetzt wird es Zeit, dass wir diese Wahrnehmung verändern. (grinst)
Was haben die Organisatoren in China besonders gut gemacht?
Am Ende war das eine Woche Ekstase gepaart mit vielen schönen sportlichen Momenten. Schon die Eröffnungsfeier war berauschenden. Insgesamt waren die Abläufe sehr professionell, sehr gut abgestimmt. Auch wenn wir aufgrund der großen Distanzen teilweise drei Stunden zu den Wettkämpfen gebraucht haben, hatte ich das Gefühl, dass alles perfekt geplant war. Am tollsten war die Grundstimmung im Dorf – und auch wenn es bei der Veranstaltung kein Dorf gibt, kommt die Stimmung bestimmt anders auf. Dort habe ich viele andere Sportlerinnen und Sportler kennengelernt, habe bekannte Gesichter getroffen, die ich von den Bundeswehrlehrgängen kannte. Man tauscht sich aus, kommt mal aus seiner Bubble raus. Das fand ich sehr schön. Im Sport sieht man sich immer irgendwann wieder – wir sind letztlich doch eine kleine Familie und so entwickelt sich ein Netzwerk.
Borger vermisst gelegentlich die notwendige Flexibilität
Also würden Sie jungen Athleten die Teilnahme empfehlen?
Auf jeden Fall: Es ist eine tolle Erfahrung und man hat ja im Prinzip nichts zu verlieren – entweder du gewinnst und hast einen Titel, oder du sammelst Erfahrung auf internationalem Topniveau. Es ist eine Riesenchance, in seiner Sportart Fuß zu fassen. Und dann ist da noch das Erlebnis als Mannschaft. Das ist einzigartig. In der Saison bist du ja maximal mit deinem Team unterwegs, aber so kommst du mit ganz vielen anderen Sportlern in Kontakt, du brennst für jeden Sport, feuerst an. Das kommt Olympia sehr nahe.
Wird man als Studentin aus Deutschland dann ein bisschen neidisch, wenn man sieht, welche Möglichkeiten beispielsweise das Collegesystem in den USA Sportler fördert?
Ja, wir haben leider nicht so ein ausgetüfteltes System, das High-Performance-Athleten fördert. Es gibt zwar gute Kooperationen zwischen Leistungssport und Universitäten, aber leider auch immer noch Situationen, in denen Ressourcen und Mittel fehlen, die aber helfen würde, um sich optimal auf eine Weltmeisterschaft vorzubereiten. Für Leistungssport ist eine gewisse Flexibilität notwendig.

Haben Sie damals schnell die Unterstützung gespürt, bei der Universiade und jenseits des klassischen Wettkampfkalenders anzutreten?
Bei mir war das so, aber es ist von Sportart zu Sportart unterschiedlich. Wenn zwei Wochen später ein wichtiges Turnier ansteht, würde ich das natürlich priorisieren. Aber gerade jetzt, wenn die Games in Deutschland sind, schneidet man sich doch ins eigene Fleisch, wenn man hier nicht teilnehmen will. Sollte ich davon erfahren, dass Athleten, die teilnehmen wollen, von Verbänden gehindert werden, dann wären sie bei mir an der falschen Adresse: Das geht gar nicht. Auch die Aufmerksamkeit, die man durch so ein Event bekommt, ist doch eine riesige Chance – auch wenn das jetzt vielleicht nicht 100 Prozent in den Trainingsplan passt. Once in a lifetime: Es ist eine einmalige Gelegenheit, jeder der die Möglichkeit hat, sollte auch starten.
Hat Ihnen die Teilnahme auch einen Schub für Ihre eigene Karriere gegeben?
Das auf jeden Fall. Es ist ja auch bei vielen Athleten so: Der Traum von Olympia ist so groß. Aber längst nicht alle schaffen es. Durch die Universiade hatte ich so ein großes Event dann schon einmal erlebt. Das hat zwar meine Motivation nicht geschmälert und als ich hart um die Qualifikation gekämpft habe, denkst du auch nicht daran, so etwas in der Art schon erlebt zu haben, sondern willst einfach zu Olympia – aber ja, einen kleinen Haken hat man dann schon gemacht. Und es nimmt manchen vielleicht auch den ganz großen Druck, einmal im Leben Teil einer so großen Veranstaltung zu sein.
Karla Boger blickt zuversichtlich auf das Gelingen von Rhein-Ruhr
Warum sind diese Multisportevents als Sportler so anders als beispielweise eine Weltmeisterschaft?
Was halt so richtig Bock gemacht hat, ist dieses Team-Feeling. Du lernst bei der Eröffnungsfeier Leute kennen und verfolgst dann während der Spiele auch mit, was die so machen. Du freust dich dann mit und feierst im Deutschen Haus gemeinsam. Es tut allen gut, so über den Tellerrand zu schauen und nicht nur in der eigenen Suppe zu schwimmen. Das kann der Entwicklung eines Athleten nur guttun.

Was stimmt Sie zuversichtlich, dass an Rhein und Ruhr ein ähnliches Gefühl entstehen kann?
In dem langen Prozess ist phasenweise nicht alles in die richtige Richtung gerollt. Aber auf die Herausforderungen wurden Antworten gefunden. Ich freue mich besonders auf die Eröffnung und das ganze Drumherum in den verschiedenen Städten. Ich stelle mir das so vor: Ein Sommertag, ganz viele Kids rennen rum, Musik spielt – der Festival-Charakter ergänzt den Sport perfekt. So kann man auch Kinder wieder begeistern, Sport zu machen. Ich persönlich finde es auch toll, dass großen Wert auf Barrierefreiheit gelegt wird.
Bei all den Parallelen: NRW hat sich als Olympia-Ausrichter bei einer deutschen Bewerbung ins Spiel gebracht: Kann die Universiade eine Generalprobe werden?
Es fühlt sich schon so an, ja. Ich würde mich unglaublich freuen, wenn die Spiele in Deutschland stattfinden. Das ist für mich auch das Wichtigste – welche Stadt es dann wird, ist eher zweitrangig. Aber natürlich würde ich mich für Rhein-Ruhr freuen. Aber das primäre Ziel muss sein, Olympia überhaupt herzuholen. Dafür muss das Reviergerangel unter den Politikern aber dringend aufhören.
Warum ist Deutschland so eine Ausrichtung zuzutrauen?
Wir haben ja schon große Events gehabt und auch gezeigt, dass wir das können: die Fußball-EM im vergangenen Jahr, die European Championships 2022 in München. In Paris gab es auch viel Kritik an so einer Großveranstaltung, aber am Ende hat es den Großteil gepackt. Es ist eine Menge positiv gelaufen – in der Seine soll man jetzt tatsächlich schwimmen können. (lacht) Wichtig ist, die Leute mitzunehmen.
Deutsche Olympia-Bewerbung: „Ich würde es mir wünschen“
Können die World University Games einen Schub in Sachen Olympiabegeisterung geben?
Das wäre der best case. Ich würde es mir wünschen, dass der Idealfall eintritt. Von Seiten der Fisu versuchen wir genau das: Die Leute zu begeistern, sie in die Stadien zu holen. Dann wird es ein Fest. Und das wiederum ist gut für Deutschland – wie wir von außen wahrgenommen werden. Wenn dann auch noch unserer Athleten vor Heimpublikum erfolgreich sind – dann kann eine Begeisterung darüber entstehen, so ein Event mit all den emotionalen Momenten und tollen Geschichten live mitzuerleben.
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Die rückläufige Sportbegeisterung ist ja ein grundsätzliches Problem – da wäre es nicht das Schlechteste, ein paar junge Menschen zu elektrisieren.
Das wäre super – und ist auch ein bisschen das Bild, das ich vor Augen habe. Vielleicht ist es naiv, aber es wäre schon toll, wenn man hinterher einen Anstieg von Vereinseintritten registrieren würde.




