Kein typisches schwarzes Gewand, sondern ein lässiges T-Shirt – auch die Haltung wirkt modern und aufgeschlossen und so gar nicht in die Jahre gekommen. In den Gottesdiensten am Sonntag tritt er tiefenentspannt auf, ebenso im Interview. Attribute, die einem Vertreter einer christlichen Kirche im Jahr 2026 wohl nicht von jedem im Vorhinein zugeschrieben werden. Anders auszusehen und aufzutreten als der Stereotyp eines Pastors ist Harry Löwen aber nicht wichtig – wirklich wichtig ist ihm, was er den Menschen mit auf den Weg gibt.

Kirche: Hunderttausende Austritte jährlich

„Ich kann keine Herzen verändern, aber ich kann meinen Teil dazu beitragen, dass jemand seinen Glauben vertieft. Jeder Mensch trifft seine eigenen Entscheidungen“, sagt der Pastor. Das Jahr 2003 war für den heute 50-Jährigen ein ganz besonderes: Gemeinsam mit etwa einem Dutzend Gleichgesinnter hat er eine eigene Kirche auf Basis der Evangelischen Allianz gegründet – die „Kirche für Oberberg“ (KFO), benannt nach dem Landkreis im Süden Nordrhein-Westfalens, in dem er wohnt.

Während laut dem Pastor die Gottesdienste der KFO in den letzten Jahren immer voller wurden, sieht der bundesweite Trend eher gegenteilig aus. Kürzlich veröffentlichten die Evangelische Kirche in Deutschland und die Katholische Kirche ihre Mitglieds- und Austrittszahlen für das Kalenderjahr 2025. Noch rund 36 Millionen Menschen in Deutschland gehören einer der beiden Kirchen an. Im Jahr 2025 sind mehr als 600.000 Menschen ausgetreten, 2024 waren es sogar gut 630.000.

Verschiebung der Prioritäten junger Menschen

Ein Grund dafür sind laut der Deutschen Bischofskonferenz vor allem Sterbefälle. Dazu käme, dass sich viele Menschen von der Kirche entfremdet hätten und auch schlicht nicht mehr an Gott glauben würden – besonders junge Männer und Frauen. Diese Entwicklung nimmt der Geistliche nicht wahr. Sonntags würden junge Erwachsene mehr als die Hälfte der Gottesdienstbesucher in Oberberg ausmachen – bis zu 1000 Menschen fänden sich Woche für Woche zusammen. „Die Prioritäten haben sich verändert. Besonders die jungen Leute haben heute Sehnsucht nach Frieden und sind auf der Suche nach innerer Ruhe.“ Dabei würden laut Löwen das Weltgeschehen und Einflüsse wie Familie, Schule und Gesellschaft eine entscheidende Rolle einnehmen.

Kirche für Oberberg
In der KFO sind besonders viele junge Männer und Frauen aktiv. © Funke Mediengruppe | Jan Weber

„Menschen, die vor 20 bis 30 Jahren Teenager waren, haben nach Wahrheiten im Leben und dem Sinn des Lebens gesucht. Die jungen Mädchen und Jungen heute sehnen sich vor allem nach Sicherheit und Gemeinschaft“, glaubt der Pastor. Der Drang nach Sicherheit hätte seinen Ursprung in den Erlebnissen, die in der Kindheit präsent waren. Dabei sieht der Pastor die Coronapandemie und diverse Kriege, die seit Jahren für eine unsichere Stimmung sorgen, als Faktoren an. Der Glaube und die direkte Verbindung zu Gott geben ihnen dabei einen festen Halt.

Eine Studie über Glaube und Religion, der Bertelsmann Religionsmonitor, deutet in eine ähnliche Richtung. Gemeinschaft werde zum Kern des Glaubens, dabei komme es zu einer Verschiebung von der inhaltlichen Gestaltung des Glaubens hin zu einer größer werdenden Bedeutung von sozialen Beziehungen in der Gruppe. 51 Prozent der befragten 18- bis 29-Jährigen bejahen, dass sie an eine höhere Macht glauben. Man schließe daraus, dass zwar der konfessionell gebundene Glaube abgenommen habe, nicht aber das grundsätzliche Interesse an Gott.

Mehr Gemeinschaft, weniger Konservativität

Wendy Potzalek nimmt seit Anfang dieses Jahres regelmäßig an den Gottesdiensten der KFO teil. Zuvor war sie in einer anderen evangelischen Gemeinde – einer, in die sie als Kind schon mit ihren Eltern ging. „Da fühlte sich alles irgendwie konservativer an, hier ist es lebendig. Das merkt man immer schon zu Beginn“, sagt die junge Frau. Die Gottesdienste würden mit lauter Musik beginnen, manchmal sei sogar ein ganzes Orchester auf der Bühne: „Ich fühle mich viel mehr abgeholt. Die Texte aus der Bibel werden modern dargestellt und interpretiert und nicht einfach nur wortwörtlich vorgelesen.“

Da fühlte sich alles irgendwie konservativer an, hier ist es lebendig. Das merkt man immer schon zu Beginn.

Wendy Potzalek, Teilnehmerin

Die knapp anderthalb Stunden seien mit einer Party vergleichbar. Mit am wichtigsten ist ihr dabei aber das Gemeinschaftsgefühl: „Meine Freunde und ich fühlen uns ernst genommen und gesehen. Ich habe schnell eine Vertrauensbasis entwickeln können.“ Es gebe zwischen der Musik am Anfang und der Predigt am Ende, die oft auch von jüngeren Mitgliedern der KFO gehalten wird, Zeit für Austausch und um sich persönlich kennenlernen zu können: „Das hat mein Bild von Kirchenbesuchen von früher komplett geändert.“

In der „Kirche für Oberberg“ soll den Besucherinnen und Besuchern ein möglichst niedrigschwelliges Angebot bereitet werden: „Hier kann jeder hinkommen, wie er ist. Es wird rein gar nichts vorausgesetzt, und niemand ist bereits ‚fertig‘ in seinem Glauben.“ Eben jenes „Hinkommen, wie man ist“ haben 2003 die 17 jungen erwachsenen Gründungsmitglieder der KFO wortwörtlich genommen. „Einige haben sich damals nur zum Kiffen und Trinken getroffen“, erinnert sich Harry Löwen schmunzelnd an die Zeit zurück. „Manche haben sich zu der Zeit noch wenig mit Gott beschäftigt.“

Individuelle Entscheidung: Ohne Druck zum Glauben

Geplant, organisiert und durchgezogen: Aus einem Haufen Motivierter wurde schnell eine Einheit. In einem alten Bürogebäude fanden die ersten gemeinschaftlichen Treffen statt. Das Ziel sei es nie gewesen, der Evangelischen oder der Katholischen Kirche die Besucher wegzuschnappen: „Mein größter Wunsch ist es, dass alle Kirchen wieder voll werden. Es geht um Glaube, Liebe und Hoffnung, dabei ist es egal, in welche Kirche genau man geht.“

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Man möchte mit den anderen Kirchen gemeinsam an einem Strang ziehen. „Deshalb treffen wir uns regelmäßig mit Vertretern aller Kirchen. Jesus heißt jeden willkommen und wir natürlich auch.“ Dass er einmal eine leitende geistliche Rolle spielen wird, war für den in Kasachstan Geborenen nicht immer klar: „Eigentlich wollte ich nie ein Pastor werden, sondern einfach mehr über Gott erfahren.“ Seine Eltern haben seinen sieben Geschwistern und ihm keinen Druck auferlegt, ob und wann sie den Glauben annehmen: „Die Entscheidung, mit Jesus zu leben, habe ich getroffen, als ich 16 Jahre alt war. Da gibt es keine Vorlage, irgendwann spürst du die Verbindung einfach.“ Bevor es ihn aber auf die geistliche Schulbank gezogen hat, hat er eine Ausbildung zum Metallbauer absolviert.

Glaube ohne Druck: Kinder sollen selbst entscheiden

Bei der christlichen Erziehung seiner drei Töchter möchte der 50-Jährige genau so vorgehen, wie er es selbst als Kind erlebt hat: „Es bringt nicht viel, den Glauben seiner Eltern auszuleben.“ Er findet, dass man für Kinder in jüngeren Jahren einen bewussten Rahmen setzen sollte, wie sie mit in den Gottesdienst zu nehmen. Später sollten sie dann selbst entscheiden, „ob sie mit dem Glauben weitermachen wollen“.

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„Glaube entwickelt sich mit der Zeit immer weiter“, ist sich der Pastor sicher. Wie seine eigene Rolle in fünf oder zehn Jahren aussehen wird, lässt er offen. Vielleicht steht er dann noch immer im T-Shirt vor der Gemeinde, so entspannt wie heutzutage und immer noch anders, als man es von einem Geistlichen erwarten würde. Doch genau darum gehe es nicht. Es zähle das, was bleibt, wenn der Gottesdienst vorbei ist, und „ob die Besucher etwas für sich mitnehmen können – etwas, was sie bewegt.“