Santarem, 70 Kilometer nördlich der Hauptstadt Lissabon. Am 25. April 1974 kurz vor Mitternacht lauschen junge portugiesische Offiziere dem Radiosender Renascença. Da tönt wie verabredet zwei Mal „Grandola, vila morena“. Ein uraltes Lied von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Zehn Panzer, zwölf Truppentransporter und zwei Krankenwagen verlassen die Kaserne. Sie nehmen bald Lissabons Flughafen ein und rollen in die Stadt. Der Putsch gegen eine 36 Jahre dauernde Diktatur hat begonnen.

Diktator Marcelo Caetano ahnt, dass die „Bewegung der Streitkräfte“ ihn stürzen will. Er hat sich in der Stadt verbarrikadiert. Zehntausende an den Straßenrändern bejubeln am frühen Morgen des 26. April, als die Panzer einrücken, sie schenken den Soldaten rote Nelken. Sie wollen nicht mehr das ärmste Volk Westeuropas sein, nicht mehr unter autoritärem Zwang leben, nicht mehr mit dem halben Staatshaushalt und dem Blut ihrer zum Kampf gezwungenen Söhne den Kolonialkrieg in Afrika bezahlen.

Am Carmoplatz richten die Offiziere die Kanonen auf Caetanos Versteck und zwingen ihn binnen Stunden zum Rücktritt. Die Menschen zeigen ihm die Fäuste, als der Diktator im Auto weggebracht wird. Über Madeira fliegt er ins brasilianische Exil. Er und Vorgänger Salazar waren Faschisten. Sie haben Menschenrechtsverbrechen begangen. Aber Caetano wird nicht hingerichtet und nicht mal angeklagt. Er lebt in Rio weiter bis zu seinem Tod 1980.

Gewaltsame Stürze: So endeten Diktatoren im 20. Jahrhundert

Auch so – unblutig und kurz – kann eine Geschichte über das Ende von Gewaltherrschern geschrieben sein. Doch Portugals Umsturz war eine überraschende Ausnahme. Diktatoren sind gefährlich – sie leben aber auch gefährlich. In diesen Tagen starb Ajatollah Ali Chamenei, durchsiebt von Splittern beim gezielten Angriff der Israelis und Amerikaner. Iraner jubeln wie einst die Portugiesen. Auch wenn keiner weiß, was die Zukunft bringt.

Saddam Hussein, Diktator des Irak, steht nach seiner Festnahme im Februar 2006 vor Gericht in Bagdad.
Saddam Hussein, Diktator des Irak, steht nach seiner Festnahme im Februar 2006 vor Gericht in Bagdad.© Reuters | Pool

Wie endeten Diktatoren und Diktaturen in den letzten hundert Jahren? Bei nicht wenigen ist das gewaltsam passiert. KP-Parteichef Nicolao Ceausescu wurde nach dem Sturz des kommunistischen Regimes in Rumänien in den Weihnachtstagen 1989 auf der Flucht gefasst. Ein Revolutionsgericht fand sich. Es verurteilte ihn und seine Frau Elena zum Tode. Das Urteil war sofort zu vollziehen. Bevor die Todesschüsse fielen, sang der alte Kommunist im Hof die Internationale. Iraks langjähriger Herrscher Saddam Hussein wurde nach dem Einmarsch von US-Truppen verhaftet und den Irakern überstellt. Er wurde mit 69 Jahren 2006 gehängt. „Ich habe vor niemandem Angst“, sollen die letzten Worte gewesen sein.

Tod von Josef Stalin: „Ich habe ihn erledigt“

Ausgerechnet bei einem ganz großen Völkermörder wissen wir nicht genau, wie er starb. Josef Stalin ging über Leichen. Der Mann, der die Sowjetunion 25 Jahre zwischen 1927 und 1953 führte, war verantwortlich für Verfolgung, Gulag-Inhaftierung, Hungerepidemien der Landbevölkerung und 40.000 Todesurteile, die er selbst unterschrieb. Zeitgeschichtler schätzen die Zahl seiner Opfer auf bis zu 20 Millionen. Um Klarheit über sein Ende zu erhalten, haben sie Zeugenaussagen gesammelt. Kein Krimiautor würde sich trauen, das Ergebnis aufzuschreiben. 

Plötzlich, irgendwann am frühen Morgen des 1. März 1953, bricht Stalin im Schlafzimmer nach einem Gelage mit der Führungsclique zusammen. Er ist allein. Seine Kampfgenossen, das ausgesuchte Wachpersonal und selbst die Ärzte wissen: Wenn sie ihn beim Schlafen stören, kann das jederzeit mit der Todesstrafe geahndet werden. So wagt niemand, zu klopfen und den Mann zu wecken. Geheimdienstler bleiben flüsternd vor der Tür stehen, den ganzen langen Tag. Um 23 Uhr schließlich öffnet Oberstleutnant Losgatschew das Zimmer. Auf dem Boden liegt der Diktator, in Unterhemd und kurzer Pyjamahose. Eingenässt, aber lebend. Er kann sich weder bewegen noch kann er sprechen. Anzeichen für einen Schlaganfall.

Der gefürchtete Geheimdienstchef Beria wird geholt, er steht seit kurzem auf Stalins Abschussliste. Andere Politbüromitglieder wie Chruschtschow und Bulganin folgen. Er sei betrunken, glauben sie. Liegenlassen, sagen sie. Ein Satz von Beria ist überliefert: „Ich habe ihn erledigt.“ Gab es die Äußerung wirklich? Als die Ärzte da sind, wagen sie nicht einmal, den Puls zu messen. Stalin-Sohn Wassili stürzt herein: „Ihr Schweine habt meinen Vater getötet.“ Tage vergehen. Der Despot stirbt am Morgen des 5. März 1953, 72 Stunden nach Auffinden. Schlaganfall wird zur offiziellen Diagnose.

Klar ist: Der Sowjetführer hatte Gesundheitsprobleme. War es deshalb ein natürlicher Tod? Was hat Beria getan, der natürlich mit Giften umgehen konnte? Oder war es die eigene Strenge, die die zu lange zögerlichen Ärzte immer wieder zu spüren bekommen hatten, die dann aber Stalin das Leben kostete? Was in der Moskauer Datscha passierte, zählt zu den rätselhaftesten Todesfällen von Despoten.

Millionen Tote durch Krieg und Genozid

Neben Josef Stalin gab es andere Massenmörder. Adolf Hitler natürlich, der blutrünstigste von ihnen. 65 Millionen Menschen kamen durch den von ihm ausgelösten Weltkrieg ums Leben. Hitler beendete sein Leben durch Selbstmord am 30. April 1945, als sich die sowjetischen Truppen der Berliner Reichskanzlei näherten. Er schluckte Zyankali und setzte sich mit einer Walther-PPK-Pistole den Kopfschuss. Die Geliebte Eva Braun nahm Gift. Zwei Tage vorher erschossen Partisanen Hitlers engsten Verbündeten, Italiens faschistischen Diktator Benito Mussolini.

Wie Hitler starb in Asien Jahrzehnte später auch Pol Pot durch Suizid. Er hatte vier Jahre als Regierungschef Kambodscha geknechtet und die gebildeten Schichten bewusst völlig ausgelöscht. Es war ein Genozid, dem zwei Millionen Menschen zum Opfer fielen. Er beendete sein Leben 1998 selbst. Noch heute erinnern Massengräber an seine Taten.

Pol Pot, kambodschanischer Diktator, der für den Tod von zwei Millionen Menschen während seiner Herrschaft von 1975 bis 1979 verantwortlich gemacht wird.
Pol Pot, kambodschanischer Diktator, der für den Tod von zwei Millionen Menschen während seiner Herrschaft von 1975 bis 1979 verantwortlich gemacht wird.© picture-alliance / dpa | UPI

Mao Tse Tung dagegen, dem in seiner Regierungszeit durch eine rücksichtslose Agrarpolitik allein bis zu 60 Millionen chinesische Todesopfer angelastet werden, starb am 9. September 1976 friedlich und ohne Bewusstsein. Eine fortgeschrittene Muskellähmung löschte sein Leben aus. Die Nachfolger distanzierten sich von ihm. Seine Witwe und ihre „Viererbande“ wurden verhaftet. Jiang Qing wurde zum Tode verurteilt und bald begnadigt. Sie war es dann, die sich das Leben nahm.

Mao Tse Tung, Gründer der Volksrepublik China, bestimmte als Vorsitzender der Kommunistischen Partei Chinas bis zu seinem Tod 27 Jahre lang diktatorisch die Geschichte des Landes.
Mao Tse Tung, Gründer der Volksrepublik China, bestimmte als Vorsitzender der Kommunistischen Partei Chinas bis zu seinem Tod 27 Jahre lang diktatorisch die Geschichte des Landes.© picture alliance / United Archiv

Diktaturen in Südeuropa fallen, Demokratie hält Einzug

Die 1970er Jahre, als in Portugal die Demokratie siegte, waren für Europa besonders schlechtes Terrain für Diktaturen. Die Militärregierung in Griechenland zerbrach an einer gescheiterten Invasion in Zypern. Die Machthaber wurden zu langjähriger Haft verurteilt. In Spanien erkrankte der langjährige Gewaltherrscher Francisco Franco, seit 1939 an der Macht. Noch in den letzten Amtsjahren, nach einem Attentat auf seinen Stellvertreter Carrero Blanco, ließ er politisch motiviert Todesurteile zu. Verurteilte wurden an Stühle gefesselt und mit der Würgeschraube „Garotte“ getötet. Franco starb 1975 mit 82 Jahren. Die Spanier begleiteten in Madrid den Trauerzug und riefen: „Viva el Rey“. Es lebe der König. Juan Carlos, von Franco als Kind großgezogen,, wurde Regent. Er leitete die Wende zur Demokratie ein – und zu mehr Humanität.

Francisco Franco, der spanische Diktator, wollte „Führer von Gottes Gnaden“ genannt werden.
Francisco Franco, der spanische Diktator, wollte „Führer von Gottes Gnaden“ genannt werden. © picture-alliance / dpa | dpa Picture-Alliance / epa efe

Die Geschichte zeigt jedoch: Gerade Opfer von Despoten können sich fürchterlich rächen. Wie die Libyer an Muammar al-Gaddafi, der sich 1969 durch einen Militärputsch an die Macht gebracht hatte. Sein Herrschaftssystem glich einem bunten Mix aus Sozialismus, islamistischem Gedankengut und nacktem Terror. Den wandte er auch gegenüber westeuropäischen Staaten an, die er durch Geiselnahmen erpresste.

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Wie in Deutschland mordete er auf deren Territorium. Beim in Tripolis geplanten Attentat auf die Berliner Diskothek LaBelle starben 1986 zwei Amerikaner und eine Türkin. 2011 kam es in dem nordafrikanischen Land schließlich zum Aufstand. Die Hauptstadt Tripolis fiel in die Hände der Rebellen. Gaddafi floh in seine Geburtsstadt Sirte. Dort ergriffen ihn die Gegner. Gaddafi, offenbar durch einen Schusswechsel schon schwer verletzt, wurde durch heftige Schläge und Stiche in sein Gesäß gefoltert. Das belegen Videos. Er starb am 20. Oktober 2011 nahe Sirte.