Die Frau, die an diesem Sommermittag um kurz vor drei über den S-Bahnhof Düsseldorf-Wehrhahn huscht, sammelt Pfandflaschen. Stecken irgendwo lohnende Mehrwertgefäße in den Mülleimern? Nach kurzem Blick auf den Beutel, der am Bahnsteigzugang Ackerstraße hängt, stellt sie fest: Nur eine alte Zeitung, eine Glas- und eine Plastikflasche gucken heraus. 1,30 Mark wert allenfalls. Lohnt nicht. Sie geht weiter. In einigem Abstand folgt ihr eine Gruppe von zwölf Menschen, die aus der Sprachschule ASG in der Grafenberger Allee kommen. Als sie den Zugang um 15.04 Uhr erreichen, zerreißt eine gewaltige Explosion die Ferienruhe in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt.
Noch in 157 Metern Entfernung werden die Spurensicherer Splitter finden. Im Sack hat eine Rohrbombe gesteckt. Fahnder sind sicher: Sie wurde ferngesteuert. Zehn der zwölf Sprachschüler, drei Frauen und sieben Männer, werden verletzt, vier von ihnen schwer. Ein Splitter tötet das Ungeborene im Bauch von Tatjana L.
Der Aufstand der Anständigen
Der Wehrhahn-Anschlag, der sich am 27. Juli 2000 vor 25 Jahren ereignet hat, erschütterte das Land. Er schien sich gezielt gegen die zwölf Kontingentflüchtlinge aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion zu richten. Fremdenfeindlichkeit? Vielleicht Antisemitismus? Sieben der Opfer gehörten dem jüdischen Glauben an. Die Ereignisse von Düsseldorf hatten schnell politische Folgen. Kanzler Gerhard Schröder forderte nach einem weiteren Attentat auf eine Düsseldorfer Synagoge im Oktober des gleichen Jahres: „Wir brauchen einen Aufstand der Anständigen“. Bundestag und Bundesregierung beschlossen die Einleitung eines – später gescheiterten – Verbotsverfahrens gegen die rechtsextreme NPD.
Bis heute ist das Verbrechen ungeklärt. Haben die ermittelten Indizien nie ausgereicht für eine sichere Beweislage? Oder war alles anders? Ist es das Schweigen unbekannter Täter, das neue Fahndungen unmöglich macht?
Das Umfeld
Deutschland ist im Jahr des Düsseldorfer Attentats ein Jahrzehnt wiedervereinigt. Vor allem in der Ex-DDR, aber auch in der alten Bundesrepublik haben in diesen zehn Jahren rechtsextremistische Gewalttaten dramatisch zugenommen. Die Amadeu Antonio Stiftung errechnet deutschlandweit 137 einschlägig motivierte Morde in dieser Zeit, die letzten davon nur wenige Wochen vor Wehrhahn in Dortmund. Dort erschoss im Juni 2000 ein rechtsextremer Täter drei Polizeibeamte und dann sich selbst.
Keine zwei Monate nach der Bombenexplosion in Düsseldorf, im September, stirbt in Nürnberg der Türke Enver Simsek. Er ist das erste Opfer des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU), dem bis 2007 neun weitere Morde folgen werden. Kaum einer weiß 2000 von der Existenz des Mörder-Trios.
Die ersten Spuren
Dietmar Wixfort ist der zentrale Ermittler des Wehrhahn-Anschlags. Der zur Tatzeit 40-jährige Kriminalbeamte wird 2017 in einem Untersuchungsausschuss des NRW-Landtags detailliert über seine Arbeit informieren. Danach haben er und seine Leute von der „Ermittlungskommission Acker“ binnen weniger Tage nach der Tat eine Masse von Hinweisen gesammelt. Drei Verdachtsfällen gehen sie besonders nach. Darunter ist Norman B., der sich zur Tatzeit aber nicht mehr am Rhein aufhielt und auch ein Alibi hat.

Die Mehrzahl der Spuren führt ohnehin zu einem Militariahändler und Neonazi, der sein Geschäft in Sichtweite des Tatorts betreibt. Ralf S., der „Sheriff von Flingern“, wie sie ihn in dem Stadtteil nennen, ist die Spur 81. Aber: Alle Hinweise sind für Wixfort erst nur Vermutungen nach dem Motto: Der könnte es gewesen sein. Zwei Tage nach der Explosion gibt es am 29. Juli 2000 eine kurze Hausdurchsuchung durch den Staatsschutz. Wixfort ist unzufrieden mit den Ergebnissen. Aber in den Jahren 2000 und 2001 findet auch seine Kommission kaum wirklich Belastendes zu S., der die Behauptung aufstellt, er sei zum Zeitpunkt der Tat zu Hause gewesen.
Die Rohrbombe
Nicht nur, dass es keinen Bekennerbrief gibt. Auch Fingerabdrücke kann die Spurensicherung nicht finden. Sie sind in der großen Explosions-Hitze weggeschmolzen. Fachleute der Firma Mannesmann kümmern sich um die Tatwaffe. Sie kommen in ihrem Gutachten zu einem klaren Ergebnis: Der Sprengstoff war Trinitrotoluol, kurz TNT. Die Rohrbombe war von einem kenntnisreichen Experten per Hand zusammengebaut worden. Der verbaute Stahl ist zuvor „ausschließlich im Ostblock verwendet“ worden. Alles lasse „auf erhebliche Sachkunde schließen“.
Laut Bundeskriminalamt ist die Herkunft des an der S-Bahn-Station verwendeten TNT „ungeklärt“. Im Westen Deutschland ist er im Jahr 2000 nicht erhältlich. Nach Angaben der „Jüdischen Allgemeinen“ ist in den ostdeutschen Ländern Trinitrotoluol dagegen leicht auf dem Schwarzmarkt zu kaufen.
Der V-Mann
Zeitweise sind in Düsseldorf nach dem Anschlag 80 Fahnder an der Arbeit, es werden 1400 Zeugen vernommen, es gehen 700 Hinweise ein, und es sind 300 Spuren zu verfolgen. Ein ehemaliger Leibwächter des 9/11-Drahtziehers Osama bin Laden ist darunter, der mal eingeräumt hatte, er habe Anschläge auf Juden in der Stadt geplant. Allerdings nicht zur Tatzeit. Da war er in einem Al-Kaida-Camp in Afghanistan. Zwischendurch habe es auch immer Hinweise gegeben, die Russen-Mafia könne es gewesen sein, erinnert sich Dietmar Wixfort später an „abstruse Geschichten“.
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Nach einiger Zeit wird die „EK Acker“-Arbeit eingestellt. Wixfort macht alleine weiter, neben anderen Fällen. 2011 fliegt in Ostdeutschland der NSU auf, als sich seine Mitglieder Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos in einem Wohnwagen erschießen. Zehn Morde? Die Deutschen sind tief getroffen. In einer der Besprechungen dazu erfährt der „Acker“-Fahnder zu seiner Überraschung, dass der anfangs verdächtige Ralf S. bis Sommer 2000 engen Kontakt zu einer Vertrauensperson des NRW-Verfassungsschutzes hielt. Nach einem vom Düsseldorfer Polizeipräsidium verfassten Vermerk soll dieser V-Mann, Spitzname Gonzo, 2004 berichtet haben, der Wehrhahn-Anschlag sei „von Rechten aus dem Osten unter Abdeckung durch die hiesige rechte Szene“ verübt worden.
Der Prozess
Es ist 2014. Eine neue Ermittlungskommission ist an der Arbeit, die „EK Furche“. Ralf S. hat zwischenzeitlich in Haft gesessen, weil er Rechnungen nicht begleichen konnte. Hinter Gittern hat er geplaudert. Er habe ihnen erzählt, er sei das gewesen in Wehrhahn, sagen Mitinsassen. Er habe bedauert, „dass nicht alle draufgegangen sind“. Dass der Sohn von Tatjana L. im Mutterleib gestorben sei? Das habe er „eine gelungene Euthanasie“ genannt. Sätze, die ein Täter wohl sagen würde. So sieht es Staatsanwalt Ralf Herrenbrück.
Vor allem: Eine Ex-Freundin will zur Tatzeit im Jahr 2000 eine Bombe in der Küche von Ralf S. entdeckt haben. Der verwickelt sich zudem in zig Widersprüche. Herrenbrück wagt nach 18 Jahren den Indizienprozess – und eine harsche Anklage: Zwölffacher Mordversuch aus rassistischen Motiven. Für Herrenbrück sind die Indizien stimmig.
Die Richter aber haben ein Problem. S. hasst Ausländer. Er ist Antisemit. Er hat in Düsseldorf immer „die Kanaken wegsprengen“ wollen und damit durchaus auch die „Osteuropäer“ gemeint. Er macht gerne große Sprüche. Was dem Landgericht Düsseldorf aber nicht vorliegt: DNA-Spuren, belastende Fingerabdrücke, ein Geständnis oder eine beweiskräftige Aussage. Der Angeklagte sei „menschen- und ausländerfeindlich“, sagt Richter Drees. Aber auch, dass die Zeugen, die gegen ihn ausgesagt hatten, genauso wenig wie er glaubwürdig gewesen sind.

Drees argumentiert: Gerade, weil es um einen perfiden Anschlag gehe, der die Menschen erregt hat, sei eine „sachliche und abgeklärte“ Abwägung notwendig. Dafür hätten die Beweise nicht gereicht. Das Landgericht spricht S. frei. Die Spur 81 ist abgehakt. In letzter Instanz erkennt der Bundesgerichtshof 2021 „keine Rechtsfehler“ der Düsseldorfer Richter. Ihr Freispruch ist gültig.
Der NSU
25 Jahre danach. Es gibt offene Fragen. Könnten andere hinter dem Wehrhahn-Anschlag stecken? NSU-Täter vielleicht? Waren sie die ostdeutsche Gruppe, die in Düsseldorf in Zusammenarbeit mit rheinischen Komplizen zuschlug? So hatte es Gonzo, der V-Mann des NRW-Verfassungsschutzes, 2004 ja gesagt. Auf den berüchtigten „Panther“-Videos, die Beate Zschäpe nach dem Tod ihrer beiden Komplizen ins Netz gestellt hatte, taucht der Tatort Ackerstraße nicht auf.

Auch Ex-Cheffahnder Dietmar Wixfort sieht solche Zusammenhänge nicht. Aber die zehnfache Mordserie von Böhnhardt, Mundlos und der überlebenden Zschäpe begann genau zu dieser Zeit, die Opfer waren genau ihre Zielgruppe, und manche Mordwerkzeuge glichen sich auch: der Sprengstoff zum Beispiel. Rohrbombe und TNT wurden auf dem Bahnhof Wehrhahn eingesetzt. Rohrbomben und TNT wurden von Polizeibeamten schon im Januar 1998 in jener Jenaer Garage sichergestellt, die das NSU-Trio nutzte.
2023 erhielt Beate Zschäpe im Chemnitzer Gefängnis Besuch von bayerischen Landtagsabgeordneten. Der grüne Politiker Cemal Bozoglu fragte sie nach einer möglichen Täterschaft ihrer toten Freunde in Sachen Wehrhahn: „Könnten Sie, auch wenn Sie es nicht wissen, mal einschätzen, ob das auch die beiden sein könnten?“ Sie wisse dazu nichts, sagte Zschäpe. Aber auch: „Ich kann es nicht hundertprozentig ausschließen. Also, es wäre ihnen zuzutrauen“.


