„Ich spüre noch seine Hände auf mir“: Die investigative Recherche der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung zur Kinderprostitution in der Dortmunder Nordstadt hat viele Menschen im Ruhrgebiet und darüber hinaus erschüttert. Für ihre Arbeit wurde Politikredakteurin Sophie Sommer nun mit dem ersten Platz des Wächterpreises der Tagespresse ausgezeichnet. Dieser ist mit 10.000 Euro dotiert. Der Wächterpreis zählt zu den renommiertesten Auszeichnungen für Journalismus in Deutschland.
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„Dass Minderjährige in Dortmund seit Jahren gezwungen werden, ihre Körper zu verkaufen, hat mich sehr bewegt. Durch die Recherche habe ich tiefe Einblicke in die Abgründe unserer Gesellschaft gewinnen können. Die Auszeichnung mit dem Wächterpreis trägt mit dazu bei, dass nun deutschlandweit über den Missbrauchsskandal gesprochen wird“, sagte Sophie Sommer am Montag, 30. Juni bei der Preisverleihung im Kaisersaal des Frankfurter Römers.
WAZ-Redakteurin recherchierte acht Monate lang
Acht Monate lang hatte die 29-Jährige für den Text im Dunkelfeld rund um den Dortmunder Hauptbahnhof recherchiert. „Die aufwendig recherchierte und glänzend geschriebene Arbeit legt Abgründe offen, die sich so oder ähnlich in vielen Großstädten zeigen ließen, aber in der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt bleiben“, begründete Moritz Döbler, Chefredakteur der Rheinischen Post, die Entscheidung der Jury. Die Autorin wahre in ihrer Reportage außerdem die gebotene Mischung von Nähe und Distanz und trenne Fakten von nicht nachprüfbaren Schilderungen.

„Durch diesen renommierten Preis wird stellvertretend auch die journalistische Leistung der gesamten WAZ-Redaktion eindrucksvoll gewürdigt“, sagte WAZ-Chefredakteur Andreas Tyrock, der Sophie Sommer zur Preisverleihung begleitete. Die Stiftung Freiheit der Presse mit Sitz in Bad Vilbel nahe Frankfurt vergibt den Wächterpreis bereits seit 1969. Gewürdigt werden Journalistinnen und Journalisten und Redaktionen, die als „Wächter“ Missstände aufdecken und darüber berichten.
Weitere Auszeichnungen für Handelsblatt und Rheinische Post
Den zweiten Preis und 6000 Euro erhielten Sönke Iwersen und Volker Votsmeier. Die beiden Autoren des Handelsblatt hatten die im Cum-Ex-Skandal ermittelnde Staatsanwältin Anne Brorhilker porträtiert und ihren Kampf gegen Widerstände beschrieben („Die Demontage“). Beim Cum-Ex-Skandal hatten Finanzakteure Aktien mit („cum“) und ohne („ex“) Dividendenansprüche hin und her transferiert, so dass am Ende Steuern erstattet wurden, die gar nicht gezahlt worden waren. Dem deutschen Staat entstand dadurch ein Schaden in Milliardenhöhe.
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Mit dem dritten Preis und 4000 Euro wurde Julia Rathcke von der Rheinischen Post ausgezeichnet. In der im August 2024 erschienenen Reportage „Auf Lügen gebaut“ deckte sie auf, wie ein AfD-Landtagsabgeordneter seinen Lebenslauf in Teilen frei erfunden hatte.
Die Stimmen zum Wächterpreis
Julia Becker, Aufsichtsratsvorsitzende FUNKE Mediengruppe: „Guter Journalismus tut manchmal weh. Und das muss er auch. Warum, das hat Sophie Sommer mit ihrer Reportage eindrucksvoll gezeigt. Ja, es bereitet beinahe körperliche Schmerzen, ihre Geschichte zu lesen. Eine Reportage über Abgründe mitten in unserer Gesellschaft. Schilderungen, von denen wir hoffen, dass sie lediglich das sind – Geschichten. Gerüchte. Nicht die Realität. Aber die Geschichte ist real, basiert auf Fakten – verlässlich recherchierten Fakten. Sophie Sommers Text ist auch deswegen so beeindruckend, weil sich hier in knallharten und doch brillant geschriebenen Zeilen genau das herauskristallisiert, was exzellente Journalistinnen und Journalisten unter anderem auszeichnet: Sie leuchten die Geschehnisse auch in den dunklen Ecken unserer Gesellschaft aus – Dinge, die ohne ihre Recherche sonst im Verborgenen geblieben wären. Nur weil Sophie Sommer das grausame Leid von Kindern ans Tageslicht gebracht hat, konnten jetzt auch Maßnahmen ergriffen werden. Guter Journalismus ist der Kern der WAZ, der Kern unserer FUNKE Mediengruppe. Und eine Anerkennung wie die Auszeichnung mit dem Wächterpreis zeigt, dass wir den richtigen Weg eingeschlagen haben – in Print, und immer stärker im Digitalen: für eine offene, informierte Gesellschaft. Ich bin sehr stolz darauf, dass wir so großartige Journalistinnen und Journalisten bei FUNKE haben – und heute natürlich ganz besonders stolz auf unsere Preisträgerin Sophie Sommer. Herzlichen Glückwunsch, auch im Namen meiner Mutter und meiner Geschwister!“
Hendrik Wüst, Ministerpräsident Nordrhein-Westfalen: „Der Wächterpreis würdigt die unverzichtbare Rolle des Journalismus als „vierte Gewalt“, die Transparenz schafft und öffentlichen Diskurs ermöglicht. Er ist einer der wichtigsten öffentlichen Auszeichnungen in Deutschland überhaupt, er steht für Pressefreiheit, Zivilcourage und das Vertrauen in eine kritische Öffentlichkeit. Genau dafür steht Sophie Sommers Arbeit zur Kinderprostitution. Mit außergewöhnlichem Mut und journalistischer Präzision hat sie ein Thema beleuchtet, das verstört und betroffen macht, aber das dringend unsere Aufmerksamkeit und konsequentes Handeln erfordert. Durch ihre intensive Recherche gibt sie denen eine Stimme, die sonst zu wenig gehört werden. Sophie Sommer unterstreicht eindrucksvoll, wie wichtig freier, kritischer und investigativer Journalismus ist – für unsere Demokratie und den Schutz der Schwächsten. Sie führt uns eindrücklich vor Augen, wie essenziell journalistische Wachsamkeit ist, gerade dort, wo Unrecht im Verborgenen geschieht. Umso mehr freut es mich, dass mit dem Wächterpreis eine so wichtige Auszeichnung in diesem Jahr an eine Journalistin aus Nordrhein-Westfalen geht. Herzlichen Glückwunsch.“
Katrin Weidemann, Vorstandsvorsitzende Kindernothilfe: „Kinderrechtsverletzungen geschehen oft im Stillen – hinter verschlossenen Türen, mitten in unserer Gesellschaft. Umso wichtiger ist mutiger Journalismus, der hinsieht und Missstände sichtbar macht. Sophie Sommer hat mit ihrer Recherche zur Kinderprostitution ein Thema ins Licht gerückt, das überrascht und viel zu oft verdrängt wird. Die Reportage zeigt Kinderrechtsverletzungen im grausamsten Sinne und erinnert uns gerade deshalb daran, dass wir jeden Tag hinschauen müssen. Für diesen kraftvollen und sensiblen Beitrag und die Auszeichnung mit dem Wächterpreis, einem der renommiertesten Medienpreise der deutschen Tagespresse, gebührt ihr großer Respekt. Als größte Kinderrechtsorganisation im Ruhrgebiet, die sich tagtäglich dafür einsetzt, dass Kinder weltweit in Sicherheit, in Frieden und ohne Gewalt aufwachsen können, gratulieren wir herzlich – und danken der Autorin und der Redaktion der WAZ für diesen wichtigen Beitrag zum Schutz von Kindern.“
Bianca Biwer, Bundesgeschäftsführerin Weisser Ring: „Mit ihrer mutigen investigativen Recherche hat Sophie Sommer Licht in ein Dunkelfeld gebracht, das vernachlässigt und verdrängt wird. Sie hat etwas geleistet, das dem WEISSEN RING besonders am Herzen liegt: Sommer gibt Opfern, die oft weder gehört noch beachtet werden, eine Stimme und deckt Missstände auf, von denen sie betroffen sind. Die Reporterin beschäftigt sich auch mit den Strukturen in der Kinderprostitution und den Tätern. Ihre besondere Aufmerksamkeit als „Wächterin“ gilt jedoch den Betroffenen. Von Rückschlägen lässt sie sich nicht entmutigen. Nach vielen Gesprächen gelingt es ihr, das Vertrauen von Maxi zu gewinnen und so zu erfahren, wie die Dortmunderin in die Kinderprostitution geraten ist, welch massive Gewalt sie erlitten hat – und wie sie beschließt, sich zu wehren und Anzeige zu erstatten. Sommers präziser Text belegt, wie wichtig ein Journalismus ist, der seine Wächterfunktion ernstnimmt. Die Reportage rüttelt auf und zeigt auch, dass das Thema Menschenhandel eine noch viel stärkere Aufmerksamkeit braucht.“





