Mein Vater (93) sagt: „Je älter ich werde, desto mehr rast die Zeit.“ Menschen empfinden in dieser Weise, weil das Jetzt, das sie erleben, so kurz erscheint im Verhältnis zu all dem, was sie schon erlebt haben. Bei einem Kind ist es ganz anders. Bis etwa zum Ende der Grundschulzeit hat es nur eine vage Vorstellung von Zeit. Es versinkt ganz in seinem Tun, ohne daran zu denken, was war oder was einmal sein wird. Im „Flow“ zu sein, wurde ihm in die Wiege gelegt.
Kinder haben ein anderes Zeitgefühl: Mit diesen Strategien machen Eltern sie anschaulicher
Wir Erwachsenen gehen wie selbstverständlich davon aus, dass Klein-Jonte oder Mini-Mia sich vorstellen können, was es bedeutet, wenn wir beim Abschied in der Kita sagen: „Ich hole dich in vier Stunden wieder ab.“ Doch dabei vergessen wir, dass Kinder noch keinen linearen Zeitbegriff haben. Erst mit ungefähr neun Jahren hat ein Kind eine Vorstellung davon, wie lang vier Stunden sind und erst dann ist es dazu fähig vorherzusagen, wie viel Zeit eine Handlung beanspruchen wird. Das hat der berühmte Entwicklungspsychologe Jean Piaget einst herausgefunden.

Deshalb hilft es, Zeit anschaulich zu machen: „Ich habe heute Morgen eine Konferenz im Büro. Und wenn ich danach die Einkäufe erledigt habe, hole ich dich wieder ab“. - „Noch zweimal schlafen, dann kommt Oma.“ - „Wenn die Sanduhr durchgelaufen ist, kannst du aufhören, die Zähne zu putzen.“
Vor einiger Zeit hatten wir ein Mädchen aus Afghanistan in unserer Familie aufgenommen, das in Hamburg am Herzen operiert wurde. Etwa drei Wochen vor dem Rückflug kam ich endlich auf die Idee, ein Maßband aus Papier an den Schrank zu hängen, an dem die Siebenjährige jeden Tag einen Zentimeter abschneiden durfte. Es war wie eine Erlösung für sie. Endlich hatte die kleine Afghanin eine Vorstellung, wann sie wieder zu ihren Eltern und Geschwistern zurückfliegen durfte. Das Maßband hat ihr die Zeit des Wartens sehr viel leichter gemacht.
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Zählstrategien wie „Noch dreimal schlafen, dann fahren wir in Urlaub“ wenden Eltern automatisch an. Jeder Adventskalender ist eine Konkretisierung von Zeit. Vielleicht kann man aber auch außerhalb der Vorweihnachtszeit daran denken, für Kinder undefinierbare Phasen anschaulich zu machen.
Die Zeit vergessen: „Und wenn der Papst anruft, ihr stört mich nicht!“
Die verstorbene Management-Trainerin Vera F. Birkenbihl pflegte die Teilnehmer ihrer Seminare aufzufordern, die Zeit zu malen. Über 80 Prozent der Erwachsenen zeichneten einen Pfeil, ganz wenige einen Punkt. Die Zeit, die eher ein Punkt ist, ein Augenblick, in dem man erfüllt ist von dem, was man gerade tut, bezeichneten die alten Griechen als „Kairos“.
Das Leben von Kindern besteht – wenn man sie lässt – aus „Kairos“-Zeit. Wir können ihnen durch das Veranschaulichen von Tagen, Stunden und Minuten unsere Zeitleiste besser vorstellbar machen, aber austreiben sollten wir die kindliche Träumerei nicht. Schließlich müssen wir Großen es wieder mühsam lernen. Als unsere Kinder kleiner waren, probierte ich aus, jeden Mittag 20 Minuten lang zu meditieren. Ich sagte ihnen: „Und wenn der Papst anruft, ihr stört mich nicht!“ Ich schloss die Schlafzimmertür und schaute den Schrank an. Aber ich brauchte viel Übung, um nicht daran zu denken, was ich als Nächstes alles tun müsste. Kinder haben dieses Problem nicht. Schade, dass wir es ihnen allzu früh verschaffen.

Kindern zu ermöglichen, in ihr Tun zu versinken, ist mir ein Herzensanliegen. Denn so lernen sie, aus ihrem Inneren zu schöpfen und können den einzigartigen Schatz heben, der in jedem Menschen steckt: die ganz eigenen Begabungen und Interessen und ein gesundes Gefühl für sich selbst.
Die Kunst, sich selbst zu beschäftigen – und Nörgelei auszuhalten
„Kinder kommen durch das Spielen auf eine ganzheitliche Weise zu Erkenntnissen und Erfahrungen, ohne dass sie mit Erwachsenen darüber reden“, so der Religionspädagoge Martin Steinhäuser in einem Interview*, „wenn sie sich mit einem Tisch und einer Decke eine Bude bauen mit Teddy und Kissen drin, entsteht eine eigene Welt. Wenn sie dann ganz vertieft in ihr Spiel sind, reden sie in einer Sprache, die Erwachsene oft nicht verstehen. In diesen Momenten der Vertiefung hört für sie die Zeit auf, dann tut sich ein Raum auf – und eine innere Unendlichkeit dehnt sich aus.“
Wie können wir ihnen zu dieser „inneren Unendlichkeit“ verhelfen? Sehr hilfreich sind gemeinsame Lümmel-Nachmittage und faule Sonntage ohne Termine. Zumindest ab und an. Und dann sollten wir uns von der Vorstellung verabschieden, dass wir unser Kind bespaßen müssen. Klar ist es schön, mal etwas zusammen zu spielen. Ich kann aber auch Material, wie zum Beispiel Sand, Schüsseln, Schöpfkellen und Wasser (draußen) oder Decken, Kissen, Schaumstoffelemente, Bauklötze, Lego und leere Küchenpapier-Rollen (drinnen) bereitstellen und ihm die Freiheit lassen, daraus zu entwickeln, was es möchte.
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Kinder, die nicht gewohnt sind, sich selbst zu beschäftigen, werden gefühlt hundertmal rufen, dass ihnen langweilig ist. Dazu hat mir meine Freundin Isa, dreifache Mama, mal etwas Wichtiges gesagt: „Du musst 20 Minuten Nörgelei aushalten, dann fangen sie an, sich selbst etwas zu suchen.“ Ist es nicht herrlich, wenn wir irgendwann dahin kommen, dass wir mit Buch und Kaffee auf dem Sofa sitzen und unser Kind baut – ausgestattet mit Bauklötzen, Autos und Küchenbrettchen – das Kamener Kreuz zu unseren Füßen? Es gibt kaum eine größere Freude, als gelegentlich über das Buch zu schauen und das eigene Kind im „Flow“ zu erleben.
* „Warum Spielen so wichtig ist.“, Interview mit Martin Steinhäuser in der Zeitschrift Familien-Sonntag, Frühling 2020



