Barbara kommt direkt von einer Hochzeit zum vereinbarten Treffpunkt am Prinzipalmarkt herübergeradelt; die letzten weißen Vermählungsschleifchen an der Rikscha wehen noch fröhlich-symbolisch im Fahrtwind. „Gerade so geschafft“, begrüßt uns die gebürtige Münsteranerin zufrieden am Beginn unserer Rikscha-Rundfahrt durch Deutschlands unangefochtene Fahrradhauptstadt.
Auf die 322.000 Einwohner – davon 62.000 Studierende – kommen in Münster etwa 500.000 bis 750.000 Fahrräder, so ganz genau hat das noch niemand gezählt. Fest steht, dass in den letzten Jahren, genauer gesagt, seit der Verkehrseroberung durch das E-Bike, immer mehr Fahrradrikschas dazu gekommen sind. Und sie bestimmen jetzt im wahrsten Sinne des Wortes nachhaltig das touristische Bild der beliebten Studentenstadt.
Rikscha mit Platz für vier Erwachsene und zwei Kinder
Davon profitiert auch unsere Rikscha-Fahrerin Barbara unmittelbar. Ihr „Großraum-Gefährt“ hat immerhin Platz für vier Erwachsene und zwei Kinder, aber es ist auch extra mit zwei Akkus und Muskel-entlastender Zusatz-Technik auf das Angenehmste ausgerüstet. Deshalb kann Barbara die nächsten 90 Minuten ausgesprochen entspannt und kräfteschonend in die Pedale treten. Für die Sightseeing-Gäste sind unter einer Sitzbank noch ein paar unterschiedliche Flaschen Craft-Bier einer lokalen Brauerei verstaut, denn die Rundfahrt wird ausdrücklich als „mit begleitender Bierverkostung“ beworben.

Zwischen den entsprechenden Durst-Pausen plaudert Barbara Anekdotisches rund um Rathaus, Prinzipalmarkt, Schloss, Dom, Aasee und natürlich allerlei studentische Besonderheiten. Keine langweiligen Geschichtszahlen, keine staubtrockene Wissensvermittlung, sondern humorvoll-interessant vorgetragene Informationsschmankerl jenseits allen Wikipedia-Wissens.
Da gibt es beispielsweise einen erfrischenden Stopp gegenüber dem fernseh-bekannten Antiquariat, wo ein gewisser „Wilsberg“ seit 30 Jahren Folge für Folge in der gleichnamigen ZDF-Krimiserie seinen Lebensmittelpunkt hat. „Das gerade einmal 60 Quadratmeter große Ladenlokal steht im Moment für sage und schreibe 675.000 Euro zum Verkauf“, weiß Barbara dazu und lässt ihre Rikscha-Gäste darüber tüchtig staunen.
Studentenstadt: Von einem besetzten Haus zur alternativen Szenekneipe
In der nahe gelegenen Kreuzstraße gilt das Augenmerk nicht nur dem legendären Bierlokal „Pinkus Müller“, sondern auch den beiden ältesten Studentenkneipen „Cavete“ und „Blaues Haus“. Letzteres besticht durch seine eindeutige Farbe und auch mit der demonstrativen Borussia-Dortmund-Fahne ganz oben am Giebel: BVB-Fans hätten sich immer wieder an dem Schalke-Blau ereifert, erklärt Barbara die optische Friedenserklärung in ihrer Stadt, in der erinnerlich vor 377 Jahren schon der Westfälische Friede unterzeichnet worden ist.

Eine andere Form des einvernehmlichen und versöhnlichen Friedens zeigt sich in der Frauenstraße Nummer 24. Hier besetzten 1973 gut 300 aufgebrachte Studenten ein zum Abriss vorgesehenes Haus. Die rustikale Übernahme dauerte bis in die 80er Jahre und die umstrittene Immobilie wurde schließlich legitimierend vom Land NRW für den AStA der Universität Münster als Hauptmieter angekauft. Heute residiert hier neben einem regen Kulturverein eine noch immer alternativ geprägte Szenekneipe.
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Eine kurze Bier-Unterbrechung und etwa 1000 Pedal-Meter weiter wird die Rikscha-Tour mit einem weiteren studentisch-historischen Phänomen konfrontiert: Die drei berühmten Betonkugeln von Claes Oldenburg, die der Künstler 1977 dort aufstellen ließ, fanden damals erst wenig Zustimmung. Mittels Seilen und Balken wollten hitzige Studenten die zentnerschweren Kunstwerke im Rahmen einer nächtlichen Chaos-Aktion einfach in den Aasee rollen.
Rund 1000 Unfälle mit Fahrradfahrern: Münster ist sicherer als andere Städte
Es blieb allerdings beim vergeblichen Versuch, und bis heute erinnert eine um wenige Zentimeter aus dem Lot gehievte Kugel an den Misserfolg. Dass die Rikscha-Gäste damals selbst unmittelbare Augenzeugen des unziemlichen Geschehens waren, nimmt Barbara mit einem Schmunzeln zur Kenntnis und wird es vielleicht bei passender Gelegenheit künftig einmal in ihre Anekdoten-Sammlung einfließen lassen.
Über die idyllische Promenade, wo einst Münsters Stadtmauer verlief, geht es allmählich zurück zum Ausgangspunkt der ausgesprochen kurzweiligen Rikscha-Route. Im dichten Gewimmel von Fahrradfahrern und Fußgängern drängt sich die Frage nach Gefahrenmomenten förmlich auf. Rikscha-Profi-Radlerin Barbara versichert nicht ohne Stolz, dass sie in all den Jahren ihrer touristischen Beförderung noch niemals eine Kollision mit Auto, Fahrrad oder Fußgänger hatte. Rücksicht und Gelassenheit aller Beteiligten seien wohl dafür die Zauberworte, versichert sie.
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Und die Statistik gibt ihr Recht: Etwa 1000 Unfälle mit Fahrradfahrern gibt es pro Jahr in Münster, aber weniger als 100 gelten davon als schwer. Zum Vergleich: In Dresden werden jährlich mehr als 500 schwere Rad-Unfälle registriert. Münster ist also nicht nur quantitativ Deutschlands Fahrradhauptstadt, sondern im positiven und vorbildlichen Sinne auch qualitativ. Und das attraktive Rikscha-Angebot, mit oder auch ohne Bier-Verkostung, fügt sich da harmonisch in das sympathische Stadt-Image ein.





