Kennt man ja: Der Wecker klingelt, aber vom Ausgeschlafensein ist man noch Stunden entfernt. Woran das liegt? Der Allgemein- und Sportmediziner Dr. Carsten Lekutat meint, dass nicht nur unruhige Nächte daran schuld sind, sondern chronische Müdigkeit bei vielen Menschen ein SOS des Körpers und ein Zeichen für Dysbalancen ist. In seinem Buch „Müde?“ erklärt er, wie man den Ursachen auf die Spur kommt und Energie zurückgewinnt.
Ist Dauermüdigkeit tatsächlich ein weitverbreitetes Phänomen?
Dr. Carsten Lekutat: Ja, inzwischen hat sie sich zu einer Volkskrankheit entwickelt. Chronische Müdigkeit lässt sich nicht mit ein bisschen mehr Schlaf vertreiben, das zeigen Studien. Viele Menschen kommen in meine Praxis und sagen: „Ich bin völlig kaputt, ich kann nicht mehr.“ Nach außen hin läuft bei ihnen alles perfekt, Job und Privatleben funktionieren mühelos, aber innerlich brennen sie leise aus. Vor sechs, sieben Jahren, vor der Pandemie, war das noch nicht so ausgeprägt.
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Dr. Carsten Lekutat: „Dauermüdigkeit ist ein krankhafter Zustand“
Besteht ein Zusammenhang zum chronischen Fatigue-Syndrom (CFS), von dem seit der Pandemie vermehrt die Rede ist?
Nein, damit hat es nichts zu tun, das CFS wird häufig durch Infektionen, insbesondere durch Viren wie Epstein-Barr, also Pfeiffersches Drüsenfieber, Covid oder Influenza ausgelöst. Die Müdigkeit, von der wir hier sprechen, hat andere Ursachen.
Welche?
Die Gründe sind vielschichtig: Permanente Erreichbarkeit, gesellschaftlicher Druck, globale Krisen – all das zehrt ständig an unseren Ressourcen. Der Körper ist ein komplexes System, das auf Gleichgewicht ausgelegt ist. Aber in dieser Lebensrealität gerät er immer häufiger aus der Balance, weil er auf unzählige innere und äußere Faktoren reagiert.
Klingt nach Burnout.
Damit wird der Zustand oft beschrieben. Aber er ist häufig auch ein Hinweis auf körperliche Probleme.
Tipps vom Experten
Welcher Art?
Sie können mit dem Stoffwechsel zu tun haben, mit hormonellen Störungen oder Nährstoffmangel, um ein paar Beispiele zu nennen. Erkennt man die Auslöser, kann man an den Stellschrauben drehen und wird auch wieder gesund.
Müdigkeit abklären lassen: Wann ein Arztbesuch sinnvoll ist
Dann ist Dauermüdigkeit eine Krankheit?
Ja, ein krankhafter Zustand, den man spürt, aber nicht sieht.
Wie findet man heraus, was dahintersteckt?
Eins vorab: Für eine genaue Diagnostik und anschließende Therapie – sei es mit Medikamenten, Nahrungsergänzungsmitteln, oft auch in Kombination mit einer Änderung des Lebensstils – muss man zunächst zum Arzt. Denn den Ursachen chronischer Erschöpfung auf die Spur zu kommen, ist medizinische Detektivarbeit.
Die eigene Einschätzung ist nicht hilfreich?
Doch, schon. Für eine erste Einordnung haben wir einen Test entwickelt, den man selbst machen kann – im Buch oder online unter muede-trotz-schlaf.de.

Was zeigt der Test?
Damit findet man seinen persönlichen Müdigkeitstyp und erfährt, wo der Kern der Erschöpfung liegen könnte, ob der Körper Unterstützung braucht, die Psyche, oder das Zusammenspiel verschiedener Faktoren das Energielevel drückt.
Und dann?
Sollte man sich zunächst selbst beobachten, um die subtilen Botschaften des Körpers, seine leisen SOS-Signale, wahrzunehmen und zu verstehen. Diese sogenannten Vital-Codes zeigen, dass etwas nicht stimmt, und treten besonders im Zusammenhang mit Müdigkeit auf.
Insulinresistenz: Diese Anzeichen sollten Sie ernst nehmen
Welche Signale sind das?
Das können zum Beispiel Heißhungerattacken sein. Oder Hautveränderungen.
Was sagen die aus?
Kleine, weiche Stielwarzen beispielsweise, die oft am Hals, im Nacken oder in den Achselhöhlen auftauchen, oder dunklere, samtige Hyperpigmentierungen der Haut in diesen Bereichen können auf eine beginnende Insulinresistenz hindeuten.
Inwiefern?
Insulin ist ein Wachstumshormon. Wenn man Insulin zuführt, ist die Fettverbrennung gestoppt. Es lässt aber auch Hautzellen wachsen, und dann entstehen diese Warzen. Und bei Menschen, die insulinresistent sind, steigen der Insulin- und Blutzuckerspiegel – was zu Heißhunger und langfristig zu Typ-2-Diabetes führt.
Warum macht das müde?
Weil die Zellen dabei nicht mit ausreichend Treibstoff versorgt werden, also mit Energie in Form von Glukose. Sie sind weniger empfindlich für Insulin, das normalerweise für die Aufnahme von Zucker in den Zellen sorgt: Insulin öffnet sozusagen die Zellen, damit sie Energie tanken können. Stielwarzen sind also ein kosmetisches Detail mit einer tiefen, ernsten biologischen Botschaft, die förmlich schreit: „Schau mal auf deinen Zuckerstoffwechsel!“
Dr. Lekutat warnt vor stillen Entzündungen
Was sorgt außerdem für Erschöpfung?
Alles, was die Energie blockiert. Zum Beispiel Störungen im Schlaf-wach-Rhythmus, stille Entzündungen, Nährstoffmängel, Brain Fog …
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Schlafstörungen, okay, das ist nachvollziehbar.
Aber es geht nicht darum, sich mal unausgeschlafen zu fühlen, weil die Party zu lang war, sondern um subtile Abweichungen vom gewohnten Rhythmus. Vielleicht fällt einem auf, dass man zu bestimmten Zeiten nachts besonders wach ist, obwohl man eigentlich müde sein sollte. Oder man findet nicht mehr in tiefen, erholsamen Schlaf.
Und was bedeutet das?
Solche Muster, die auf einer Smartwatch als Veränderungen der Herzfrequenzvariabilität (HRV) oder des nächtlichen Ruhepulses sichtbar werden, können auf hormonelle Dysbalancen, chronischen Stress oder eine beginnende Überlastung des Nervensystems hindeuten.
Sie sprachen auch von stillen Entzündungen als Müdigkeitsfaktor. Was ist das?
Kaum bemerkbare Immunreaktionen des Körpers. Er funkt ständig Alarm, auch wenn kein Feind da ist, und verschwendet dafür Energie. Diese Prozesse laufen ohne typische Symptome wie Fieber oder Schmerzen ab. Sie entstehen zum Beispiel durch ungesunde Ernährung, chronischen Stress, Bewegungsmangel, eine gestörte Darmflora oder verborgene Entzündungsherde, etwa im Mund.
Mediziner rät: Bei anhaltenden Symptomen ärztlichen Rat einholen
In der Menopause klagen viele über Brain Fog.
Dieser „Nebel im Kopf“ und Konzentrationsschwierigkeiten können auf unterschwellige Entzündungen im Gehirn, auf Nährstoffmängel oder eine Überlastung des Stresssystems hinweisen – alles Faktoren, die sich in chronischer Müdigkeit äußern.
Schlechter Schlaf und Co.
Wie lässt man das denn nun alles checken – zu welchem Arzt geht man am besten? Und muss man die Diagnostik nicht zum Großteil selbst zahlen?
Man sollte seinem Arzt mitteilen, dass man bestimmte Symptome wahrgenommen hat, die man gern abklären lassen würde. Die werden auch im Test abgefragt. Und wenn man chronisch müde ist, geht es nicht mehr um Vorsorge, sondern um Diagnostik, und die übernimmt zum großen Teil die Krankenkasse.
Welche?
Die Bestimmung des Eisenwerts und des Schilddrüsensteuerwerts (TSH) beispielsweise ist eine Kassenleistung, auch der Blutzucker und der CRP-Wert, der Entzündungen anzeigt. Und das große Blutbild wird von den gesetzlichen Kassen übernommen, wenn es medizinisch notwendig ist.
Beschwerden ernst nehmen: Dr. Lekutat empfiehlt frühzeitiges Handeln
Was kann man selbst tun?
Gegenstrategien entwickeln. Die reichen von kleinen Schritten, wie bei Hitze Füße vor dem Zubettgehen kühlen, über entzündungshemmend essen – mit Fokus auf Gemüse, Beeren, Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, Nüsse und hochwertige Öle –, bis hin zum richtigen Maß an Bewegung, Stressmanagement, gezielter Supplementierung von Nährstoffen und medizinischen Therapien, etwa mit Hormonen.
Was bringt denn Füße kühlen?
Dadurch wird die Körperkerntemperatur etwas gesenkt – das löst einen Schlafimpuls aus. Bei manchen hilft auch die paradoxe Intention.
Was ist das?
Viele haben Einschlafangst – je mehr sie versuchen einzuschlafen, desto wacher werden sie. Aber wenn man versucht, bewusst wach zu bleiben, nimmt man den Druck raus. Oft schwindet dann die Angst, und der Körper gleitet in den Schlaf.
Noch ein Rat an alle, die sich dauermüde fühlen?
Wischen Sie die Signale Ihres Körpers nicht beiseite oder tun Sie sie nicht als normalen Verschleiß ab, nur weil „das ja alle haben“. Denn diese kleinen Ungleichgewichte, die heute vielleicht „nur“ Energie rauben und müde machen, entwickeln sich über Jahre oft zu irreversiblen Problemen. Ein Blick auf die Ursachen lohnt sich daher doppelt: Wenn man lernt, seinen Vital-Code zu entschlüsseln, und Gegenstrategien beherzigt, bekommt man nicht nur chronische Müdigkeit in den Griff und wieder mehr Energie, sondern schafft auch die Basis dafür, in Zukunft schwere Krankheiten zu vermeiden.
Dieser Artikel erschien zuerst in der Zeitschrift „Donna“, die wie diese Redaktion zur FUNKE Mediengruppe gehört.
Marie-Luise Wenzlawski








