Der medizinische Fortschritt gilt als eine der großen Erfolgsgeschichten moderner Gesellschaften. Doch wenn es um Frauengesundheit geht, klafft weltweit eine erhebliche Lücke. Frauen leiden häufiger unter Nebenwirkungen von Medikamenten, werden bei bestimmten Erkrankungen später diagnostiziert und sind in klinischen Studien noch immer unterrepräsentiert. Die Folge ist ein sogenannter Gender Health Gap – eine geschlechtsspezifische Ungleichheit in Forschung, Versorgung und Innovation.

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Dr. Nigina Muntean, ist Frauenärztin, Leiterin der Abteilung für Innovation und Transformation des United Nations Population Fund (UNFPA) und Mitbegründerin des WomenX Collective. Sie beschäftigt sich weltweit mit neuen Ansätzen für mehr Gleichberechtigung in der Gesundheitsversorgung. Im Interview spricht sie über strukturelle Defizite, die Rolle von Innovation – und darüber, warum selbst Länder wie Deutschland beim Thema Frauengesundheit noch erheblichen Nachholbedarf haben.

Frau Muntean, Bundesforschungsministerin Dorothee Bär (CSU) hat Deutschland vor wenigen Wochen als „Entwicklungsland“ in Bezug auf die Frauengesundheit bezeichnet. Wie würden Sie diese Aussage bewerten?

Nigina Muntean: Die Formulierung ist sicherlich provokant, aber sie lenkt Aufmerksamkeit auf ein reales Problem. Denn alle Länder sind Entwicklungsländer, wenn es um die Gesundheit von Frauen geht. Selbst in wohlhabenden Ländern mit sehr leistungsfähigen Gesundheitssystemen bestehen strukturelle Lücken. Deutschland verfügt zweifellos über große wissenschaftliche und medizinische Kapazitäten. Gleichzeitig zeigt die Debatte, dass auch hier noch erhebliches Potenzial besteht, Forschung, Daten und Innovation stärker auf die gesundheitlichen Bedürfnisse von Frauen auszurichten.

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Nigina Muntean: „Medikamente wirken bei Frauen anders“

Wie Sie schon sagen, gilt die medizinische Versorgung in Deutschland als hoch entwickelt und fortschrittlich. In welchen Bereichen sind die Frauen hier trotzdem benachteiligt?

Ein zentraler Bereich ist die medizinische Forschung. Über viele Jahrzehnte hinweg basierten klinische Studien auch in hoch entwickelten Ländern überwiegend auf männlichen Probanden. Es gab nicht mal Studien mit weiblichen Mäusen, geschweige denn mit Frauen. Das hat zur Folge, dass wir bis heute bei vielen Medikamenten und Therapien weniger darüber wissen, wie sie im weiblichen Körper wirken. Studien zeigen beispielsweise, dass ein Großteil gängiger Medikamente bei Frauen anders wirkt oder häufiger Nebenwirkungen verursacht.

Ein weiterer Punkt ist die Diagnostik. Symptome werden bei Frauen teilweise anders wahrgenommen oder interpretiert. Klassische Beispiele sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Autoimmunerkrankungen, bei denen Frauen häufig später diagnostiziert werden oder ihre Beschwerden zunächst weniger ernst genommen werden. Hinzu kommt, dass bestimmte Bereiche der Frauengesundheit – etwa Endometriose, reproduktive Gesundheit, aber auch Wechseljahre – lange Zeit zu wenig erforscht waren. Das führt dazu, dass viele Frauen noch immer jahrelange Diagnosewege durchlaufen. Und der Gender Health Gap betrifft nicht nur Patientinnen, sondern auch das medizinische Personal.

Nigina Muntean zur Health-Gap bei Frauengesundh...
Dr. Nigina Muntean ist Frauenärztin, Leiterin der Innovationsabteilung des United Nations Population Fund (UNFPA) und Mitbegründerin des WomenX Collective. © picture alliance/dpa | Jens Kalaene

Wie genau ist das medizinische Personal davon betroffen?

Weltweit stellen Frauen rund 70 Prozent der Beschäftigten im Gesundheitssektor dar – sie sind etwa Ärztinnen, Pflegekräfte, Hebammen oder Forscherinnen. Gleichzeitig wurden viele medizinische Instrumente und Schutzkleidungen für den durchschnittlichen männlichen Körper entwickelt. Chirurgische Instrumente etwa wurden nicht für kleinere Frauenhände entwickelt – und das ist auch heute noch so.

Als ausgebildete Ärztin musste ich schon oft zwei Finger durch eine Chirurgie-Schere stecken, da diese für meine Hände zu groß war. Solche Unterschiede können nicht nur die Sicherheit, sondern auch die Arbeitsfähigkeit beeinträchtigen. Es gibt eindeutige Belege dafür, dass Chirurginnen häufiger unter Schulter-, Nacken- und Gelenkbeschwerden leiden, weil Instrumente und Operationsumgebungen nicht ergonomisch auf sie zugeschnitten sind.

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Nigina Muntean: „Für die Wirtschaft ist der Gender Health Gap giftig“

Viele sehen gar nicht, dass systematische Benachteiligung von Frauen auch weitreichende Folgen für die Wirtschaft hat. Können Sie erklären, wie der Gender Health Gap sich ökonomisch auswirkt?

Wenn Krankheiten bei Frauen schlechter oder später behandelt werden, führt das automatisch zu mehr Fehltagen, längerer Krankheitsdauer und geringerer Produktivität. Im Durchschnitt verbringen Frauen neun Jahre ihres Lebens in einem schlechteren Gesundheitszustand als Männer. Für die Wirtschaft ist der Gender Health Gap daher giftig. Denn die Benachteiligung von Frauen führt direkt zu einem geringeren Arbeitskräftepotenzial. Viele Ökonomen argumentieren heute deshalb, dass Investitionen in geschlechtersensible Medizin eine der ökonomisch sinnvollsten Gesundheitsreformen sein können.

Dazu kommt noch, dass der Gender Health Gap auch weitreichende soziale Folgen hat. In vielen Gesellschaften spielen Frauen eine Schlüsselrolle für die Gesundheit von Gemeinschaften. Sie sind häufig diejenigen, die sich um Kinder, ältere Angehörige oder kranke Familienmitglieder kümmern. Wenn ihre eigene Gesundheit nicht ausreichend berücksichtigt wird, kann sich das auf die gesellschaftliche Gesundheitslage auswirken. Wenn Frauen krank werden, leidet also die ganze Gesellschaft.

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Was müsste in den nächsten fünf Jahren passieren, damit wir beim Gender Health Gap einen echten Fortschritt sehen?

Wir brauchen vor allem drei Dinge: bessere Daten, gezielte Investitionen und einen stärkeren Fokus auf Innovation. Gesundheitsdaten müssen konsequent nach Geschlecht erhoben und ausgewertet werden. Ohne diese Daten können wir die Unterschiede in Diagnose, Behandlung und Gesundheitsergebnissen nur unzureichend verstehen. Zweitens braucht es deutlich mehr Investitionen in Forschung im Bereich der Frauengesundheit. Viele Erkrankungen, die vor allem Frauen betreffen, sind historisch unterfinanziert.

Und drittens ist es wichtig, dass Frauengesundheit als gesamtgesellschaftliches Anliegen verstanden wird – in der Gesundheitspolitik, in der medizinischen Ausbildung und auch in der Gestaltung von Technologien im Gesundheitsbereich. Wenn es uns gelingt, diese drei Bereiche zusammenzubringen – Daten, Investitionen und Innovation –, dann bin ich zuversichtlich, dass wir in relativ kurzer Zeit spürbare Fortschritte sehen können.