Diene Keita hat keinen einfachen Job. Sie leitet den Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) und setzt sich weltweit für sexuelle und reproduktive Rechte der Frauen ein. Vor allem christlich-konservative Organisationen in den USA verteufeln aber den UNFPA, weil die Organisation mit ihrem Familienplanungsprogrammen angeblich indirekt Abtreibungen fördert. So hat die US-Regierung unter Präsident Donald Trump alle Hilfszahlungen an den Fonds gestoppt. Wie gravierend diese Streichungen sind, was Diene Keita nun von Deutschland erwartet und warum sie trotzdem optimistisch in die Zukunft blickt, erzählt sie im Interview.

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Frau Keita, die aktuelle WHO-Studie „Global Burden of Disease“ zeigt es ganz deutlich: Männer profitieren stärker vom medizinischen Fortschritt als Frauen. Was sind Ihrer Meinung nach die Gründe dafür?

Diene Keita: Frauen sind generell nicht weniger gesund als Männer. Aber der Zugang zu medizinischen Behandlungen, Diagnostik oder Gesundheitsdiensten ist oft ungleich verteilt. Viele Studien sind zudem traditionell stark auf den männlichen Körper fokussiert, was zu einem Mangel an Daten über Frauen und ihre spezifischen gesundheitlichen Bedürfnisse führt. Frauenspezifische Angelegenheiten, wie etwa Wechseljahre oder andere hormonelle Umstellungen, sind oft weniger gut erforscht und auch Reproduktionsmedizin wird in Erhebungen oft nicht berücksichtigt.

UNFPA-Leiterin Diene Keita: „Täglich sterben mehr als 700 Frauen während der Geburt“

Der sogenannte Gender Health Gap ist nicht neu, obwohl es deutliche geschlechtsspezifische Unterschiede in der Gesundheit, Diagnostik und Behandlung gibt. Wie kann man diese Kluft reduzieren?

Keita: Erstens braucht es eine verlässliche, geschlechtssensitive Datengrundlage: bessere Erfassung von Gesundheitsergebnissen, Risiken und Bedürfnissen von Frauen und Männern – und zwar in allen Lebensphasen. Zweitens muss Forschung geschlechtsspezifische Perspektiven stärker berücksichtigen, einschließlich der Relevanz von reproduktiver Gesundheit, Hormonhaushalt und geschlechtsspezifischen Nebenwirkungen von Medikamenten. 

Und natürlich muss der Zugang zu Gesundheitsversorgung universell und gerecht gestaltet werden, damit alle Menschen angemessene Vorsorge, Diagnostik und Behandlung erhalten können. Man sagt oft über UNFPA, dass wir uns nur für Mädchen und Frauen starkmachen, aber wir setzen uns für alle ein, denn von Gleichberechtigung und gleicher medizinischer Behandlung profitiert jeder von uns.

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Die reproduktiven Rechte von Frauen werden in vielen Ländern immer mehr zum Politikum. Regierungen versuchen, sowohl sinkende als auch hohe Geburtenraten durch politische Maßnahmen zu beeinflussen. Was denken Sie über diese Entwicklung?

Keita: Das Schlimmste, was wir tun können, ist zu beschließen, dass Frauen keine Kontrolle über ihre reproduktiven Rechte haben sollten. Ich sage da ganz deutlich: Die reproduktive Gesundheit der Frau und die damit verbundenen Rechte müssen konsequent geschützt werden, unabhängig von demografischen Zielen oder politischen Strömungen. Jede Frau soll frei entscheiden können, ob, wann und wie viele Kinder sie will – ohne Druck, Zwang oder finanzielle Anreize von außen.

Politische Maßnahmen sollten daher darauf abzielen, sichere, freiwillige und informierte Entscheidungen zu ermöglichen. Wussten Sie, dass weltweit mehr als 700 Frauen täglich während der Geburt oder an den Folgen einer Schwangerschaft sterben? Das ist schrecklich und die meisten dieser Todesfälle sind vermeidbar. Wir von UNFPA setzen uns deswegen dafür ein, eine sichere Geburt zu gewährleisten und die Müttersterblichkeit zu verhindern. Dieses Ziel sollte auch die Politik verfolgen.

Diene Keita

Diene Keita wurde in Guinea geboren und arbeitet seit mehr als 30 Jahren bei den Vereinen Nationen. Ihre UN-Laufbahn begann sie 1990 beim Entwicklungsprogramm UNDP. Die 61-Jährige hat einen Doktortitel in Rechtswissenschaften und Abschlüsse in Internationaler Wirtschaft, Entwicklungsrecht und Internationalen Beziehungen. Sie spricht fließend Englisch, Französisch und Italienisch. Seit 2025 ist sie Exekutivdirektorin des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) und bekleidet damit den Rang einer Untergeneralsekretärin.

Auch das Recht auf Abtreibung ist in vielen Ländern, darunter auch in Deutschland, politisch umstritten. Länder wie Polen oder die USA haben die Gesetzeslage dazu extrem verschärft. Ist es in Ihren Augen ein politischer Rückschritt?

Keita: Wir von UNFPA finanzieren und führen keine Abtreibungen durch. Fakt ist jedoch, ein Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen verhindert keine Abbrüche, sondern führt zu risikoreichen Abbrüchen, gefährdet das Leben der Frauen und verletzt damit Menschenrechte. Wir wissen daher, dass der Zugang zu sicheren und legalen Abtreibungen die Gesundheit von Frauen schützt und unsichere Verfahren verhindert. Der Zugang zu sicherer Abtreibung ist eine Menschenrechtsfrage.

Trump-Regierung kürzt Mittel: „Solche Entscheidungen sind nicht neu“

Die US-Regierung unter Präsident Donald Trump sieht den UNFPA besonders kritisch und hat vor Kurzem alle Hilfszahlungen an den Fonds gestoppt. Wie kritisch ist die Lage dadurch geworden?

Keita: Die Kürzungen bei globalen Gesundheitsorganisationen sind immer verheerend, da sie direkte Auswirkungen auf die Gesundheit von Frauen, Kindern und Jugendlichen in Krisengebieten haben. Die Leidtragenden sind also wieder mal die Schwächsten. Wenn finanzielle Mittel reduziert oder unsicher werden, leidet die Planung und Umsetzung wichtiger Programme.

Zudem gefährden unvorhergesehene Budgetschwankungen die Stabilität von Lieferketten, die Verfügbarkeit von Medikamenten und das Personal vor Ort. Übrigens sind solche Entscheidungen aus den USA für uns nicht neu. Republikanische Regierungen kürzen uns oft die Mittel, das liegt also nicht nur per se an Trump. Aber es gibt auch eine gute Nachricht.

Und die wäre?

Keita: Wir haben viele zuverlässige Partner, wie etwa Deutschland, die uns in dieser Notsituation unterstützen. Vor allem Deutschland ist für uns besonders wichtig, da es in den letzten Jahren einer der größten UNFPA-Geldgeber war. Deutschland trägt maßgeblich dazu bei, die Schwächsten mit lebensrettenden Maßnahmen zu unterstützen.

Wenn Gesellschaften gesunde Mütter und Kinder haben, sinken Sterblichkeitsraten und Bildungs- und Erwerbschancen verbessern sich deutlich. Und davon profitieren Deutschland und andere Geldgeber langfristig. Denn Entwicklungshilfe fördert stabile Partnerländer und reduziert humanitäre Krisen und Kosten in der Zukunft durch bessere Gesundheitsversorgung.

Sie haben in Ihrer Arbeit so viel Leid auf der Welt gesehen. Wie schaffen Sie es, trotz so vieler Krisen optimistisch in die Zukunft zu blicken?

Keita: Ich muss optimistisch bleiben, denn wir sind ein Anker für so viele Menschen. Den Menschen in Krisengebieten geht es schon schlecht genug, wenn wir auch noch pessimistisch an die Sache rangehen, helfen wir ihnen dadurch kein bisschen. Wir müssen ihnen Hoffnung und Perspektive bieten. Und das Wissen, dass man zu einer besseren Zukunft beiträgt, kann eine wichtige Quelle der Motivation sein.