• Ein Klient in der Paartherapie hat eine pragmatische Erklärung für seine Untreue.
  • Seine Frau sieht ihn aufgrund der Empathielosigkeit als Narzissten.
  • Paartherapeuten erklären die komplexen Mechanismen dahinter

Viele Menschen sind fassungslos, wenn sie erleben, dass ihr Partner fremdgeht und keinerlei Schuldgefühle zeigt. Statt Reue oder Entschuldigungen lauten die Erklärungen oft: „Ich liebe doch meine Frau!“ oder „Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun“. Auch ein Klient in unserer Paartherapie formulierte es so: „Ich brauche mehr Sex“, sagte er nach seiner Untreue. Seine Ehefrau sah das anders.

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„Mein Mann ist ein krankhafter Narzisst!“, sagte sie am Anfang des Gesprächs in unserer Praxis. Sie beschrieb ihren Mann als egoistisch, empathielos und abwertend. Auf den ersten Blick erscheint die Perspektive unserer Klientin plausibel. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch, dass die Ursachen der Untreue ihres Mannes komplexer sind.

Sind Fremdgänger immer Narzissten? Paartherapeut klärt auf

Narzissmus ist in den letzten Jahren zum Modebegriff geworden. Viele verwenden das Wort fast inflationär. Was in den 2000er-Jahren ADHS war, ist heute Narzissmus: Damals wurde nahezu jedes lebhafte Kind mit dem Etikett ADHS versehen, heute gilt fast jeder unangenehme Partner als Narzisst. Diese Etikettierung ist praktisch. Doch sie gibt die Komplexität von Beziehungen nicht wieder und entlastet denjenigen, der sie ausspricht, von seiner eigenen Verantwortung.

Im Fall unseres Klienten handelt es sich nicht um einen klassischen Narzissten, sondern um einen Menschen mit einem unsicher-vermeidenden Bindungsstil. Die Ursachen liegen in seiner Biografie und in seinem familiären Umfeld: Schon seine Eltern und Großeltern verharmlosten Fremdgehen.

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Dazu kommt eine geringe Fähigkeit zur Selbstreflexion: Der Klient hat nie gelernt, sein eigenes Handeln in Beziehung zum Partner zu setzen. In der Paardynamik zeigte sich eine wachsende Entfremdung und Distanz. Der Mann erlebte das Fremdgehen als etwas, das ohnehin außerhalb einer bereits zerbrochenen Beziehung stattfand und konnte die Auswirkungen auf seine Frau nicht erkennen.

Ihre Beziehungsfrage, Ihre Geschichte – schreiben Sie uns!

Haben Sie ähnliche Erfahrungen gemacht und wollen uns Ihre Geschichte erzählen? Oder haben Sie Fragen zu einem Partnerschaftskonflikt oder sonstigen Beziehungsthemen? Schreiben Sie uns einfach unter beziehung@funkemedien.de – auf Wunsch auch anonym. Wir freuen uns, von Ihnen zu hören.

Gerne leiten wir Ihre Fragen auch an unsere Beziehungsexperten weiter, wie etwa das Therapeutenpaar Andrea Katz-Straden und Gisbert Straden. Sie geben dann Antwort auf die wichtigsten Fragen.

Kein schlechtes Gewissen nach Untreue? Oft stimmt das nicht ganz

Dass viele untreue Partner keine Schuldgefühle empfinden, bedeutet nicht zwangsläufig, dass sie kalt, bösartig oder narzisstisch sind. Häufig greifen psychische Schutzmechanismen, die das Gewissen entlasten:

  • Verdrängung und Rationalisierung: Schuldgefühle wären schmerzhaft. Deshalb rechtfertigen viele Betrüger das Verhalten innerlich mit Glaubenssätzen wie „Das bedeutet nichts“, oder „Das hat nichts mit meiner Ehe zu tun“.
  • Dissoziation: Manche Menschen trennen stark zwischen Partnerschaft und sexuellen Abenteuern. Sie erleben diese Bereiche wie „zwei verschiedene Welten“ und vermeiden dadurch Schuldgefühle.

Auch die mediale Kultur spielt eine Rolle: Sex wird als Konsumgut ohne Verpflichtungen vermarktet und ist jederzeit verfügbar. Dating-Apps und Internetangebote verstärken diesen Trend.

Fremdgehen verzeihen? Diese Fragen zählen jetzt

Um in solchen Situationen Klarheit zu schaffen, sollte das Paar folgende Fragen gemeinsam klären:

  • Wie rechtfertigt die fremdgehende Person ihr Verhalten innerlich?
  • Welche Bedürfnisse und welche ungelösten Konflikte stehen dahinter?
  • Welche Bedeutung hat die Paarbeziehung noch?

Im Fall unserer beiden Klienten können wir festhalten: Mit Narzissmus hat die Problemsituation dieses Paares sicher nichts zu tun. Untreue und fehlende Schuldgefühle sind meist Ausdruck von Bindungsdynamiken, ungelösten Konflikten und individuellen Schutzmechanismen. Ein Anzeichen einer Persönlichkeitsstörung ist sie aber nicht automatisch.

Ihr Kolumnist – Gisbert Straden

Dieser Text erschien erstmal im September 2025.