ZDF-Boykott

Revier-Chefs erhalten Rückendeckung für Boykott der Studien

Licht und Schatten im Ruhrgebiet: Die Fußgängerbrücke des Frankfurter Künstlers Tobias Rehberger über den Rhein-Herne-Kanal verbindet den Kaisergarten am Schloss Oberhausen mit der Emscherinsel. Im Hintergrund der Gasometer.

Licht und Schatten im Ruhrgebiet: Die Fußgängerbrücke des Frankfurter Künstlers Tobias Rehberger über den Rhein-Herne-Kanal verbindet den Kaisergarten am Schloss Oberhausen mit der Emscherinsel. Im Hintergrund der Gasometer.

Foto: Ilja Höpping

Essen.   Das Lebensgefühl der Ruhrgebiets-Bürger könne mit Daten nicht erfasst werden, sagen Experten. Die Entwicklung der vergangenen Jahre sei positiv.

Für ihre Entscheidung, eine vom ZDF geplante Städte-Umfrage zu boykottieren, erhalten die Ruhrgebiets-Oberbürgermeister und Landräte breite Unterstützung. „Ich finde es gut, dass die Oberbürgermeister darüber nachdenken, ob die Indikatoren der Studie tatsächlich die Lebenswirklichkeit im Ruhrgebiet darstellen“, sagte Prof. Jörg Bogumil, Sozialwissenschaftler an der Ruhr-Uni Bochum und Kenner des Ruhrgebiets.

Die Studie sei nur eine Momentaufnahme und betrachte nicht die positive Entwicklung der Region in den letzten Jahren. „Solche Rankings blenden die Entwicklungsfähigkeit des Ruhrgebiets aus und zementieren den schlechten Ruf“, sagte Bogumil unserer Redaktion.

Oberbürgermeister kennen die Probleme ihrer Städte

Hernes Oberbürgermeister Frank Dudda (SPD) bekräftigte die Entscheidung der Ruhr-Oberbürgermeister und Landräte, nicht an den zwei neuen ZDF-Ranglisten, dem „Familienatlas“ und dem „Seniorenatlas“, teilzunehmen. „Wir hatten alle den Kaffee auf“, sagte Dudda stellvertretend für seine Amtskollegen. Die Studie arbeite mit veralteten Zahlen. Kritik an der Boykott-Aktion äußerte hingegen Oliver Wittke, Vorsitzender der CDU-Ruhr und ehemaliger OB von Gelsenkirchen: „Die Veränderung zum Besseren beginnt mit der Akzeptanz der Realität.“

Jörg Bogumil wies diesen Vorwurf zurück: „Die Oberbürgermeister verschließen nicht die Augen vor der Realität in ihren Städten. Sie kennen die Problematik von Altschulden, Arbeitslosigkeit und Strukturschwäche sehr genau. Doch sie sind zu Recht darüber frustriert, dass alle bisherigen Erfolge durch solche Ranglisten zunichte gemacht werden.“ Allerdings setzten sich die Stadtspitzen dem Vorwurf aus, sich in die Schmollecke zurückzuziehen. Aus seiner Sicht müsse mehr über die positiven Entwicklungen im Ruhrgebiet gesprochen werden.

Das Ruhrgebiet ist mehr als Summe seiner Städte

Prof. Uli Paetzel, Chef der Emschergenossenschaft und des Lippeverbandes, bezeichnete die ZDF-Umfrage als „im Ansatz fehlerhaft“. „Die Studie würde zweifellos zu einem anderen Ergebnis kommen, wenn man die Region als Ganzes und nicht einzelne Revierstädte bewerten würde“, sagte Paetzel unserer Redaktion.

Erst beim Blick auf die Gesamtregion würde sich zeigen, was die Lebenswirklichkeit der Ruhrgebietsbürger ausmacht. Paetzel: „Die Menschen hier leben in der Regel nicht nur innerhalb ihrer Stadtgrenzen, sondern nutzen das vielfältige Angebot der gesamten Region, etwa was Freizeit oder Kultur angeht.“ Wer das Ruhrgebiet und seine Lebensqualität bewerten wolle, dürfe nicht nur auf die einzelnen Städte blicken.

Ranglisten verfestigen das Schlusslicht-Image

Auch Prof. Peter Goch, Sozialwissenschaftler und Experte für die Geschichte der Region, hat Verständnis für die Revier-OBs. „Die Städte kennen ihre Probleme und die Zahlen.“ Die Frage sei, ob man das Lebensgefühl der Bürger mit einer Statistik erfassen könne.

Viele Umfragen zeigten, dass die Menschen gerne im Ruhrgebiet lebten. Solche Städte-Ranglisten verfestigten nur das Schlusslicht-Image der Revier-Städte. „Wenn man immer auf dem letzten Platz landet, braucht man sich um Investoren oder Neubürger gar nicht mehr bemühen“, meinte Goch. „Das ist ein Teufelskreis.“

Das Ruhrgebiet müsse offensiver mit seinen Problemen umgehen, meint Julia Sattler von der TU Dortmund, die für eine Forschungsarbeit den Strukturwandel an der Ruhr mit der US-Autometropole Detroit verglichen hat.

„Mich nervt, dass wir im Ruhrgebiet immer sofort eine Verteidigungshaltung einnehmen“, sagte sie. Eine Umfrage, die nur bestätige was ohnehin bekannt sei, findet sie überflüssig. Städte wie München oder Münster müssten nicht mit dem Strukturwandel kämpfen. „Wenn man die Menschen befragen würde, käme sicherlich ein positiveres Ergebnis dabei heraus“, ist sie überzeugt. „Die Statistik sagt wenig aus über das Lebensgefühl der Bürger.“

Das ZDF wollte am Montag zu dem Boykott keine Stellungnahme abgeben. Ein Brief der Revier-OBs liege dem Sender derzeit noch nicht vor.

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