Gesundheitsreport

Mehr als jedes vierte Kind in NRW ist chronisch krank

90 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Nordrhein-Westfalen sind mindestens einmal im Jahr beim Arzt oder im Krankenhaus. Wolfgang Brüninghaus ist Kinderarzt in Kleve.

90 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Nordrhein-Westfalen sind mindestens einmal im Jahr beim Arzt oder im Krankenhaus. Wolfgang Brüninghaus ist Kinderarzt in Kleve.

Foto: Lars Heidrich

Düsseldorf/Essen.   Sie leiden an Asthma, Heuschnupfen und Übergewicht - mehr als jedes vierte Kind in NRW ist chronisch krank. Das geht aus einer DAK-Studie hervor.

Klaus Overdiek, Leiter der DAK-Landesvertretung in NRW, spricht von einer „Pionierarbeit“. Erstmals haben Gesundheitsforscher der Universität Bielefeld im Auftrag der Krankenkasse DAK Gesundheit die Abrechnungsdaten von rund 110.000 gesetzlich versicherten Kindern und Jugendlichen bis 17 Jahren ausgewertet und so ein Bild geliefert, wie krank die NRW-Jugend ist.

Ein Ergebnis des am Mittwoch in Düsseldorf vorgestellten, über 100 Seiten umfassenden Kinder- und Jugendreports: In NRW leiden Kinder häufiger als im Bundesdurchschnitt an chronischen Krankheiten.

An welchen Krankheiten leiden Kinder in NRW?

In NRW sind laut DAK-Studie neun von zehn Kindern 2016 von einem Arzt ambulant oder stationär behandelt worden. Besonders Eltern von Säuglingen und Kleinkindern suchten medizinischen Rat - das liegt unter anderem an den Vorsorgeuntersuchungen.

Häufigster Grund für den Gang zum Mediziner: Atemwegserkrankungen. Etwa sechs von zehn Kindern waren deshalb mindestens einmal beim Arzt. Auch Infektions- und Augenerkrankungen treten laut Darstellung häufig bei der in NRW versicherten DAK-Jugend zwischen null und 17 Jahren auf.

Unter den Erkrankungen, die potenziell chronisch verlaufen können, leiden Fünf- bis 14-Jährige besonders oft an Asthma (9,2 Prozent), Eltern von Neugeborenen suchen Ärzte am häufigsten wegen Neurodermitis ihres Kindes auf (12,6 Prozent). „Das sind Erkrankungen, die den Alltag für Kinder und Eltern erheblich beeinträchtigen können“, sagte DAK-Landeschef Klaus Overdiek.

Wie steht es um die Psyche der Kinder?

Ein Viertel der Kinder und Jugendlichen sind 2016 laut DAK-Untersuchung wegen psychischer Erkrankungen zum Arzt gegangen. Das ist zwar nicht häufiger als im Bundesdurchschnitt. Doch greifen behandelnde Mediziner in NRW offenbar eher zu starken Medikamenten: Antipsychotika sind in NRW in elf Prozent mehr Fällen verschrieben worden als im Bundesdurchschnitt.

Allein bei der Diagnose ADHS fällt auf, dass fast 45 Prozent der betroffenen Kinder auch medikamentös behandelt wurden. Theodor Windhorst, Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, mahnt, dass gerade nach dem Schulwechsel unter Druck der Eltern schneller Medikamente verschrieben werden.

Wie krank ist die NRW-Jugend im Vergleich?

Kinder und Jugendliche aus NRW werden häufiger wegen Krankheiten behandelt im Bundesdurchschnitt. Besonders fällt das bei chronischen Erkrankungen auf: In NRW leiden laut der DAK-Untersuchung 29 Prozent der Kinder und Jugendlichen, also mehr als jedes vierte Kind, an einer chronischen Erkrankung, die körperlicher Natur ist. Das sind elf Prozent mehr als im Bundesdurchschnitt.

Nordrhein-Westfalens Jugend wird zudem viel häufiger wegen Viruserkrankungen (plus 18 Prozent), Karies (plus 18 Prozent), Alkoholmissbrauch (plus zwölf Prozent) oder krankhaftem Übergewicht (plus neun Prozent) ärztlich behandelt als im Bundesdurchschnitt. Bei Atemwegs-, Infektions-, Augen- und Ohrenerkrankungen liegt NRW mit bis zu neun Prozent mehr Fällen deutlich über dem Schnitt.

Welchen Einfluss hat das Elternhaus?

Einen großen. Kinder von Eltern, die keinen Abschluss haben, leiden laut DAK viel häufiger an bestimmten Erkrankungen als Kinder von Eltern mit einem hohen Bildungsabschluss. Dabei bezieht sich die Krankenkasse auf bundesweite Statistiken.

Beispiel Übergewicht: Landesweit sind etwa sechs Prozent der neun bis zwölf Jährigen wegen starken Übergewichts 2016 medizinisch behandelt worden. Für Kinder aus einem Elternhaus mit niedriger Bildung galt diese Diagnose 247 Prozent häufiger. Sie litten zudem mit 278 Prozent sehr viel häufiger an Karies als Kinder von Eltern mit hoher Bildung. Bei diesen Kindern sind zudem eher Entwicklungs- und Verhaltensstörungen sowie Allergien und Asthma diagnostiziert worden. Julian Witte von der Universität Bielefeld verwies auf Folgeerkrankungen: „Kinder, die an einer Adipositas leiden, haben eine dreimal so hohe Wahrscheinlichkeit, an einer Depression zu erkranken.“

In der Folge kommt es zu Erkrankungen am Bewegungsapparat. Klaus Overdiek verweist darauf, dass in NRW schon Jungen und Mädchen ab dem zwölften Jahr an Muskel-Skelett-Problemen litten. „Das ist alarmierend, weil frühe Muskel-Skelett-Probleme im Erwachsenenalter starke Rückenleiden nach sieh ziehen können“, so Overdieck.

Treten Krankheiten der Eltern auch bei Kindern auf?

Auch abseits von Grippe scheint das laut der DAK-Studie bei bestimmten Diagnosen der Fall zu sein. Haben Eltern Karies, kommen Kinder mit sechsmal so hoher Wahrscheinlichkeit aus gleichem Grund zum Zahnarzt. Auch Übergewicht oder Depressionen kommen bei Kindern häufiger vor, wenn auch ein Elternteil darunter leidet.

Gibt es Unterschiede zwischen Stadt und Land?

Ja. Kinder in Städten sind viel häufiger krankhaft übergewichtig, leider häufiger an Karies und Viruserkrankungen der Atemwege. Julian Witte von der Universität Bielefeld führte das auch auf die hohe Bevölkerungsdichte in den Städten zurück. Auf dem Land kommen Kinder eher wegen Neurodermitis zum Arzt.

Was muss aus dem Report folgen?

Theodor Windhorst, Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, appellierte, dass das Gesundheitssystem für Kindern und Jugendlichen gestärkt werden müsse. Dazu gehöre nicht nur ein ausreichendes Angebot von Kinderärzten, sondern mehr Personal in den Jugendämtern, mehr Ärzte für den öffentlichen Gesundheitsdienst, der Schulen besucht, sowie der Erhalt von Hallenbädern oder Spiel- und Sportplätzen.

„In NRW leben 800.000 Kinder in Armut und wir wissen, dass diese Kinder eher von Krankheit betroffen sind als Kinder aus anderen Familien“, sagte der Chirurg Windhorst. „Es muss eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe sein, das System „Pro Kind“ wieder aufzurüsten.“ Windhorst kritisierte, dass einerseits Geld im System fehle, anderseits viele Hilfen Familien nicht erreichten.

DAK-Landesleiter Klaus Overdiek ergänzte, dass die Krankenkasse ihre Präventionsangebote ausbauen wolle. „Wir werden mit dem Report an die Politik herantreten, um das Thema Kindergesundheit wieder in den Fokus zu rücken.“ Die DAK will den Kinder- und Jugendgesundheitsreport wiederholen, um Entwicklungen darzustellen.

Leserkommentare (2) Kommentar schreiben