Es gibt sie doch noch in Amerikas absurdem Wahlkampflärm: Momente, in denen plötzlich wieder jemand einen ganzen Satz mit Sinn und Verstand spricht. Einen mit Anfang, Ende und Pointe. Barack Obama stand am Samstag in Cleveland/Ohio auf der Bühne, und im Nu wurde klar, was den Demokraten fehlt: ein Redner, der sein Publikum nicht nur anfeuert, sondern niveauvoll mitnimmt. Und der Amtsinhaber Donald Trump reihenweise dort trifft, wo es wehtut: bei dessen Eitelkeit.

Trump, spottete der frühere Präsident, beschäftige sich vor allem mit Renovierungen im und am Weißen Haus. Eigentlich gehöre er ins Heimwerkerfernsehen. Ein riesiger Ballsaal, ein zubetonierter Rosengarten, ein Hubschrauberlandeplatz – und überall Gold. „Was soll das mit dem Gold?“ Das Weiße Haus sehe inzwischen aus, „als hätte Saddam Hussein eine Cheesecake Factory eröffnet“. Das Publikum tobte. Der Clip verbreitete sich in US-Medien und sozialen Netzwerken. Er saß, weil dahinter eine politische Frage steckte: Wer kümmert sich eigentlich um die Lebenshaltungskosten der Amerikaner, wenn der erste Mann im Staat vor allem seine Eitelkeitsprojekte im Kopf hat?

Obama über Trump: "Ich habe euch gewarnt!"

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    Obama beließ es nicht beim Kabarett. Trump habe einen Krieg mit dem Iran begonnen, „den niemand verlangt und für den niemand gestimmt hat“. Höhere Öl- und Dieselpreise seien die Folge. Zölle träfen Verbraucher, nicht – wie versprochen – bloß ausländische Produzenten. Selbst mit Kanada lege sich der Präsident an, dem Land von Ahornsirup und Komiker Martin Short. Verteidigungsminister Pete Hegseth, höhnte Obama, interessiere sich lieber für Kinnlinien und Testosteronwerte seiner Soldaten als für die wichtigen Fragen von Kriegsvermeidung und Abschreckung.

    Dann wechselte der Ton. Obama geißelte eine Regierung der „Grausamkeit, Korruption und Inkompetenz“, warf Trump persönliche Bereicherung vor und nahm den republikanischen Gouverneursbewerber in Ohio, Vivek Ramaswamy, ins Visier. Der hatte die entfremdete Mutter seiner Rivalin Amy Acton in einem gehässigen Wahlspot gegen ihre Tochter auftreten lassen – trotz Actons von sexuellem Missbrauch geprägter Kindheit. Es gebe Grenzen des Anstands, erinnerte Obama. Gerade in der Politik.

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    Das war der Unterschied der Präsidentenklassen: hier Rhythmus, Ironie und eine jederzeit nachvollziehbare Gedankenführung; dort Trumps häufig im Nirwana endende Monologe samt Selbstlob und üblen Beschimpfungen für den politischen Gegner. Obamas Rede wirkte wie ein rhetorischer Gegenentwurf zum Dauergetöse des Amtsinhabers. Washington Post, NBC und CBS griffen den Auftritt ausführlich auf; vor allem die Gold-Pointe machte die Runde.

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    Aber Applaus ist noch keine Stimme. Obama war 2008 und 2012 der letzte demokratische Präsidentschaftskandidat, der Ohio gewann. Jetzt soll seine Strahlkraft Sherrod Brown helfen, den republikanischen Senator Jon Husted zu schlagen, und Acton gegen Ramaswamy stärken. Im knappen Rennen kann eine höhere Beteiligung in Ohio entscheidend sein. Obamas Auftritt könnte vor allem müde Demokraten mobilisieren. Trump-Anhänger wurden nicht bekehrt. Am Mittwoch folgt Atlanta/Georgia, wo Obama für Senator Jon Ossoff wirbt. Die Hoffnung seiner Partei: dass aus der Erleichterung, endlich wieder einem brillanten Redner zuzuhören, am 3. November tatsächlich Stimmen werden.