Donald Trump und Michael Cohen haben sich wieder. Nicht versöhnt, natürlich. Versöhnung setzt Einsicht voraus, womöglich sogar Reue. Dafür sind beide Männer notorisch unterbemittelt. Was sie geschafft haben, ist etwas viel Verlässlicheres: eine neue Geschäftsgrundlage.

Cohen will eine Begnadigung. Trump will seinen einstigen Kronzeugen zurück in der eigenen Erzählung. Der eine braucht den Präsidenten, um seine Vergangenheit umzudeuten. Der andere braucht den ehemaligen Verräter, um behaupten zu können, selbst der Belastungszeuge habe inzwischen erkannt, wie böse ihm die Justiz mitgespielt habe. Zwei Interessen treffen sich, beide nennen es Vergebung. Man darf sich die Hände dazu hinter dem Rücken vorstellen, die Finger über Kreuz. 

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Michael Cohen: Jahrelang nannte er Trump einen Betrüger und Rassisten

Cohen nennt Trump wieder „Boss“. Allein dieses Wort ist eine kleine Zumutung für die Erinnerung. Acht Jahre lang hatte er Trump als Betrüger, Rassisten, Hochstapler und Raubtier beschrieben. Trump revanchierte sich mit „Ratte“. Cohens Aussagen halfen 2024, Trump in Manhattan in 34 Punkten schuldig zu sprechen. Nun sitzen sie wieder zusammen, reden über Verfolgung und Vergebung, und Trump behauptet ungerührt, Cohen habe seine früheren Aussagen widerrufen. Hat er nicht. Aber Präzision war in dieser Beziehung noch nie Kernkompetenz.

Cohen kam in den Nullerjahren in Trumps Welt und machte dort Karriere als Mann fürs Grobe. Anwalt hieß der Beruf, Fixer war die Tätigkeit. Journalisten bedrohen, Schweigen organisieren, Probleme verschwinden lassen. Cohen selbst nannte sich später Trumps „attack dog with a law license“. 2017 erklärte er noch, für Trump eine Kugel abzufangen. Dann kam das FBI.

Dirk Hautkapp
Dirk Hautkapp ist US-Korrespondent.© ZR | bm

Cohen wendet sich von Trump ab und kooperiert mit Ermittlern

Am 9. April 2018 wurden Cohens Büro, Wohnung und Hotelzimmer durchsucht. Und Trump zeigte jene Form von Loyalität, die er bis heute perfektioniert hat: Sie gilt zuverlässig, solange sie nichts kostet. Zunächst war Cohen noch ein „guter Mann“. Wenig später erledigte er laut Trump nur einen winzigen Teil seiner juristischen Arbeit. Mit anderen Worten: Michael wer?

Cohen verstand. Nicht moralisch, sondern praktisch. Solange er Trump gedient hatte, erwartete er Schutz. Als der ausblieb und plötzlich die eigene Freiheit, das eigene Geld und die eigene Familie auf dem Spiel standen, wurde aus Loyalität Kooperation. Er bekannte sich schuldig und erklärte, die Schweigegeld-Zahlungen an Stormy Daniels und Karen McDougal seien mit Trump abgestimmt gewesen. Der Fixer entdeckte sein Gewissen ungefähr zeitgleich mit seinem Strafverteidiger.

Trump-Gegenspieler Cohen: Liberales Amerika entdeckt seinen Wert

Danach erfand Cohen sich neu. Vor dem Kongress beschrieb er Trump als Betrüger, legte einen unterschriebenen Scheck vor, schrieb Bücher, startete Podcasts, wurde Stammgast im Anti-Trump-Fernsehen. Das liberale Amerika, das ihn jahrelang als schmierigen Handlanger und Speichellecker verachtet hatte, entdeckte plötzlich seinen dokumentarischen Wert.

Cohen gefiel die neue Rolle. Aus dem berufsmäßigen Trump-Verteidiger wurde der berufsmäßige Trump-Erklärer. Derselbe Kunde, neues Geschäftsmodell. Nur blieb die große Erlösung aus. Cohen war zwar nützlich, aber nicht respektabel. Er blieb der Mann, der jahrelang genau jene Methoden praktiziert hatte, die er später anprangerte. Und irgendwann begann offenbar auch bei ihm das vertraute Gefühl, zu arbeiten, wieder nur Werkzeug gewesen zu sein.

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Trump erkannte den Nutzen sofort

Im Januar schrieb Cohen, Ermittler aus den staatsanwaltlichen Teams von Letitia James und Alvin Bragg hätten ihn unter Druck gesetzt, Informationen zu liefern, die zu ihren Fällen gegen Trump passten. Er behauptete nicht, Trump sei unschuldig. Er widerrief seine Aussagen nicht. Aber er zeichnete sich selbst erneut als Opfer mächtigerer Leute. Das ist Cohens bevorzugte Biografie: immer im Maschinenraum, nie verantwortlich für die Maschine.

Trump erkannte den Nutzen sofort. Wenn ausgerechnet Michael Cohen sagt, Staatsanwälte hätten Druck auf ihn ausgeübt, kann Trump daraus bequem die Behauptung stricken, Cohen habe „alles zurückgenommen“. Gelogen, aber politisch blendend verwertbar.

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Trump und Cohen: Zwei notorische Opportunisten

Spätestens da wurde die neue Männerfreundschaft unanständig durchsichtig. Der Mann, der für Trump log, später gegen ihn aussagte und jahrelang von der Feindschaft zu Trump lebte, muss wieder Trump gefallen, um seine eigene Verurteilung loszuwerden. Trump bekommt dafür eine Trophäe. Einen Verräter, der zurückkehrt und wieder „Boss“ sagt, kann man vorzeigen.

Deshalb sollte man diese Versöhnung nicht romantisieren. Hier haben sich nicht zwei beschädigte Männer verziehen. Hier haben zwei notorische Opportunisten entdeckt, dass sie einander wieder gebrauchen können. Cohen braucht Gnade. Trump braucht Unterwerfung. Beide haben gelernt, dass acht Jahre Hass erstaunlich schnell verdunsten, sobald darunter ein Geschäft wartet.

Vielleicht ist das die ehrlichste Form ihrer Beziehung überhaupt. Zwei Ekelpakete haben sich wieder lieb. Bis einer den anderen nicht mehr braucht.