In der Verteidigung gegen Russlands Angriffskrieg hat die Ukraine von allem zu wenig. Panzer, Flugzeuge sind knapp, Munition ohnehin. In einem Punkt aber ist die Knappheit besonders gefährlich: Weil Kiew nur über wenige Raketen zur Abwehr ballistischer Geschosse verfügt, sterben Nacht für Nacht Zivilisten durch den Raketenbeschuss der russischen Armee. Fast 300 Menschen verloren allein im Juni 2026 bei Einschlägen ihr Leben, die Ukraine spricht vom tödlichsten Monat für Zivilisten seit Kriegsbeginn. Im Juli waren es bis Monatsmitte rund 50 Tote.

Vor allem Patriot-Raketen aus US-Produktion bräuchte es – die Waffe ist besonders geeignet, Raketen im Flug abzufangen. Seit Wochen ist der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj daher bemüht, US-Präsident Trump eine Lizenz zum Bau der Abwehrraketen abzuringen. Mit Erfolg, wie sich auf dem Nato-Gipfel von Ankara zeigte. Trump stellte der Ukraine eine solche Lizenz in Aussicht. „Ziemlich cool“ sei das, denn dann könne sich Kiew nicht mehr beschweren, von Washington zu wenige Raketen zu bekommen.

Auch Selenskyj schien zufrieden, er lobte das Waffensystem als „das beste antiballistische System in der Welt“ und dankte dem US-Präsidenten. Russland auf der anderen Seite sprach von einer „verantwortungslosen“ Entscheidung, die „in eine Katastrophe“ führen könne.

Der Kreml hat erkennbar kein Interesse daran, dass die Ukraine sich gegen Raketenangriffe verteidigen kann. Washington wiederum benötigt seine Patriot-Raketen selbst – der Krieg gegen den Iran lässt die Munitionsvorräte schrumpfen, während China weiter auf eine militärische Lösung der Taiwan-Frage hinarbeitet.

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Trump verlagert das Problem zu Selenskyj

Trump zieht sich mit der Zusage vornehm aus der Affäre: Das Problem, vor dem Washington – und künftig Kiew – steht: Die Lenkflugkörper bauen sich nicht über Nacht. Selbst in den USA dauert die Herstellung einer einzigen Patriot-Rakete vom Typ PAC-3 zwei Jahre, Minimum. 400 Firmen liefern Bauteile, berichtet das „Wall Street Journal“.

Trotz neuer Verträge mit dem Hersteller Lockheed Martin, die Produktion zu verdreifachen, werde es bis 2030 dauern, die Vorräte wieder auf das Niveau von vor dem Iran-Krieg zu bringen, glaubt der Washingtoner Thinktank Center for Strategic and International Studies. Der angespannte Arbeitsmarkt in den USA sei ein Flaschenhals, sagt Lockheed.

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Das sind verglichen mit der Situation in der Ukraine freilich Luxusprobleme. Denn Kiew verfügt noch nicht einmal über eine Produktionslinie, die die Abfangraketen herstellen könnte. Diese aufzubauen wird nach Ansicht von Experten Jahre in Anspruch nehmen. In Deutschland etwa, wo der Rüstungskonzern MDBA eine modernisierte Variante der PAC-2-Rakete in Lizenz baut, werden die ersten Geschosse wohl im Lauf des Jahres 2027 ausgeliefert – Spatenstich für die Fabrik im bayerischen Schrobenhausen war im November 2024.

Und Deutschland befindet sich nicht im Krieg. Kiew müsste seine Fabrik oder Fabriken unter der ständigen Bedrohung russischer Raketenangriffe bauen, während Moskau alles daran setzen dürfte, die Fertigung auch nur einer einzigen ukrainischen Patriot-Rakete zu verhindern. Die Produktionsstätten wären ein Primärziel für Angriffe und müssten geschützt werden – was wiederum den Schutz von Zivilisten vor Raketenangriffen schwächen könnte.

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Ukraine fehlt ein entscheidender Rohstoff

Zuletzt muss die US-Rüstungsindustrie auch mitspielen. Trump gestand in Ankara ein, dass es noch keine Vereinbarung mit den Patriot-Herstellern Raytheon und Lockheed Martin gibt. Wie „begeistert“ (Trump) die Firmen wirklich sind, ihre Hochtechnologie einem anderen Land zur Verfügung zu stellen, wird sich zeigen müssen – Lockheed erteilte zumindest einer europäischen PAC-3-Produktion jüngst eine Absage.

Die Europäer sollen laut der Beschlusslage von Ankara nur eine Wartungseinrichtung für die Geschosse bauen. Genau die PAC-3 sind es aber, von denen die Ukraine nicht genug hat – die Sprengköpfe gelten als die leistungsfähigere Variante.

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In jedem Fall fehlt der Ukraine der entscheidende Rohstoff für den Aufbau ihrer Raketenproduktion: Zeit. Die Zusage Trumps dürfte sich eher nach dem Ende des Krieges erfüllen. Bis dahin muss eine Lösung gefunden werden. Am Ende werden die Europäer aushelfen müssen. Der Militärexperte Carlo Masala formulierte es nach dem Ende des Nato-Gipfels so: „Wo kommen die Flugkörper her, bis die Ukraine selber welche hergestellt hat?“