Zweimal innerhalb von sechs Monaten redet Senator Mark Kelly Tacheles über US-Präsident Donald Trump. Und zweimal versucht Trump, den demokratischen Senator mit massiven Drohungen mundtot zu machen. Der jüngste Streit entzündete sich an scharfer Kritik, die der frühere Marinepilot und Astronaut an Trumps Krieg im Iran übte.
Der hatte darauf hingewiesen, dass der seit zweieinhalb Monaten andauernde Einsatz das Waffenarsenal des US-Militärs dezimiert hat. Das könnte Folgen für die nationale Sicherheit haben, warnte Kelly. Postwendend reagierte am Montag Trumps Kriegsminister Pete Hegseth. Der Senator habe vertrauliche Informationen verraten, schimpfte der ehemalige Moderator beim konservativen Nachrichtensender Fox News. Angeblich liebäugelt das Pentagon nun sogar damit, den dekorierten Militäroffizier und angesehenen Senator vor ein Kriegsgericht zu stellen.
Angebahnt hatte sich das Spektakel am Wochenende auf unverfängliche Weise. Auf der Nachrichtensendung „Face the Nation“ hatte die Moderatorin den Senator nach den Folgen des Kriegs für die US-Waffenbestände gefragt. Kelly, der bekannt dafür ist, kein Blatt vor den Mund zu nehmen, sprach wie immer Klartext: „Wir haben eine Menge Waffen aufgebraucht. Das bedeutet, dass das amerikanische Volk weniger sicher ist.“
Und er fügte hinzu, dass dadurch die notwendige Ausrüstung für künftige Konflikte und allfällige Einsätze in anderen Teilen der Welt fehlen würde. Es sei „schockierend, wie weit wir die Bestände erschöpft haben“, sagte Kelly.
Trumps Kriegsminister schäumt
Nach dem Interview schäumte Hegseth vor Wut. Auf der Plattform X schrieb er am Montag „Kapitän Kelly hat wieder zugeschlagen. Jetzt schwätzt er unsinning und falsch über ein vertrauliches Pentagon-Biefing, das er erhalten hat.“ Die Rechtsabteilung des Ministeriums werde prüfen, inwieweit sich der Senator strafbar gemacht haben könnte, sagte Hegseth.
Gelassen erwiderte Kelly mit dem Hinweis darauf, dass nichts vertraulich gewesen sei. Tatsächlich hatte Hegseth bei einer öffentlichen Senatsanhörung über die dezimierten Waffenarsenale referiert. Und der Senator legte nach. „Dieser Krieg ist mit einem hohen Preis versehen, und weder Sie, Herr Hegseth, noch der Präsident, haben dem amerikanischen Volk erklärt, welches das Endziel ist.“
We had this conversation in a public hearing a week ago and you said it would take “years” to replenish some of these stockpiles. That’s not classified, it’s a quote from you. This war is coming at a serious cost and you and the president still haven’t explained to the American… https://t.co/q3wX9AjRzO pic.twitter.com/5q7Gg81Xtg
— Senator Mark Kelly (@SenMarkKelly) 11. Mai 2026
Peinlich sind Kellys Ausführungen dem Weißen Haus und dem Pentagon deswegen, weil sie wissen, dass er die Wahrheit spricht. Nach Angaben des militärischen Geheimdiensts Defense Intelligence Agency hat der Krieg die Hälfte aller Bomben aufgebraucht, mit denen die 19 Tarnkappenbomber im amerikanischen Arsenal bestückt sind.
Marschflugkörper vom Typ Tomahawk hat der Krieg ebenfalls verschlungen. Demnach sind bisher über eintausend Tomahawk-Langstreckenraketen eingesetzt worden – und damit rund zehnmal so viele, wie in einem Jahr produziert werden. Auf kritische Masse sind auch die Bestände an Patriot-Luftabwehrraketen geschrumpft, von denen etwa 1.200 eingesetzt wurden.
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Experten sehen Sicherheitsrisiko für die USA
Zwar stellt Trump den Kriegsverlauf so dar, als säße er am längeren Hebel und könne den Krieg jederzeit siegreich beenden. Anders bewerten aber militärische Experten die Lage. Sie zeichnen ein düsteres Bild. So spricht das Center for Strategic and International Studies (CSIS) von einem „kurzfristigen Risiko“. Dieses beziehe sich insbesondere auf den anderweitigen Bedarf an militärischer Ausrüstung, unter anderem in einem potenziellen Konflikt mit China um die Zukunft der Inselrepublik Taiwan.
Selbst das erzkonservative American Enterprise Institute (AEI) hat seine Zweifel. Die üblicherweise dem Präsidenten nahestehende Denkfabrik spricht von einer „strategischen Verwundbarkeit der USA“, die der Iran-Krieg heraufbeschworen habe. Wie das AEI in einer am Montag veröffentlichten Studie feststellt, dauert der Bau einer Tomahawk-Rakete im Schnitt 26 Monate.
Das bedeutet, dass größere Bestellmengen von vornherein ausgeschlossen sind und die Marschflugkörper besonders sorgfältig eingesetzt werden müssen. Die Folge der Verschwendung im Iran-Krieg: Die US-Streitkräfte müssten sich zunehmend „auf alte, billige, ungenaue Waffensysteme verlassen, die bei einem Präzisions-Einsatz, wie im Südchinesischen Meer versagen würden“, schreibt das AEI.

„Unverschämter“ Rüstungshaushalt
Zwar hat Trump für das Pentagon für das laufende Haushaltsjahr ein Rekord-Budget von 1,5 Billionen Dollar gefordert. Das sind eintausendfünfhundert Milliarden. Auch hieran übt Kelly unverblümte Kritik und hat sich damit den Zorn des Präsidenten zugezogen. Das Ansinnen, so viel für die Streitkräfte auszugeben, sei „unverschämt“. Gerade angesichts der Tatsache, dass der Präsident dem Volk noch eine Rechtfertigung und Erklärung schuldig ist.
Wegen seines angeblich „verräterischen Benehmens“ wollen Trump und Hegseth nun rechtliche Schritte gegen den Senator vorantreiben. Das wiederum bringt Mark Kelly keineswegs aus der Ruhe. Er reagiert genauso cool wie im vergangenen November.
Damals hatte die Regierung den Senator wegen eines Videos bestrafen wollen, das er gemeinsam mit anderen Demokraten veröffentlichte, die im Militär gedient hatten. Darin forderten sie alle Offiziere auf, sich Trumps Befehlen zu widersetzen, wenn sie diese für rechtswidrig halten. Die Reaktion des Präsidenten: Kelly solle wegen Staatsverrats erhängt werden. Sämtliche Rechtsschritte seitens des Weißen Hauses sind mittlerweile vor Gericht gescheitert.





