Griechenlands Grenzschutzpolizei soll an der Grenze zur Türkei systematisch maskierte Migranten eingesetzt haben, um andere Migranten und Asylsuchende gewaltsam und illegal zurückzudrängen. Laut einer BBC-Recherche sollen seit mindestens 2020 sogenannte Söldner eingesetzt werden, die von hochrangigen Beamten angeworben wurden. Die BBC beruft sich dabei auf interne Polizeidokumente, Aussagen von Migranten, Berichte ehemaliger Beteiligter, Polizeiquellen sowie offizielle Unterlagen und geleakte Protokolle, die dem Sender vorliegen.
Bei den sogenannten Pushbacks werden Schutzsuchende ohne ein juristisches Verfahren über die Landesgrenze zurückgedrängt. Dabei werden die Betroffenen oft festgenommen und mit Transportern und Schlauchbooten über die EU-Grenze gebracht, ohne dass geprüft wird, ob sie einen Anspruch auf Asyl haben.
Brennpunkt Evros: Die hochgerüstete Grenze zwischen Griechenland und der Türkei
Die BBC-Recherchen fokussieren sich auf die Grenzregion Evros im Nordosten Griechenlands. Dort verläuft die Grenze zur Türkei über rund 200 Kilometer entlang des Flusses Evros und markiert einen großen Teil der EU-Außengrenzen. Das Gebiet ist stark millitarisiert mit Wachtürmen und einem großen Metallzaun.
Nach Angaben der BBC sollen dort seit mindestens 2020 sogenannte Söldner eingesetzt worden sein. Dabei soll es sich um Migranten aus Ländern wie Pakistan, Syrien und Afghanistan handeln, die andere Schutzsuchende über den Fluss zurück in die Türkei bringen sollten. Ein Polizeiquelle aus der Region sagte der BBC, es gebe „keinen Soldaten, Polizisten oder Frontex-Beamten in Evros, der nicht weiß, dass Pushbacks stattfinden“. Demzufolge würden die Söldner wöchentlich bis zu Hunderte Menschen zurücktreiben.
Die Recherche beschreibt weitere schwere Vorwürfe: Zeugen hätten berichtet, dass Migranten entkleidet, beraubt, geschlagen und in einzelnen Fällen auch sexuell belästigt oder vergewaltigt worden seien. Zwei Migranten und ein ehemaliger Beteiligter hätten der BBC außerdem von massiver Gewalt durch diese Helfer und durch griechische Polizisten berichtet. Eine Frau sagte dem Sender, ein maskierter Mann habe ihrer Tochter die Windel ausgezogen, um nach Wertsachen zu suchen.
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Schwere Vorwürfe: Zeugen berichten von Gewalt, Raub und sexualisierten Übergriffen
Besonders fragwürdig ist laut BBC ein Vorfall vom 22. Juni 2023. Dem britischen Sender liegen nach eigenen Aussagen Video-Aufnahmen vor, auf denen zu sehen sei, wie eine Gruppe von Flüchtenden nach dem Grenzübertritt in Evros von maskierten Männern angegriffen wurde.
Ein Bericht des Büros für Grundrechte, das zu Frontex gehört, kam demnach zu dem Schluss, dass zwischen zehn und 20 „Drittstaatsangehörige“ auf Anweisung griechischer Beamter gehandelt hätten. In dem Bericht ist laut BBC von körperlicher und verbaler Gewalt die Rede. Genannt würden Todes- und Vergewaltigungsdrohungen, sexualisierte Durchsuchungen, Schläge, Messerstiche, Fesselungen und Diebstahl persönlichen Eigentums.
Anschließend seien die Betroffenen gewaltsam in die Türkei zurückgebracht worden, unter Verstoß gegen EU-Menschenrechte. Die griechischen Behörden bestreiten nach BBC-Angaben, dass Migranten an dem Tag in dem Gebiet angetroffen worden seien.
Reaktion aus Athen: Griechenlands Regierung will „Fehler von früher“ vermeiden
Die griechische Menschenrechtskommission bewertet die Vorwürfe laut BBC als äußerst ernst. Deren Vorsitzende Maria Gavouneli sagte dem Sender, die Erkenntnisse könnten auf einen „äußerst schwerwiegenden“ Menschenrechtsverstoß hindeuten. Die Kommission habe seit 2020 mehr als 100 Fälle mutmaßlicher Pushbacks in Evros dokumentiert. Die Zahl solcher Vorfälle sei zwar rückläufig. Dennoch habe es laut BBC noch im Oktober 2025 Berichte über mutmaßliche Fälle gegeben, an denen Nicht-Griechen beteiligt gewesen sein sollen.

Griechenlands Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis sagte dem britischen Sender, er habe von den Vorwürfen keine Kenntnis. Er sei sich der Anschuldigungen über den Einsatz solcher Männer „absolut nicht bewusst“ gewesen, berichtete BBC. Zugleich habe Mitsotakis betont, Griechenland schütze seine Grenzen und europäische Regierungen wollten frühere „Fehler“ mit einem „massiven Zustrom“ von Migranten und Flüchtenden nicht wiederholen.
Die griechischen Behörden hätten auf detaillierte schriftliche Anfragen der BBC nicht reagiert. Auch Frontex weist eine Mitverantwortung zurück. Die EU-Grenzschutzagentur erklärte laut BBC, sie trage dazu bei, dass Grenzen rechtmäßig verwaltet würden, und unterstütze Staaten, die unter besonderem Druck stünden.
Schicksale am Evros: Syrische Familien berichten von traumatischen Pushbacks
Die BBC schildert in ihrer Recherche auch die Aussagen zweier syrischer Migranten. Eine Frau, deren Name geändert wurde, sagte dem Sender, ihre Familie habe in Griechenland Asyl beantragt und sei 2025 in Orestiada von der Polizei festgenommen worden. Anschließend seien sie zwei maskierten Männern übergeben worden. Diese hätten Handys und Ausweise verlangt und die Familie in einem fensterlosen Lieferwagen zur Grenze gebracht.
Später seien weitere maskierte Männer hinzugekommen. Die Frau berichtete der BBC, ein junger Mann sei so schwer geschlagen worden, dass er das Bewusstsein verloren habe. Ihre Kinder seien danach schwer traumatisiert gewesen.
Ein weiterer syrischer Asylsucher sagte dem Sender, er sei von griechischen Polizisten bis zur Bewusstlosigkeit geschlagen worden. Danach sei er mit anderen Migranten in einem Lastwagen transportiert und am Fluss mehreren Männern übergeben worden. Diese hätten die Menschen entkleidet, durchsucht und geschlagen. Anschließend seien sie in Schlauchboote gesetzt worden. Einige seien in den Fluss gestoßen worden.
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Ex-Beteiligter spricht von Zwang und Gewalt
Die BBC beruft sich zudem auf Auszüge aus einer Disziplinarverhandlung aus dem Jahr 2024. Fünf Grenzbeamte warten demnach wegen Korruptionsvorwürfen auf ihren Prozess und bestreiten die Vorwürfe. In den vom Sender eingesehenen Auszügen hätten einige von ihnen den Einsatz solcher Helfer offen eingeräumt. Ein Wachmann habe ausgesagt, er sei 2020 angewiesen worden, sogenannte Bootsführer für Pushbacks zu finden. Grund seien demnach die Corona-Pandemie und Spannungen mit türkischen Behörden gewesen.
Ein Marokkaner, dessen Name ebenfalls geändert wurde, schilderte der BBC, er habe sich 2020 zur Mitarbeit gezwungen gefühlt. Ein griechischer Beamter habe ihn aus einer Zelle geholt und gefragt, ob er mitarbeiten wolle. Aus Angst vor Gewalt habe er zugestimmt.
Nach seinen Angaben war er etwa zehn Wochen an der Grenze tätig. Zu seinen Aufgaben hätten das Zurückbringen von Menschen in die Türkei, die Kontrolle von Booten und die Vernichtung zurückgelassener Gegenstände gehört. Er sagte der BBC, er habe häufig Gewalt durch griechische Beamte und andere angeworbene Männer gesehen. Besonders schlimm sei die Situation am Fluss gewesen. Viele der Vorwürfe sind bisher nicht gerichtlich bewiesen. Die Recherchen der BBC und frühere Berichte von Menschenrechtsorganisationen zeichnen jedoch ein ähnliches Bild.
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Kein Einzelfall: Menschenrechtsorganisationen warnen seit Jahren vor Pushback-System
Gemeinsam mit dem „Spiegel“, „Le Monde“, „The Guardian“ und der ARD hatte „Lighthouse Reports“ bereits im Jahr 2022 über ähnliche Vorwürfe berichtet. Die Recherche kam zu dem Schluss, dass griechische Polizeikräfte an der Evros-Grenze Asylsuchende teils zwangsweise als Helfer für illegale Pushbacks eingesetzt haben.
Demnach wurden Migranten nach ihrer Festnahme geschlagen, beraubt und in Polizeistationen festgehalten, bevor maskierte Männer sie in Schlauchbooten zurück in die Türkei brachten. „Lighthouse Reports“ identifizierte eigenen Angaben zufolge mehrere dieser Männer und berichtete, dass einige von ihnen im Auftrag der Polizei gehandelt und dafür zeitlich befristete Papiere für den Aufenthalt in Griechenland erhalten hätten.
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Im selben Jahr berichtete auch Human Rights Watch, dass griechische Sicherheitskräfte an der Grenze bei Evros Migranten als Helfer für Pushbacks eingesetzt haben sollen. Die Organisation dokumentierte Fälle, die den aktuellen Recherchen der BBC ähneln. Dabei sagten Betroffene aus, dass die Boote, die sie zurück in die Türkei brachten, von Männern gesteuert wurden, die Arabisch oder eine andere unter Migranten verbreitete Sprache gesprochen haben sollen.
Amnesty International wirft Griechenland seit 2021 vor, Pushbacks de facto als Teil griechischer Grenzpolitik einzusetzen. Schutzsuchende werden demnach sogar bis zu 700 Kilometer von der griechisch-türkischen Grenze entfernt aufgegriffen, inhaftiert und ohne Asylprüfung in die Türkei zurückgeschickt – oft mit Gewalt. Die Organisation sprach von einer systematischen Zusammenarbeit mehrerer Behörden.






