„Regen ist gut für den Wahlkampf, denn dann sind die Leute zu Hause“, sagt Melissa N. (27), streift sich ihre rote Weste an und nimmt die rote Kladde mit dem „Linken“-Parteiemblem unter den Arm. Los geht’s, raus aus der gemütlich-warmen May-Bellinghausen-Halle in Freiburg – und rein in den Nieselregen und den Kampf um Wählerstimmen. Melissa N. ist aus Berlin an die Breisach gereist, wie 250 andere Aktive aus ganz Deutschland, um in Baden-Württemberg an Haustüren zu klingeln und die Wähler bei der Landtagswahl am 8. März für die Linken zu gewinnen. Denn der Wahlbezirk 47 – Freiburg II – ist ein besonderer: Hier könnte die Linke mit der Kandidatin Sarah Schnitzler erstmals in einem westdeutschen Bundesland ein Direktmandat erzielen.
Eine Chance auf ein Direktmandat im Westen, und das auch noch in Baden-Württemberg: Selbst die optimistischsten Linken hätten das noch vor kurzer Zeit ins Reich der Fantasie verwiesen. Doch zu Beginn des Superwahljahrs 2026 scheint für die Linke einiges möglich, was bisher ausgeschlossen war. Bundesweit steht die Partei in Umfragen bei 10 bis 11 Prozent, ihr bester Wert seit vor der Pandemie. Und zum ersten Mal gründet sich diese Stärke nicht in erster Linie auf Bastionen in den ostdeutschen Bundesländern, sondern zieht sich durch das ganze Land. In Baden-Württemberg kann die Partei damit rechnen, zum ersten Mal überhaupt die Fünf-Prozent-Hürde im Land zu überspringen, auch in Rheinland-Pfalz steht die Partei aktuell bei sechs Prozent. In Berlin ringen die Linken mit Grünen und AfD um Platz 2 und träumen von einem Roten Rathaus unter linker Führung. Und in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern ist die Partei in Umfragen stabil zweistellig.

Mitglieder-Boom bei der Linken: 67.000 Mitglieder mehr seit Silvester 2024
„Wir sind zum ersten Mal eine gesamtdeutsche Partei“, sagt Janis Ehling, Bundesgeschäftsführer der Linkspartei, dieser Redaktion. 70 Prozent der Mitglieder würden inzwischen in Westdeutschland wohnen. Viele davon sind neu: 67.000 Mitglieder seien netto allein seit Ende 2024 dazugekommen, sagt Ehling. Und viele davon sind jung, so wie Melissa N.
Dahinter steht eine Strategie. „Wir legen schon seit dem Bundestagswahlkampf einen deutlich stärkeren Schwerpunkt auf Social Media und die Ansprache junger Menschen“, sagt Ehling, „und da haben wir mit Heidi Reichinnek natürlich jemanden mit großer Ausstrahlung.“
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Die Co-Fraktionschefin im Bundestag, die schnell und pointiert spricht, hat sich über Jahre eine wirksame Präsenz in sozialen Medien aufgebaut, die auch ins Analoge ausstrahlt. Fast 900.000 Follower auf Instagram, millionenfache Aufrufe für die erfolgreichsten Videos auf TikTok. Reichinnek versteht die Dynamiken der Plattformen – und erreicht damit junge Menschen, die dort viel Zeit verbringen. Schon bei der Bundestagswahl holte die Linke nirgends so viele Stimmen wie in der Altersgruppe der 18- bis 24-Jährigen. Dieser Trend scheint ungebrochen.
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Ihre neuen Mitglieder schickt die Partei auf die Straße, in den Haustürwahlkampf. Kein anderes Mittel, glaubt man im Karl-Liebknecht-Haus, sei so wirkungsvoll, wenn es darum geht, die abzuholen, die bei Politik sonst abschalten. In Freiburg will die Partei bis zum Wahltag an 50.000 Türen geklingelt haben, ein Fünftel hat man schon geschafft.
Die ersten Klingeleien macht Melissa N. gemeinsam mit ihrer gleichaltrigen Freundin Paula. K. in einem schlichten Mietwohnungsblock im Stadtteil Haslach. Laute Straße, schmutzige Fassade, knarzendes Treppenhaus – im Aufgang stehen gleich zwei Besen, Kehrwoche ist wichtig.

„Hallo, wir sind von den Linken und in der Nachbarschaft unterwegs. Was erwarten Sie von der Politik, welche Probleme soll sie lösen?“, mit solchen Worten eröffnen die Linken ihre Gespräche. Und es klappt. An den ersten beiden Blöcken mit jeweils acht Mietparteien gibt es sieben Kontakte, ein Mann entschuldigt sich wegen Erkältung, ein anderer wegen Zeitmangel. Mit fünf Frauen wird gesprochen. Eine Mutter beklagt die horrenden Kita-Gebühren, sie zahlt 430 Euro. Eine Schwangere sorgt sich um die Wohnungsknappheit in Freiburg, wo fünf Studierende in einer WG mit fünf Mini-Zimmern 3500 Euro zahlen. Da hat keine Familie eine Chance. Und eine Dritte – eine Psychologin – bedrückt der Rechtsruck in Deutschland. Alles Themen, bei denen Paula K. und Melissa N. ein für sie gutes Gespräch führen können, zehn, fünfzehn Minuten, dann verweisen sie noch auf die Bürgersprechstunde von Sarah Schnitzler und sind wieder weg.
Linke wirft der CDU „Minderheitenroulette“ vor
Inhaltlich konzentriert sich die Partei auf Fragen der Bezahlbarkeit, auf Gesundheit und in den Großstädten vor allem auf das Thema Wohnen. Eine Kampagne gegen überteuerte Mieten startete die Berliner Linke vor einigen Wochen öffentlichkeitswirksam in einer möbliert vermieteten Wohnung, die nach Angaben der Partei weit über der ortsüblichen Vergleichsmiete liegt. Und im vergangenen Jahr reiste eine Delegation um Parteichefin Ines Schwerdtner nach New York, um dort von den Wahlkämpfern um Demokrat Zohran Mamdani zu lernen, die den Außenseiter mit einem Fokus auf Alltagsthemen zum Bürgermeister der Metropole machten.
Die Linke profitiert dabei auch von einer bundespolitischen Debatte, in der im Wochentakt über die Abschaffung von Ansprüchen und Leistungen diskutiert wird. Die CDU spiele „Minderheitenroulette“, sagt Ehling – „jeden Morgen überlegen sie, gegen wen es an diesem Tag geht“. Forderungen wie die nach Einschränkung des Rechts auf Teilzeit oder die Streichung von Zahnmedizin als Kassenleistung würden die Menschen zur Linken treiben. Manche von denen wären zu anderen Zeiten vielleicht zu den Grünen gegangen. Auch Wahlkämpferin Paula K. sagt, sie habe früher die Grünen gewählt. Doch die hätten in Baden-Württemberg jetzt 15 Jahre lang den Ministerpräsidenten gestellt, seien mitverantwortlich dafür, dass eine Stadt wie Freiburg für viele unbezahlbar geworden sei.
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Der Generationenwechsel birgt auch Risiken. Das Spitzentrio in Baden-Württemberg, Kim Sophie Bohnen, Amelie Vollmer und Mersedeh Ghazaei, kennen wohl nur Hardcore-Fans der Linken. In Berlin, wo im Herbst 2024 eine ganze Reihe regierungserfahrener Genossen im Streit um Antisemitismusvorwürfe die Partei verlassen hatte, fragen sich die potenziellen Koalitionspartner Grüne und SPD, mit wem sie es in der neuen, verjüngten Partei eigentlich zu tun haben. Und nicht alle, die in diesen Tagen für die Linke an Haustüren klingeln, sind in den Themen vollständig sattelfest.
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In Vorbereitungsrunden werden die Wahlhelfer auf ihren Job vorbereitet. Konzentrieren auf drei Themen, sagt ein junger Mann am Laptop beim Training in Freiburg: bezahlbares Wohnen, Kitas und Pflege sowie kostenlosen ÖPNV. „Was mache ich, wenn einer an der Haustür fragt, wie wir das alles bezahlen sollen?“, fragt ein Neuling in der Runde. Man müsse da nicht „krasse Rechenschaft“ abliefern, entgegnet der Trainer. Manchmal reiche auch der Verweis auf die Website der Partei.






