Es gibt Termine im Leben eines Politikers, die sind einfach nur lästig. Jetzt, an diesem Wochenende, an dem die Ukraineverhandlungen Fahrt aufnehmen, ein Auftritt beim CSU-Parteitag? Das könnte für Friedrich Merz in genau diese Kategorie fallen. Doch ist es nicht gerade jetzt ein guter Moment? Der Kanzler unterbricht mal kurz die Weltpolitik, um seinen Allzeitrivalen Markus Söder zu besuchen – keine schlechte Ausgangslage.
„Du bist bei Freunden“, sagt Söder zur Begrüßung. Merz lächelt. „Ich fühle mich hier – mit – zu Hause.“ Das einschränkende „mit“ ist schlau – sonst ärgert sich nachher noch irgendeiner im Sauerland und der nächste Shitstorm geht los.
Die CSU empfängt Merz mit minutenlangem Applaus. Auch der Ton, den Merz anschlägt, kommt an: „Wir werden eines Tages nicht danach gefragt“, sagt der Kanzler, wo die Haltelinie bei der Rente liege, sondern ob die Regierung den „maximalen“ Beitrag für Frieden und eine offene Gesellschaft mitten in Europa geleistet habe. Anders als Söder, der am Vortag vor allem seine eigenen Erfolge gefeiert hatte, malt Merz das große, düstere Bild eines dramatischen historischen Moments – und die Deutschen mittendrin: Rezession, leere Sozialkassen und eine Koalition, bei der jeder Partner Kröten schlucken muss.
Merz lobt ausführlich seine bayrischen Minister – Alexander Dobrindt, Dorothee Bär und Alois Rainer. Er vergisst auch nicht, kräftig auf die Grünen einzudreschen. Die CSU ist begeistert. Ganz still wird es, als der Kanzler, sehr leise und konzentriert, den Saal mit seiner düsteren Analyse der internationalen Lage fesselt. „Putin hört nicht auf“, das ist der zentrale Satz. Das umstrittene Schuldenpaket für die Verteidigung habe auch seine persönliche Glaubwürdigkeit belastet, sagt Merz. Aber ohne diesen Schritt wäre die Nato heute nicht mehr dieselbe, glaubt er.
Die CSU feiert Merz – Söder bleibt nichts anderes, als zuzuschauen. Das Verhältnis zwischen den beiden ist vergleichsweise gut in diesen Tagen – Söder bremst seine Lästerlust sichtbar, Merz dankt es ihm mit weitreichenden Zugeständnissen: Die Bayern haben in der schwarz-roten Koalition bekommen, was sie wollten. Die erweiterte Mütterrente, die erhöhte Pendlerpauschale, die Senkung der Gastrosteuer, die Entlastungen beim Agardiesel, den Ausstieg aus dem Verbrenner-Aus.

Doch Söder bleibt am Ende Söder. Seine Solidarität reicht immer nur für den Hauptsatz, im Nebensatz stichelt er weiter. Jedes Lob für Merz hat einen hörbaren Subtext: Söder, der Großzügige, verteilt Lob. Das klingt dann so: „Friedrich Merz hat es nicht leicht. Er braucht uns. Wir geben ihm Rückendeckung.“ Oder so: Der Koalitionsausschuss sei eines der effektivsten Gremien der Bundesregierung. „Ein Turbo“, lobt Söder. Was er nicht sagt, weil es jeder weiß: Es ist das einzige Regierungsgremium, bei dem Söder mitspielt.
Merz und Söder: So läuft es zwischen CDU-Kanzler und CSU-Chef
Söder erkennt an, welche Rolle Merz aktuell international spielt: „Wir müssen unser Land schützen. Gäbe es Friedrich Merz nicht, Europa hätte überhaupt keine Stimme.“ Der CSU-Chef lässt aber gleichzeitig kaum eine Gelegenheit aus, um darauf hinzuweisen, dass Merz Kanzler von Gnaden der CSU sei: Ohne die Bayern stünden Merz und seine CDU deutlich schwächer da. „Rechnet mal die nationalen Ergebnisse der Union aus, wenn es keine CSU gäbe!“, ruft Söder am Freitagabend den Parteitagsdelegierten zu. Die CSU ist in Bayern mit 40 Prozent in den Umfragen mehr als zehn Prozent stärker als CDU und CSU in bundesweiten Umfragen zusammen.
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Dass Söder selbst bei diesem Parteitag mit 83,6 Prozent sein bisher schlechtestes Ergebnis erzielt hat – das versuchen sie in Söders Umfeld einfach wegzulächeln. Söder selbst glaubt, dass der Ärger über die Rentenabstimmun im Bundestag eine Rolle gespielt haben könnte. Hört man sich dagegen in der Partei um, entsteht das Bild eines Vorsitzenden, der zwar als exzellenter Machtpolitiker gilt, die Leute aber nicht wirklich an sich binden kann. Und das auch gar nicht wichtig findet: Die einen sind genervt über Söders Social-Media-Furor, die anderen werfen ihm generell politischen „Narzissmus“ vor. Er habe nur sich im Blick und nicht die Seele der Partei. Viele Kritiker fühlen zudem gerade keine Selbstverpflichtung zu geschlossenen Reihen, wie es noch vor der Landtagswahl 2023 war, als Söder weit über 90 Prozent bekam.

Die alte Konkurrenz um die Kanzlerschaft zwischen Söder und Merz scheint unterdessen bis auf Weiteres beerdigt: „Diese Sache ist abgeschlossen“, sagt Söder zu seinen Ambitionen. Nachschub: „Wenn ich Kandidat gewesen wäre, wäre die Chance ganz gut gewesen, aber Schnee von gestern.“ Er versuche, so konstruktiv wie möglich zu sein. Und dann wieder dieser typische Nachsatz: „Manchmal ist es schon eine Herausforderung.“
Merz und Söder: Der CSU-Chef spricht von Fehlern
Diese Herausforderung besteht Söder nicht immer, bei der Pressekonferenz nach dem Koalitionsausschuss Ende der Woche, spricht er von „Leichtsinnsfehlern“, die in der Koalition gemacht worden seien. Er erinnert an die „Zitterpartie“ bei der Rentenabstimmung. Merz hatte eine Art informelle Vertrauensfrage gestellt, in dem er die Kanzlermehrheit einforderte. Es gelang – aber nur knapp. Eine andere Entscheidung von Merz bezeichnet Söder heute sogar klar als „Fehler“: Die Asylabstimmungen zum Beginn des Jahres, bei dem Merz Stimmen der AfD in Kauf nahm, hätten den Rechten einen Triumpf verschafft.



