Terror beginnt in den Köpfen. Davon sind viele Israelis überzeugt, wenn sie nach Gaza schauen. Sie beobachten, wie die Terrororganisation Hamas über Jahrzehnte ihre Ideologie verbreitet hat: über jedem Quadratmeter Palästinas gelte es, die „Flagge Allahs zu hissen“. Juden müssten umgebracht werden, man solle seine Zeit nicht mit internationalen Konferenzen und Initiativen „verschwenden“. So heißt es im „Islamischen Pakt“, der Charta, die die Hamas 1988 verabschiedet hat. Bis heute lebt sie danach.

Sie hat ganze Generationen mit diesem Gedankengut infiltriert. Auch, weil sie über das Palästinenserhilfswerk der Vereinten Nationen (UNRWA) wichtige Posten im Bildungswesen mit den eigenen Leuten besetzen und Einfluss auf Inhalte in den Schulbüchern nehmen konnte. Ein kluger Schachzug, über die Schulen den Nachwuchs zu erreichen. Einige Mitarbeiter sollen auch am Massaker des 7. Oktober beteiligt gewesen sein. Kritiker, zumeist aus Israel, sagen: Wenn ein echter Wiederaufbau Gazas ohne Beteiligung der Hamas gelingen soll, müsse das UNRWA abgeschafft oder mindestens grundlegend reformiert werden. Auch Deutschland soll dabei eine Rolle spielen.

Mehr von Israel-Korrespondentin Maria Sterkl

Gaza: UN-Hilfswerk betreibt Schulen – Israel: „Durch und durch verdorben“

„Die Bundesrepublik ist aktuell mit 200 Millionen Euro im Jahr die größte Beitragszahlerin für das UNRWA“, sagte Hillel Neuer, Geschäftsführer der in der Genf ansässigen pro-israelischen NGO „UN Watch“. Bei einem Briefing in Berlin unterstrich der kanadische Jurist kürzlich: „Die Lehrer des UNRWA sind Terrorbosse.“ Was einmal als altruistisches Projekt begonnen habe, nämlich um die Kinder im Gazastreifen zu unterrichten, sei inzwischen „durch und durch verdorben“. Als Beweis präsentierte Neuer eine Recherche zu mehreren hochrangigen UNRWA-Lehrern.

Einer von ihnen: Suhail al-Hindi. „UN Watch“ zeichnet das Bild eines arrivierten Terroristen – Bilder zeigen al-Hindi mit dem Hamas-Chef Jahia Sinwar. Er soll auch enge Verbindungen zu dem langjährigen Führer des Hamas-Politbüros, Ismail Hanyya, unterhalten haben. Die NGO-Recherche legt zudem nahe, dass er Teil der Hamas-Delegation in Katar war. „Als er schließlich wegen seiner Verbindungen von den Vereinten Nationen suspendiert wurde“, so der Jurist Neuer, „schlossen die UNRWA-Schulen aus Protest – für drei Monate!“ Al-Hindi durfte daraufhin weiterarbeiten. Beim UNRWA hieß es, so berichtet es Neuer, man habe nichts von der Verstrickung des Mannes mit der Hamas gewusst.

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Glaubwürdig ist das nicht. Öffentlich zugängliche Fotos im Internet belegen al-Hindis Begegnungen mit hochrangigen Kommandeuren der Terrorgruppe.

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Israel: Hilfsorganisationen setzen weiterhin auf UN

Gerne hätte man gewusst, was frühere UNRWA-Vertreter zu den Vorwürfen sagen. Der deutsche UN-Diplomat und einstige UNRWA-Chef Matthias Schmale reagierte nicht auf eine Anfrage dieser Redaktion. Im Deutschlandfunk hatte er sich 2024 geäußert: Ohne eine pragmatische Zusammenarbeit mit der Hamas sei es unmöglich, im Gazastreifen humanitäre Hilfe für zwei Millionen Menschen zu leisten. Dies bedeute aber nicht, den Zielen der Hamas zuzustimmen oder sie zu unterstützen. Schmale wurde 2021 auf Druck der Terrorgruppe aus Gaza abgezogen.

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Auch die Kinderhilfsorganisation Plan International äußert sich zurückhaltend. In der Vergangenheit hat sie die Hamas-Verstrickungen des UNRWA kritisiert. „Angesichts des riesigen Bedarfs an Hilfe für die Menschen im Gazastreifen ist es von entscheidender Bedeutung, dass sich die gesamten UN sowie vertrauenswürdige humanitäre Organisationen gemeinsam in der Region engagieren“, erklärte Plan International auf Anfrage. „Wir müssen sofortigen und bedingungslosen Zugang erhalten, damit insbesondere die Kinder und erst recht die Mädchen versorgt werden können. Die Grenzübergänge müssen unverzüglich und ohne Auflagen geöffnet werden, damit endlich wichtige Hilfsgüter in großem Umfang nach Gaza gelangen.“

UNRWA distributes aid parcels to Gazans on the 3rd day of the ceasefire
Das UNRWA verteilt Hilfspakete im Gazastreifen: „Joch der Hamas“.© IMAGO/Anadolu Agency | IMAGO stock

Gazastreifen: Israel kritisiert Rückkehrrecht für Palästinenser

Das UNRWA, sagte der CDU-Außenpolitiker Jürgen Hardt dieser Redaktion, helfe den Nachbarländern bei der Bewältigung der Flüchtlingskrise, die 1948 ihren Anfang genommen hat. „Auch 2025 sind weder der Libanon, noch Syrien, noch Jordanien, noch die PA (Palästinensische Autonomiebehörde, Anm. d. Red.) politisch oder wirtschaftlich in der Lage, die Flüchtlinge auf ihrem Gebiet zu absorbieren“, so Hardt. „Eine Auflösung des UNRWAs würde Israel und seine Nachbarn entfremden und ​die Region destabilisieren. Deshalb unterstützt die Bundesregierung das UNRWA.“ Dabei müsse allerdings die „Stunde Null“ in Gaza genutzt werden, das Hilfswerk auch personell neu aufzustellen. Das „Joch der Hamas“ müsse abgestreift werden, die Menschen bräuchten Perspektiven.

Lesen Sie hier: So plant Deutschland den Wiederaufbau des Gazastreifens

Es gebe, so argumentierte der Jurist Hillel Neuer, einen Grund, warum die palästinensische Bevölkerung so vehement am UNRWA festhalte: „Jede andere Hilfsorganisation kann zwar Essen und Medikamente verteilen, aber nur das UNRWA räumt den Palästinensern ein garantiertes Rückkehrrecht [in die Gebiete, aus denen sie vertrieben worden sind, Anm. d. Red.] ein.“ Dies sei auch der Grund, weshalb die arabischen Staaten die Abschaffung oder eine Reform des Hilfswerks nicht forcierten: „Die sagen sich, wir arabisieren das Problem, wenn wir das UNRWA abschaffen – dann lassen sich die Flüchtlinge dauerhaft bei uns nieder.“

Aftermath of an Israeli air strike on an UNRWA school sheltering displaced people, in Gaza City
Palästinensischer Junge vor einer UNRWA-Schule: Verstrickungen mit der Hamas.© REUTERS | DAWOUD ABU ALKAS

Palästina: Flüchtlinge gelten seit jeher als Verhandlungsmasse im Nahostkonflikt

Ob sich an dieser Haltung etwas ändert, damit ein dauerhafter Frieden eine Chance hat, muss sich zeigen. Die palästinensischen Flüchtlinge, die teilweise seit Jahrzehnten in Camps im Libanon, Syrien und anderswo leben, gelten seit jeher als Verhandlungsmasse im Nahostkonflikt. Sie und die Regierungen der Länder, in denen sie leben, pochen auf die Rückkehr in die palästinensischen Gebiete. Viele haben in den Neunzigerjahren auf den Friedensprozess von Oslo gehofft, als eine Zweistaaten-Lösung (aus heutiger Sicht) fast zum Greifen nahe schien. Für die Israelis indes wäre es eine demografische Katastrophe, plötzlich so viele Nicht-Juden im Land zu haben. Die Identität des jüdischen Staates wäre dahin, wenn die Palästinenser die Mehrheit stellen würden.

Doch in einem ersten Schritt soll es den Israelis nach darum gehen, die Kontrolle der Hamas über das UNRWA und damit über das Bildungswesen zu brechen. „Das UNRWA hält den Konflikt aufrecht“, sagte Hillel Neuer. Man erlaube der Organisation, die Palästinenser mit einem „nihilistischen Todeskult zu vergiften“.