Ein neuer Krieg wird kommen: Dieser Satz gilt in Israel längst als eine Binsenweisheit. Doch seit dem letzten Krieg gegen den Iran im vergangenen Juni, als ganze Straßenzüge durch die Sprengkraft der tonnenschweren ballistischen Bomben beschädigt wurden, sprechen viele diesen Satz weniger leicht aus als zuvor. Zwölf Tage Krieg waren genug, um vielen Menschen in Israel Angst vor einer neuen Auseinandersetzung mit dem Iran zu machen.
Doch nicht alle scheuen vor einem neuen Krieg mit Israels Erzfeind zurück. Ausgerechnet unter den rund 250.000 Israelis mit iranischen Wurzeln gibt es viele, die sich eine Neuauflage herbeiwünschen. „Israel hat den Krieg im Juni viel zu früh gestoppt“, meint Amir Menashe, der in Teheran in eine jüdisch-iranische Familie geboren und mit 19 Jahren nach Israel eingewandert ist. „Israel hätte viel größere Pläne für diesen Krieg gehabt“, meint Menashe. Dass der Krieg nach zwölf Tagen zu Ende war, „lag nur an Trump“. Der US-Präsident hatte Druck auf Israel gemacht.

Nun liege es an Israel, „den Job im Iran zu beenden“, meint Amir Menashe. Der 85-Jährige ist so etwas wie der Grandseigneur der iranischen Israelis. Er hat sein ganzes bisheriges Leben der Aufgabe gewidmet, Brücken zwischen der alten und der neuen Heimat zu bauen. Lange Zeit leitete er den persischsprachigen Kanal im öffentlichen israelischen Radio und erreichte damit ein Millionenpublikum.
Israel: Viele Menschen im Iran seien Israel dankbar für die Angriffe im Juni, meint Menashe
In einer täglichen Radioshow, die über Kurzwelle auch im Iran empfangbar war, informierte er das Publikum über Nachrichten, die im Iran von der Zensur verboten waren, und spielte jene Musik, die auf der schwarzen Liste stand. Das Publikum im Iran konnte während der Live-Sendung anrufen – über eine deutsche Telefonnummer, da Anrufe im Feindesland nicht möglich waren.
Auch interessant
Auch heute noch ist Menashe stets in Verbindung mit seiner alten Heimat. Auf die Frage, wie viel Zeit er damit verbringt, iranische Medien zu konsumieren, sagt er mit einem verschmitzten Lächeln: „Mindestens 25 Stunden am Tag.“ Viele Menschen im Iran seien Israel dankbar für die Angriffe im Juni. Menashes erwachsene Söhne hatten das Glück, als Kinder zweimal in den Iran reisen zu können, bevor das nicht mehr möglich war.
Wer ins Feindesland geht, darf nicht zurück
Ora, eine Enddreißigerin aus Jerusalem, kann davon nur träumen. Sie ging mit ihrer Familie aus dem Iran weg, als sie 15 Jahre alt war. Ihre Heimatstadt Teheran zu verlassen, sehr schwer gewesen, erzählt sie. „Es war uns klar, dass es das letzte Mal sein würde, das wir den Iran sehen. Sobald jemand nach Israel geht, ins Feindesland, gibt es kein Zurück mehr.“ In der neuen Heimat Israel musste sie alles von Grund auf neu lernen – die Sprache, die Umgangsformen. Zu sehen, wie israelische Kinder mit ihren Eltern sprechen, war anfangs ein Schock. „Iraner haben viel Respekt, viel Hochachtung“, sagt Ora. „Meine Eltern spreche ich bis heute mit ‚Sie‘ an, nicht mit ‚Du‘.“

In Israel wiederum gebe es viel mehr Freiheit. „Im Iran haben die Lehrer uns angeschrien und manchmal sogar geschlagen. Hier gibt es das nicht. Hier haben die Kinder keine Angst, in die Schule zu gehen“, sagt Ora. Die Freizügigkeit der Israelis gehe ihr aber auch manchmal zu weit – etwa die Art, sich zu kleiden. „Jede soll anziehen, was sie will – aber wenn man auf die Straße geht, zieht man sich doch nicht so an wie für den Strand.“ Im Iran wiederum seien die Mädchen, die den Hidschab tragen müssen, zu bemitleiden. „Irgendwas in der Mitte wäre gut“, sagt Ora, die fromme Jüdin ist und eine Kopfbedeckung trägt, die ihr volles, langes Haar mehr schmückt als verhüllt.
Ora würde gern, wieder in den Iran reisen können
Ora träumt davon, wieder in den Iran reisen zu können. „Es wäre so schön, meinen Kindern zu zeigen, wo ich aufgewachsen bin“, sagt sie. Sie würde dann die Ausflugsziele ihrer Kindheit besuchen: Die Gegend rund um Shiraz, wo ihre Mutter aufgewachsen ist, und Isfahan, wo ihr Vater herkommt. „Als Kind haben wir jeden Sommer dort verbracht.“
Auch interessant
Oras Großeltern mütterlicherseits sind im Iran begraben. Die Hoffnung, ihre Gräber noch einmal besuchen zu können, will sie nicht aufgeben. „Ich glaube, es wird passieren“, sagt sie. Mehr als 80 Prozent der Menschen im Iran würden sich nach einem Regimewechsel sehnen. Doch das Volk sei zu stark unterdrückt, um diesen Wechsel selbst herbeiführen zu können. Es brauche Hilfe von außen, sagt Ora, die mit ihrem Mann einen kleinen Souvenirladen mit allerlei Judaika betreibt.
Der Krieg im Juni war zu kurz, findet sie. Auch, wenn ihr bange war zu hören, dass Häuser in ihrer geliebten Stadt Teheran zerbombt wurden, war es ein anderes Gefühl, das schwerer wog: die Sehnsucht, dass dieses Regime in die Knie gezwungen wird.
Auch interessant
Die Schäden des Zwölf-Tage-Kriegs sind noch sichtbar
Militärstrategen in Israel warnen jedoch vor einer Neuauflage des Kriegs zwischen Israel und dem Iran. „Israel hat Wichtigeres zu tun“, meint etwa Oded Ailam, ein früherer Mossad-Stratege. Da seien etwa die schwelenden Konflikte in Gaza und dem Libanon. Zudem sind die Schäden, die in dem zwölftägigen Krieg verursacht wurden, immer noch nicht repariert. Und das schwer strapazierte Luftabwehrsystem könne auch noch eine längere Verschnaufpause gebrauchen, heißt es. Dazu kommt die Gefahr, dass der Iran die Lektionen aus dem Juni gelernt habe – und nun besser Bescheid wisse, wo die Schwächen der israelischen Defensive liegen.

Amir Menashe lässt diese Bedenken nicht gelten. Er sieht sich als Fürsprecher der Menschen im Iran, wenn er sagt: „Die Leute dort wollen das Regime stürzen. Und sie rufen: Bitte, Israel, komm und hilf uns.“





