In Afghanistan wabern seit mehreren Monate Gerüchte. Es heißt, die De-facto-Regierung der Taliban verhandele mit den US-Amerikanern über eine Rückgabe des Militärstützpunktes Bagram nördlich von Kabul. Das wäre eine außenpolitische Sensation. Befeuert werden diese Gerüchte jetzt von Donald Trump selbst. Der US-Präsident drängt seit mehreren Tagen auf die Wiederübernahme von Bagram. Am Samstag verkündete er drohend auf seiner Plattform „Truth Social“, es würden „schlimme Dinge“ geschehen, falls Afghanistan den Stützpunkt nicht übergeben würden. Die Taliban reagieren gelassen auf die Drohungen.  

Der Militärstützpunkt Bagram, einstmals von den Sowjets gebaut, war in den Jahren der US-amerikanischen Besatzung Afghanistans das wichtigste Operationszentrum des US-Militärs im Land. Es ist ein gewaltiger Komplex, der beinahe 80 Quadratkilometer umfasst. Auf den beiden Start- und Landebahnen können strategische Bomber und schwerste Frachtflugzeuge abheben. Dort unterhielten die Amerikaner auch die Parwan Detention Facility, ein berüchtigtes Gefängnis, in dem Terrorverdächtige häufig ohne Anklage inhaftiert und mutmaßlich gefoltert wurden. Bagram wurde häufig mit dem Gefangenenlager in Guantanamo auf Kuba verglichen. 

Mehr Reportagen von Kriegsreporter Jan Jessen

US-Abzug aus Bagram: Eine Nacht-und-Nebel-Aktion des Militärs

Als die US-Amerikaner im Sommer 2021 aus Afghanistan abzogen, verließen sie Bagram über Nacht und überließen den Stützpunkt der vom Westen unterstützten Regierung, die nur wenige Wochen später kollabierte. Seitdem wird Bagram von den Taliban genutzt, die anlässlich des dritten Jahrestages ihrer erneuten Machtübernahme eine große Militärparade auf dem Gelände abhielten. Ende Februar dieses Jahres sprach Trump erstmals davon, dass er den Stützpunkt zurückhaben wolle. Im Rahmen einer Kabinettssitzung beklagte er sich in Washington, die USA gäben „Milliarden von Dollar“ an Afghanistan, hätten aber gleichzeitig gewaltige Mengen an Ausrüstung im Land gelassen, die jetzt von den Taliban verkauft würde. 

Auch interessant

Zwar habe er dafür gesorgt, dass die US-Amerikaner Afghanistan verlassen hätten. Aber: „Wir wollten Bagram behalten. Wir wollten eine kleine Truppe dort stationieren.“ Nicht wegen Afghanistan, sondern wegen China. Denn schließlich sei der Stützpunkt „genau eine Stunde von der Produktionsstätte seiner Atomraketen entfernt“. Diese Forderung ging seinerzeit in der internationalen Presse im Strom der zahllosen Trump-Nachrichten unter. 

In Afghanistan wurde sie jedoch genau registriert. Im April kursierten in afghanischen Medien Berichte, wonach eine US-amerikanische C-17A mit ausgeschaltetem Transponder aus Tadschikistan kommend in Bagram gelandet sei, an Bord angeblich hochrangige CIA-Vertreter, darunter der stellvertretende Direktor John Ratcliffe. Nach dem Aufenthalt sei sie nach Pakistan weitergeflogen. Die Taliban wiesen die Berichte als vorsätzliche Falschinformation zurück. Sie würden keine US-Militärpräsenz auf afghanischem Boden dulden. 

211700_569_211700_cover.jpg
Erdbeben in Afghanistan – Überleben ohne Hilfe
Im Krisenmodus
 

USA und Taliban nähern sich an: Kopfgeld auf Haqqani ausgesetzt

Es scheint aber eine Annäherung zwischen der US-Regierung und den Taliban zu geben. Das Kopfgeld auf mehrere als Terroristen geltende Mitglieder des Haqqani-Netzwerks ist ausgesetzt worden, darunter ist auch der amtierende Innenminister Sirajuddin Haqqani. Im Zuge von Verhandlungen über die Freilassung US-amerikanischer Gefangener besuchten im März hochrangige US-Emissäre wie Adam Boehler, Sondergesandter für Geiselnahmen und Zalmay Khalizad, der frühere US-Sondergesandte für Afghanistan, Kabul und trafen dort mit dem De-facto-Außenminister Amir Khan Muttaqi zusammen. 

Es ist unwahrscheinlich, dass in dieser Runde ausschließlich über die Freilassung von Gefangenen geredet wurde. Möglicherweise streben die US-Amerikaner eine strategische Neuausrichtung in der Region an. Sie sehen argwöhnisch, wie die insbesondere die Chinesen, aber auch die Russen in Afghanistan einen immer größeren Einfluss und Zugriff auf die immensen Bodenschätze des Landes bekommen. Sie sehen auch, dass die Taliban trotz der westlichen Sanktionen und der bitteren Armut im Land fest im Sattel sitzen. 

Lesen Sie auch: Angriff in Katar: Israel zielt auf totale Vernichtung der Hamas

Man kommt nicht an den Taliban vorbei, wenn man in der strategisch wichtigen Region geopolitischen Einfluss haben will. Bagram wäre als Stützpunkt enorm wichtig, weil er in Reichweite des Irans und Chinas liegt. Die Reaktivierung US-amerikanischer Präsenz auf dieser Basis wäre aus Sicht Washingtons also militärisch sinnvoll. 

Spekulationen und Drohungen: Trump entfacht neue Diskussion um Bagram-Stützpunkt

Jetzt hat Trump die Spekulationen um die Basis neu befeuert. Am vergangenen Donnerstag erklärt er in London bei einer Pressekonferenz mit dem britischen Premier Keir Starmer scheinbar aus dem Nichts zum offensichtlichen Erstaunen des Briten: „Wir wollten Bagram behalten, den großen Luftwaffenstützpunkt, der zu den größten Luftwaffenstützpunkten der Welt gehört“ und: „Wir wollen diesen Stützpunkt zurück.“ Zwei Tage später droht er den Taliban bereits auf „Truth Social“ mit „schlimmen Dingen“, die geschehen würden, falls sie Bagram nicht übergeben würden. Wie eine erneute Stationierung von US-Soldaten in Afghanistan logistisch gestaltet oder den US-amerikanischen Wählern verkauft werden könnte, ist offen.  

Auch interessant

Unter der Taliban-Führung scheint eine Annäherung an die USA, gegen die die Islamisten zwanzig Jahre kämpften, umstritten zu sein. Für die Taliban wäre ein Deal mit der Trump-Administration eine Chance, die ohnehin bereits löchrige außenpolitische Isolation weiter aufzubrechen und international anerkannt zu werden. Sie wissen um die strategische Bedeutung ihres Landes. Offiziell gibt man sich jedoch sehr zugeknöpft. 

209690_569_cover.jpg
Netanjahu in der Kritik – Israels Kriege an mehreren Fronten
Im Krisenmodus
 

Die USA hätten sich in den Doha-Verhandlungen vor ihrem Abzug verpflichtet, „keine Gewalt gegen die territoriale Integrität oder politische Unabhängigkeit Afghanistans anzuwenden oder anzudrohen und sich nicht in dessen innere Angelegenheiten einzumischen“, heißt es in einer Stellungnahme der De-facto-Regierung. Diesen Verpflichtungen sollten die USA treu bleiben. Auf die Drohungen Trumps reagieren die Taliban mit einem Ratschlag: Anstelle „einer Wiederholung der gescheiterten Ansätze der Vergangenheit“ solle „eine Politik des Realismus und der Vernunft verfolgt werden“. Trump droht mit dem verbalen Säbel. Die Taliban drohen mit dem Florett.