Am Wochenende ist die türkische Polizei in Istanbul und Izmir rabiat gegen die Teilnehmer von Pride-Paraden vorgegangen und hat Dutzende von Menschen verhaftet. Auf Pride-Paraden demonstrieren weltweit Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender für ihre Rechte und für gesellschaftliche Akzeptanz. Für den türkischen Präsidenten ist die LGBTQ-Szene ein Feindbild, nicht heterosexuelle Menschen sind für Recep Tayyip Erdogan Perverse und Terroristen, die das traditionelle Familienbild zerstören wollen.

Die erneuten Angriffe auf diese Menschen zeigen, wohin die Reise nach Erdogans Wahlsieg in der Türkei geht: Minderheiten, Oppositionelle, Kritiker des Regimes und Journalisten werden unter noch größeren Druck geraten, als sie es ohnehin schon sind. Das Nato-Land Türkei reiht sich international immer mehr in die autokratische Achse ein. Es ist kein Zufall, dass der russische Präsident als Erstes hilfeheischend Erdogan anrief, als die putschenden Wagner-Söldner auf Moskau marschierten; er sieht den türkischen Präsidenten als einen Bruder im Geiste.

Vor wenigen Tagen berieten Vertreter der Türkei, Syriens, des Iran und Russlands im kasachischen Astana über die Zukunft Syriens. Erdogan nähert sich erneut Assad an, der einst ein enger Freund war, nach dem Beginn des Krieges in Syrien aber als Feind markiert wurde. Im Norden Syriens haben die türkischen Streitkräfte und ihre islamistischen Verbündeten nach dem Wahlsieg Erdogans ihre Angriffe auf die dortigen kurdisch dominierten Selbstverwaltungsstrukturen intensiviert. Ein erneuter völkerrechtswidriger Angriffskrieg der Türkei, den Erdogan bereits mehrfach angekündigt hat, ist nach dem Gipfel von Astana wieder wahrscheinlich. Erdogan wartet nur auf grünes Licht aus dem Kreml, wo ein Mann nach seinem Geschmack sitzt: homophob, skrupellos, reaktionär, autokratisch. Auch in Moskau sind Pride-Paraden verboten.