Zusammenfassung

  • In Witten protestierten am Vorabend des 1. Mai rund 500 meist junge Menschen bei einer von der Antifa organisierten Demonstration gegen Ausbeutung, Kapitalismus und Faschismus.
  • Die Polizei begleitete den friedlich verlaufenden Zug mit einem großen Aufgebot, es kam zu keinen Zwischenfällen.
  • Immer wieder gab es Reden, Musik und klare Absagen an Gewalt, Antisemitismus und Islamismus.

Mindestens 500 Menschen haben am Donnerstag (30.4.) an einer „revolutionären Vorabenddemo“ zum 1. Mai teilgenommen. Aufgerufen von der Wittener Antifa, protestierten überwiegend junge Menschen aus dem links-autonomen Lager im ganzen Ruhrgebiet gegen Ausbeutung, Kapitalismus und Faschismus. Dutzende Kräfte der Bereitschaftspolizei begleiteten den Zug in Fußtruppen und teilweise auf Motorrädern, etliche Mannschaftswagen verteilten sich über die gesamte City. So lief die Demo ab, die man sonst eher aus Berlin-Kreuzberg kennt. Krawalle blieben aber aus.

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Wer an diesem sonnigen Vorabend des 1. Mai gerade aus dem Rathaus kommt, wo die Politik noch zu später Stunde über mehr Farbe für die graue Bahnhofstraße nachdenkt, ist überrascht. Mindestens sechs Polizeitransporter stehen auf dem Rathausplatz. Es kann aber nichts Schlimmes passiert sein. Dafür sind die überwiegend jungen Polizistinnen und Polizisten zu gut gelaunt. Einige schlecken ein Eis im Hörnchen.

Vorplatz des Wittener Bahnhofs voller Menschen

Wer weiter zum Hauptbahnhof läuft, weiß, warum sich die Hundertschaft auf den Weg nach Witten gemacht hat. Der gesamte Vorplatz ist voller Menschen. Die rot-schwarzen Fahnen der Antifa wehen im Frühlingswind. Seitlich zum ZOB formiert sich die Spitze des gleich folgenden Umzugs durch die City. Viele junge Leute sind dabei, manche nah an der Grenze zur verbotenen Vermummung oder schon darüber. Sie tragen dunkle Sonnenbrillen und lila Tücher, einige schwarze Kappen oder Corona-Gesichtsmasken. Mit der Presse sprechen will niemand.

Die Polizei war mit starken Kräften bei der Demo in Witten vertreten. Hier beobachten Einsatzkräfte den Start am Bahnhof.
Die Bereitschaftspolizei war mit starken Kräften bei der Demo in Witten vertreten. Hier beobachten sie den Start am Bahnhof.© WAZ | Jürgen Augstein

Jemand schlägt laut auf eine Trommel, ein weißer Sprinter mit Wiesbadener Kennzeichen dient als Lautsprecherwagen. Eine Rednerin der Antifa Hagen erzählt von ihrer Kindheit in einem Arbeiterhaushalt mit wenig Geld. Sie erinnert sich, wie sie sich geschämt habe, „als die Lehrerin fragte, wer sich die Klassenfahrt nicht leisten kann“, sie dankt allen Lehrern, „die zweimal hingucken, wenn ein Kind kein Pausenbrot hat“, und der Kassiererin, „die mir die letzten Cent beim Einkaufen erlassen hat“. „Ich bin so scheißsauer auf dieses System“, sagt die junge Frau, die Verzweiflung vieler Menschen sei berechtigt. Dann ruft sie in die Menge: „Wir sind eine Klasse und dürfen uns nicht spalten lassen!“ Applaus brandet auf.

„Sie stecken das Geld für Kitas lieber in Waffen und Privatjets“

Immer wieder ist ultraharte Rockmusik zu hören. Ordner mit gelber Binde raunzen den Reporter an, weil er Teilnehmende angesprochen hat. Dabei wird hier doch angeblich auch für die Pressefreiheit demonstriert. Trotz der dunkel gekleideten Autonomen und lautstarken Antifa-Parolen bleibt die Stimmung friedlich. Eine Rednerin erteilt jeder Form von Gewalt ebenso eine Absage wie Islamismus und Antisemitismus. Die israelische Regierung wird zwar für eine gewalttätige Politik kritisiert. „Wir solidarisieren uns aber nicht mit der Hamas.“

Über die Bergerstraße zogen die Demonstranten in Richtung Saalbau, Ruhrstraße und Rathausplatz. Die ihnen am ZOB entgegenkommenden Busse stauten sich vorübergehend.
Über die Bergerstraße zogen die Demonstranten in Richtung Saalbau, Ruhrstraße und Rathausplatz. Die ihnen am ZOB entgegenkommenden Busse stauten sich vorübergehend.© WAZ | Jürgen Augstein

Am Vorabend des 1. Mai geht es natürlich auch um die Rechten im eigenen Land, die „Hass säen“, sowie massive Gesellschafts- und Kapitalismuskritik. „Ohne die Knochenarbeit da unten gäbe es gar nicht den Reichtum da oben.“ Oder: „Sie stecken das Geld für Kitas lieber in Waffen und Privatjets.“ Eine Zielscheibe ist Friedrich Merz, „der auf kleine Paschas schimpft und die Reichen immer reicher macht“. Es geht um unhaltbare Zustände in der Pflege, ja, auch „um unsere Zukunft, wo Rente nur noch ein Platzhalter ist“.

Veranstalter erinnern selbst an das Vermummungsverbot

Bevor sich die Menschenmasse schließlich in Richtung Saalbau in Bewegung setzt, rät ein Veranstalter noch: „Denkt bitte daran, euch nicht zu vermummen.“ Auch Polizisten, die mitlaufen, erinnern einzelne Teilnehmer an das Verbot. Im Refrain werden im Klatschrhythmus die Parolen der Antifa gerufen. „Anti, Antikapitalista!“ Oder: „Ti amo tutti antifascisti“ (“Ich liebe euch alle, Antifaschisten“). Und: „Ruhrpott, nazifrei!“ So geht es weiter über die Ruhrstraße zum Rathausplatz.

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Es wurden vereinzelte Vorfälle bekannt: Teilnehmer haben mehrfach Pyrotechnik, sogenannte „Bengalos“ entzündet. An einer Stelle wurde ein Böller in Richtung einer Gruppe von Polizeikräften geworfen. Verletzt wurde niemand. Nach Lautsprecherdurchsagen der Veranstalter wurden keine weiteren Böllerwürfe beobachtet.

Anwohner zeigte wohl Hitlergruß

Im weiteren Verlauf kam es zu verbalen Auseinandersetzungen zwischen Demonstrierenden und zwei Anwohnern, die mutmaßlich dem rechten Spektrum zuzuordnen waren. Einer der Anwohner zeigte mutmaßlich den Hitlergruß. Daraufhin flogen vereinzelt Kunststoff-Flaschen aus der Demonstration in Richtung des Mannes.

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© News 4 Video-Line TV | Wickern

Kurz vor Erreichen des Ziels zog die Polizei einen Mann aus der Demonstration. Er wurde in das Treppenhaus eines Wohnhauses gebracht und dort festgehalten. Ein Teil der Demonstration solidarisierte sich mit dem Mann und blieb vor dem Haus stehen, während der übrige Zug weiter der angemeldeten Route folgte. Nach rund 45 Minuten wurde der Mann in einen Streifenwagen gesetzt und für weitere Maßnahmen zur Wache gebracht.

Feuerwehr löscht Kleinbrand auf dem Rathausplatz

Unterdessen erreichte der andere Teil der Demonstration den Rathausplatz. Dort zündeten Teilnehmende eine Feuerwerksbatterie auf dem Podest einer Statue. In der Folge kam es zu einem Kleinbrand, der von der Feuerwehr gelöscht wurde. Gegen 22 Uhr wurde die Demonstration schließlich beendet.