Wer am Sonntagvormittag die Eingangshalle des Wittener Hauptbahnhofs betrat, wurde nicht nur vom üblichen Reisebetrieb empfangen. Stattdessen lag ein warmer Klangteppich aus Saxophon und Singstimmen in der Luft. Rund 300 Menschen hatten sich versammelt, dicht an dicht, manche mit dicken Schals, andere mit Nikolausmützen – und alle mit einem Strahlen im Gesicht. Es war wieder Zeit für das Weihnachtssingen am vierten Advent, bei dem Klassiker wie „O Tannenbaum“ und „Kling Glöckchen“ gespielt und gesungen wurden.

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Schon bevor der erste Ton erklang, lag eine besondere Stimmung in der Eingangshalle. Reiner Krause, der traditionell das Weihnachtssingen organisiert und wie gewohnt mit Herzblut moderierte, begrüßte die Gäste mit einem Augenzwinkern im „schönsten Bahnhof Deutschlands“ — und fügte trocken hinzu: „Zumindest ist dieser Bahnhof fertig geworden.“ Die Lacher waren ihm sicher, und die Menschen rückten ein Stück näher zusammen, bereit für einen adventlichen Vormittag zwischen Zügen und Musik.
Weihnachtssingen in Witten: Wolf Codera sorgt für besondere Atmosphäre
Rund um die historische Lokomotive „Friedrich“ bildete sich ein Rahmen aus Familien, älteren Stammgästen und neugierigen Reisenden. Über ihnen, auf einem schmalen Mauervorsprung in schwindelerregender Höhe, saßen fünf Tauben wie eine eigene kleine Zuhörergruppe. Sie schienen aufmerksam zu verfolgen, was da unten in ihrem Bahnhof vor sich ging — vielleicht ein wenig irritiert, aber eindeutig interessiert.
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Als Wolf Codera schließlich sein Saxophon ansetzte, wurde es still. Der warme Klang füllte die Halle sofort, wanderte über die Köpfe hinweg und schien selbst die Tauben kurz innehalten zu lassen. Codera blieb nicht an einem Platz stehen: Er drehte seine Runden um „Friedrich“ und brachte den Klang dorthin, wo gerade ein Kind auf den Schultern seines Vaters saß oder eine ältere Dame leise mitsummte.
Liedzettel sind überflüssig
Sängerin Laura Pumila stimmte „O du fröhliche“ an, und schnell zeigte sich: Die verteilten Liedzettel waren eigentlich überflüssig. Viele kannten die Klassiker auswendig, andere ließen sich einfach treiben. Als „In der Weihnachtsbäckerei“ erklang, wurde es lebhaft. Kinderstimmen mischten sich fröhlich unter die Melodie, manche sangen lauter als alle anderen, manche trafen keinen Ton — und genau das machte den Moment so besonders. Die Lok „Friedrich“ stand derweil wie ein stiller Mittelpunkt in diesem improvisierten Konzertsaal.

Nach 45 Minuten endete das kleine Konzert mit dem Steigerlied. Dieses wurde besonders laut und inbrünstig intoniert. Gänsehaut garantiert. Tosender Applaus beendete das Singen. Wer an diesem vierten Advent dabei war, nahm etwas mit: ein Gefühl von Gemeinschaft, das sich nicht planen lässt. Ein bisschen Wärme in einer zugigen Bahnhofshalle, die an diesem Vormittag mehr war als ein Ort zum Umsteigen. Ein Stück Weihnachten mitten im Alltag.




