Die Stadt Witten macht einen großen Schritt Richtung Nachhaltigkeit: Zum ersten Mal wirft sie einen Blick auf die Möglichkeit, im Stadtgebiet Wärmenetze zu bauen – also Heizungsnetzwerke, die Energie aus erneuerbaren Quellen wie Geothermie oder Flusswärme ziehen, an die sich Anwohnende anschließen zu können. Damit könnten Gasheizungen ersetzt werden.

Täglich (außer Samstag)
Witten-Newsletter: Jetzt kostenlos anmelden!
Nachrichten, Service, Reportagen: Jeden Tag wissen, was in unserer Stadt los ist.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Schon vor einigen Wochen wurde eine sogenannte Potential- und Bestandsanalyse vorgestellt. Diese zeigt zum ersten Mal, wo im Stadtgebiet Wärmenetze technisch möglich wären und wo sie am meisten gebraucht werden. Seit November können sich Bürgerinnen und Bürger zu den Plänen äußern. „Die Wittener kennen ihre Stadt schließlich am besten“ sagt Patrik Berg, Vertreter der Stadtwerke. Er ist einer der führenden Köpfe dieses neuesten Vorstoßes hin zu mehr Klimaschutz.
Stadt Witten: Fast alle privaten Haushalte heizen mit Gas
Die Analyse der Stadt entstand vor einem besorgniserregenden Hintergrund: 91 Prozent aller privaten Haushalte heizen noch immer mit fossilen Brennstoffen, mehrheitlich mit Gas. Das geht aus Zahlen der Stadt hervor, die in diesem Zusammenhang veröffentlicht wurden.
Witten hat sich das Ziel gesetzt, bis 2040 klimaneutral zu sein, die aktuellen Bestrebungen sind außerdem Vorgaben des Wärmeplanungsgesetzes. Deswegen wurden im vergangenen Jahr in einem Ausschreibungsverfahren die Stadtwerke Witten und zwei Beratungsfirmen, ProEnergy Consult und Green Ventury, damit beauftragt, einen kommunalen Wärmeplan zu entwickeln.
Theoretisch viel Potential, realistisch eher wenig
Die gute Nachricht: Prinzipiell könnte Witten genug Wärme produzieren, um alle Haushalte mit grüner Energie zu beheizen. Gerade bei Geothermie und Solarthermie gibt es große Potentiale. Allerdings nur in der Theorie – denn es gibt hohe Hürden, technisch wie wirtschaftlich, die dagegensprechen. „Ein flächenendeckendes Wärmenetz wird es nicht geben“ sagt Philipp Pössel, Leiter des Planungsbüros.

Zum einen liegt das daran, dass nicht alles, was theoretisch möglich ist, auch praktisch umsetzbar ist. Neben Einschränkungen wie Naturschutzgebieten ist der wichtigste Grund dafür: die Wirtschaftlichkeit. Denn eine Wärmenetz lohnt sich nur dort, wo genügend Haushalte bereit sind, sich anzuschließen. „Ein Beispiel dafür ist Stockum. Hier gibt es zwar viel Potential, aber wenig Abnehmer“, so Patrick Berg. Außerdem müsse es Anbieter geben, die das Projekt umsetzen. Und das trifft fast nur auf Ballungsgebiete wie die Innenstadt oder einige Stadtviertel zu. „Ein Vorteil ist, dass es viele sogenannte Ankerkunden gibt, also Firmen wie LEG oder Vonovia“, so der Energieexperte.
Alte Häuser, hoher Energieverbrauch: Witten muss sparen
Weil das aber auch bedeutet, dass viele Haushalte mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht in den Genuss eines kommunalen Wärmenetzes kommen werden, hofft die Stadt, dass der Energieverbrauch generell sinken wird. „Wir sehen Sanierungen als große Chance, Energie zu sparen“, so Phillip Possel.
In Witten sind viele Gebäude über 50 Jahre alt und verbrauchen daher eher viel Energie. Das würde allerdings auch bedeuten, dass die Stadt einen Teil der Verantwortung der Wärmewende auf die Bürgerinnen und Bürger umlegen wird. Denn: Förderprogramme gibt es von der Kommune dazu keine. Hausbesitzerinnen und -besitzer sollten sich aber definitiv über mögliche finanzielle Hilfe beim Bund informieren. Denn dort werden teilweise bis zu 70 Prozent aller Kosten für Haussanierungen übernommen.
Bis zur tatsächlichen Implementierung der Wärmeplanung der Stadt Witten werden noch einige Jahre vergehen. Im Sommer wird der Wärmeplan fertig gestellt. Dann wird zumindest schon einmal klar sein, wo Wärmenetze entstehen könnten und wo nicht. Auch wenn das wenig Planungssicherheit für Bürgerinnen und Bürger bietet, ist es zumindest ein Schritt hin zu mehr nachhaltiger Wärme.




