Es sind die alten Bergmannsbücher, die die Vergangenheit plötzlich ganz nah heranholen. Nicole Schneider blättert die schmalen Hefte vorsichtig durch. „Die riechen noch nach Papa“, sagt sie leise. Auch ein Fotoalbum hat sie mitgebracht. Bilder aus den 70er-Jahren zeigen die Familie vor bunt gemusterten Tapeten. Mittendrin: das Hochzeitsfoto ihrer Eltern, Ilse und Heinz Günter Reska. Beide hat Nicole Schneider, das jüngste von fünf Kindern, bereits verloren.

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Vor vier Jahren ist ihr Vater im Alter von 72 Jahren gestorben. Und vielleicht liegt es am Herbst, dass sie ausgerechnet jetzt eine Spendenaktion gestartet hat. „Man kommt seltener aus dem Haus. Da wuchs früher auch bei meinen Eltern immer die Einsamkeit.“
COPD raubt dem Ruhrgebiets-Malocher letztlich die Kraft

Heinz Günter Reska war ein klassischer Malocher. Er wuchs in Gelsenkirchen auf, lebte später mit der Familie in Gladbeck. Sein Antrieb im Alltag war einfach: Die Familie musste versorgt sein. „Der Papa hat immer gearbeitet. Egal was“, erinnert sich Schneider. Reska lernte Schreiner auf Nordstern in Gelsenkirchen, wechselte als Maurer auf den Bau, arbeitete später beim Grünflächenamt. Und wenn der Feierabend kam, wartete der Schrebergarten. Reska war ein geselliger Mensch, ein „leidenschaftlicher Geschichtenerzähler“.
Doch mit der Rente kam der Bruch. Eine chronische Lungenerkrankung (COPD) habe man schon früher festgestellt, berichtet Schneider, doch im Ruhestand folgte plötzlich ein Schub auf den nächsten. Der kräftige Mann war dauerhaft auf Sauerstoff angewiesen. Die mobile Flasche war schwer, jeder Schritt aus der Wohnung wurde zur kräftezehrenden Hürde. Und so schrumpfte die Welt des Mannes, der so gern unter freiem Himmel gearbeitet hatte, am Ende auf wenige Quadratmeter zusammen.
ASB-Wünschewagen ermöglicht Schwerstkranken Reise zu Sehnsuchtsorten

Es ist dieses Bild der Enge, das Nicole Schneider nicht losgelassen hat. „Ich hätte es mir wirklich für meinen Vater gewünscht, dass wir ihm hätten sagen können: Papa, wir fahren mit dir weg.‘“ Noch einmal in die Eifel, die er so geliebt hat. Doch mit den schweren Geräten und ohne geschulte Begleitung fehlte Reska zuletzt schlicht die Kraft.
Damals wusste Nicole Schneider nicht, dass es genau für solche Momente den Wünschewagen des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) gibt. Erst später hörte sie von dem Projekt, das schwerstkranken Menschen noch einmal kostenfrei eine Fahrt an einen Sehnsuchtsort ermöglicht – begleitet von Ehrenamtlichen, finanziert durch Spenden. 2025 stand der ASB-Wünschewagen beispielsweise auch im Fokus der Benefiz-Aktion Jolanthe dieser Redaktion.
Für junge Leute ist der Führerschein der Start in die Freiheit. Für die Menschen im Wünschewagen ist es oft die letzte große Fahrt. Das gehört zusammen.
Nicole Schneider
Freiheit und letzte Fahrt: Mülheimer Fahrschule verbindet Generationen
In der Fahrschule ihres Mannes Rainer an der Kaiserstraße erlebt Schneider täglich das genaue Gegenteil jener Enge, unter der ihr Vater am Ende litt: „Für junge Leute ist der Führerschein der Start in die Freiheit. Für die Menschen im Wünschewagen ist es oft die letzte große Fahrt. Das gehört zusammen“, sagt sie. Eine bloße Spendenbox war ihr allerdings zu wenig. Das Zeichen sollte deutlicher sein.

Deshalb spendet die Fahrschule Plan C vom 30. Oktober bis zum 30. November unter dem Motto „Dein Führerschein erfüllt Wünsche“ für jede Neuanmeldung 150 Euro an den ASB-Wünschewagen Ruhr. Das Ziel: mindestens 15 Anmeldungen und damit 2250 Euro. Im Schaufenster soll eine Fotowand mit den Teilnehmenden und der aktuellen Spendensumme wachsen. Fahrlehrer Marcel Eschweiler hat auf seinem TikTok-Kanal zudem kurzerhand einen weiteren Aufruf gestartet, über den jeder direkt an den ASB spenden kann. Die Zwischenbilanz am Starttag: 175 Euro – und sehr viel persönliches, „durchweg positives“ Echo.
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Nicole Schneider hofft, dass sich weitere Mülheimer Fahrschulen anschließen. Im Dezember soll das Geld übergeben werden – dann rollt auch der Wünschewagen vor. „Ich konnte meinem Papa diese Möglichkeit leider nicht mehr schenken. Aber vielleicht können wir gemeinsam dafür sorgen, dass ein anderer Mensch sie bekommt.“
Weitere Informationen: fahrschule-plan-c.de und bei TikTok unter @marcelerklaertfahren.











