Die Ereignisse überschlagen sich im Kunstmuseum: Gleich drei neue Ausstellungen gibt es ab 19. Juli dort zu sehen. Sie sind klein, aber fein - und beflügeln die Fantasie. Und dabei macht es gar keinen Unterschied, ob die Arbeiten von längst anerkannten Künstlerinnen und Künstlern oder von noch recht jungen Talenten stammen. Jeder der drei Ausstellungsräume hat seinen Reiz.

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In eine unergründliche Welt führt die Ausstellung „Gute Nacht“ (bis 8. November). Es geht um Märchen und Mythen, Geister und Fantasmen. Museumsleiterin Dr. Stephanie Zanon hat - angeregt durch David Hockneys Illustrationen zu Märchen der Brüder Grimm - einen „wilden Mix“ an Kunstwerken zusammengestellt, der in schaurige Gefilde führt und dunkle Seiten des Menschen auslotet. Werke aus der städtischen Sammlung werden dabei mit ausgesuchten Arbeiten des italienischen Künstlers Daniele Cudini und des Deutschen Matthias Lahme kombiniert - sie passen gut zueinander.

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Die Illustrationen von David Hockney zu Märchen der Gebrüder Grimm waren Inspiration für die Ausstellung „Gute Nacht“.© FUNKE Foto Services | Gerd Wallhorn

Geister, Gnome, Kobolde und Schattenwesen- seltsame Gestalten in Mülheimer Ausstellung

Geisterhafte Wesen ziehen sich wie ein roter Faden durch das Werk von Daniele Cudini. Sein „Graf Bernetti da Montone“, eine Skulptur von 2025, ist so eine seltsame Gestalt - zwischen Biest und Superheld. „Dem Künstler geht es darum, die Deformationen des Menschlichen in schwierigen Momenten aufzuzeigen, die dunkle Seite, die in jedem irgendwie steckt“, erläutert die Kunsthistorikerin. Das gilt auch für die schwarz-weiße Bilder-Serie „Apparizioni“. Farbe verlaufen - teils kontrolliert, teils zufällig - zu schemenhaften mysteriösen Gestalten. „Jeder Geist steht für etwas Verdrängtes - für eine biografische Erfahrung, eine kollektive Geschichte“, so Zanon. Cudinis Arbeiten seien Verdichtungen von Erinnerung und Spuren menschlicher Entgleisung. Dabei muss man manchmal auch schmunzeln über seine Gnome, Kobolde oder Gespenster.

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Auf Schattenwelten oder mysteriöse Gestalten verweisen auch Werke von Dore O. Lubo Laco, FRANEK, Jim Dines, Uwe Henneken, URSULA und weiteren Künstlerinnen und Künstlern. Dazwischen fallen vor allem die Papierschnitte von Matthias Lahme ins Auge, die die Schätze aus der Museumssammlung ergänzen. „Zwischen Zeichnung und Skulptur machen sie das Unbeständige zum Thema“, so Stephanie Zanon.

Dabei ist das zarte Geflecht aus Linien, farbigen Flächen und freigeschnittenen Feldern aus der Nähe betrachtet ein abstraktes Wunderwerk. Schaut man es von weiter weg an, erkennt man auf einmal eine Fratze im Bild. Die Ausstellung begreife das Fantastische nicht als Flucht aus der Realität, sondern als kritisches Instrument, so die Museumsleiterin. Märchen und Mythen eröffneten einen Raum des Zweifelns – und könnten dazu anregen, manches neu zu denken.

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Kanade Hamawaki zählt zu den Residence NRW+-Stipendiaten, die ab 19. Juli im Kunstmuseum in Mülheim ausstellen. Sie hat ein großes Wandbild geschaffen.© FUNKE Foto Services | Gerd Wallhorn

Abstraktes Wandgemälde basiert auf Mind-Mapping-Modell

Mit „Über, Unter, Neben“ präsentiert das Museum darüber hinaus eine ganz besondere Ausstellung (bis 6. September). Junge aufstrebende Künstlerinnen und Künstler, die im Rahmen des Stipendiums Residence NRW+ 25/26 in Münster zusammenarbeiten, zeigen einige ihrer jüngst entstandenen oder eigens für Mülheim angefertigten Arbeiten. Die Werkschau wurde von den beiden jungen Kunsthistorikerinnen Paula Thomaka und Clara Maria Blasius, ebenfalls Residence-NRW+-Stipendiatinnen, kuratiert. Sie haben verschiedene (nicht-thematische) Bezugslinien zwischen den ganz unterschiedlichen künstlerischen Positionen nachgezeichnet.

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Abdoul Karim Martens arbeitet viel mit Papp- und Papiermaché und Fundmaterialien.© FUNKE Foto Services | Gerd Wallhorn

Kanade Hamawakis hat eine ganze Museumswand genutzt, um dort eine „ortsspezifische Intervention“ zu schaffen. Sie nutzt die Elemente des Raumes dabei ebenso wie das Mind-Mapping-Modell zur Ausstellung als Basis für ihr Wandgemälde, das irgendwie an einen Bauplan erinnert. Mitten im Raum steht eine Installation des Kollektivs RHO aus aneinandergeschweißten Stahlplatten und Stechgittern, die mit versperrten Durchgängen und sich öffnenden Durchblicken, mit Sichtachsen und Farbwahrnehmung spielt.

Mülheim-Stipendiatin zeigt in einer Einzelausstellung Textilarbeiten

Abdoul Karim Martens arbeitet mit Papp- und Papiermaché sowie Fundmaterialien, Stoff- oder Lederstücken. Aus Pappmaché, Kleister und Farbe fertigt er eine knetbare Masse an, mit der er - unter anderem mittels Schichtung und Abtragung - flächige oder auch skulpturale Objekte schafft. Seine Kunst trage die Geschichte des Materials in sich, solle aber auch den Moment abbilden.

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Eine Leseecke hat die Künstlerin Maria Renee Morales Garcia für die Besucherinnen und Besucher ihrer Ausstellung eingerichtet.© FUNKE Foto Services | Gerd Wallhorn

Maria Renee Morales Garcia schließlich hat die Sonne zum Thema ihrer Installation gemacht. Ein aus verschiedenen gelben Stoffresten genähtes, bemaltes und beschriftetes Banner fließt sozusagen durch den Raum. Es soll die Sehnsucht nach ihren sonnigen Kindheitsorten in Guatemala spiegeln, aber auch ein politisches Statement sein. „Es erinnert an diejenigen, die ihr Licht im Leben gerade verloren haben. Menschen im Krieg, auf der Flucht, nach Naturkatastrophen“, sagt sie.

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Maria Renee Morales Garcia zeigt eine kleine Einzelausstellung im Mülheimer Kunstmuseum.© FUNKE Foto Services | Gerd Wallhorn

„Es erinnert an diejenigen, die ihre Sonne gerade verloren haben. Menschen im Krieg, auf der Flucht, nach Naturkatastrophen“

Maria Renee Morales Garcia, Künstlerin und Stipendiatin

Maria Renee Morales Garcia, die auch schon Stipendiatin der Stadt Mülheim war und im Schloß Styrum zwei Jahre lang arbeitete, hat auch eine eigene Einzelausstellung im Kunstmuseum („When blue comes around it stays around“, bis 25. Oktober). Hier sind Werke zu sehen, die während des Arbeitsaufenthaltes in Mülheim entstanden sind: Bilder, die Schriftzüge und Buchstaben abstrahieren, vorwiegend aber Textilarbeiten, die alten Stoffe - zum Beispiel Kaffeehausgardinen - nutzen. Die Farbe Blau spielt auf an den leuchtenden Himmel in Guatemala an, Melancholie schwingt mit. In einer Sitzecke stehen Bücher mit Texten und Gedichten, die die Künstlerin geprägt haben. Hinsetzen und Lesen ausdrücklich erwünscht!

Zu den drei Ausstellungen gibt es ein breites Rahmenprogramm. Eine Kuratorinnen-Führung durch „Über, Unter, Neben“ findet am 19. Juli um 11.30 Uhr statt. Maria Renee Morales Garcia lädt zu Artist Talk & Finissage am 25. Oktober um 11.30 Uhr. Auch zu „Guten Abend“ gibt es Führungen, sogar eine Taschenlampenführung ist geplant. Zudem kann man per Handy Geister suchen. Alle Infos: www.kunstmuseum-muelheim.de