„Am Niederrhein wird nicht lange über Probleme nachgedacht, hier packt man an“, begann Silke Gorißen ihr Grußwort beim 27. Unternehmerstammtisch der Volksbank Niederrhein. „Und genau das ist es, was unser Land braucht“, sagte die NRW-Ministerin am Dienstagabend im Wellings Parkhotel in Kamp-Lintfort. Gorißen machte in ihrer Rede kein Hehl aus der angespannten Wirtschaftslage: Hohe Energiepreise, bürokratische Hürden, fehlende Planungssicherheit und eine immer unberechenbarer werdende Weltpolitik würden den rund 71.000 Unternehmen am Niederrhein stark zusetzen.

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Und dennoch gebe es auch positive Signale: Die NRW-Wirtschaft könne in diesem Jahr mit einem Wachstum von 0,9 Prozent rechnen. Auch die Beschäftigung entwickle sich stabil. Aufgrund internationaler Konflikte schwinde allerdings die Hoffnung auf eine kraftvolle Konjunktur, so Gorißen. Umso abhängiger seien exportstarke Regionen wie NRW von fairen und verlässlichen Handelsbeziehungen: „Ich spreche mich deshalb deutlich für das Mercosur-Abkommen aus“, betonte die Gastrednerin im voll besetzten Saal. In Zeiten globaler Umbrüche stünden Freihandelsabkommen für eine regelbasierte Zusammenarbeit.

Zudem verwies Gorißen in ihrer Rede auf den „NRW-Plan für gute Infrastruktur“, der in den nächsten zwölf Jahren über 30 Milliarden Euro für Investitionen vorsieht, die zu zwei Dritteln direkt an die Gemeinden gehen sollen: „Wir müssen ganz gezielt investieren“, sagte die NRW-Ministerin. Sie habe manchmal den Eindruck, dass die Menschen in Deutschland die wirtschaftliche Lage schlechter redeten, als sie tatsächlich sei. Schwarzmalerei helfe jedoch nicht weiter: „Wir können eine ganze Menge, gerade hier.“

Guido Lohmann appellierte an die Politik: „Wir brauchen Freihandel und neue Partner“

Dann trat Guido Lohmann vor die Unternehmer und Führungskräfte: „Wir hatten über 400 Anmeldungen und mussten mehr als 100 Absagen erteilen“, so der Vorstandsvorsitzende der Volksbank Niederrhein. Mehr Gäste habe man im großen Saal des Wellings Parkhotels nicht unterkriegen können. Nach einem kurzen Dank wechselte Lohmann in den „Angriffsmodus“: „Freuen Sie sich darauf, Klartext zu hören.“ In einer angeschlagenen Demokratie sei es wichtig, zur Diskussion anzuregen. „Nehmen Sie die Punkte, die Sie nicht teilen, mit nach draußen“, forderte Lohmann die Besucher auf.

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Anschließend begann der Vorstandsvorsitzende seine Analyse: „Wir stagnieren in Deutschland seit 2018. Wir haben keine konjunkturelle, sondern eine strukturelle Krise“, mahnte Lohmann. Die Zahl der Firmenpleiten steige rasant an. Deutschland habe sich zu lange auf billige Energie aus Russland und Militärhilfe aus den USA verlassen.

Hinzu kämen die „völlig absurde“ Zollpolitik von Donald Trump und der Irankrieg, der die Energiekosten immer weiter in die Höhe treibe. Nicht auszumalen, wenn sich nun auch noch der Konflikt um Taiwan weiter zuspitze: „Die Chinesen werden Taiwan nicht aus den Augen verlieren“, prognostizierte Lohmann. Seine Forderung: „Wir brauchen Freihandel und neue Partner.“ Das Mercosur-Abkommen sei ein wichtiger Schritt, um neue Handelsperspektiven zu eröffnen. Australien und Indien seien ebenfalls wichtige Partner, um sich unabhängiger von aktuellen Krisenregionen zu machen.

Der Ausstieg aus der Atomkraft sei laut Lohmann „zu hektisch und ideologisch“ erfolgt, die Bürokratie steige kontinuierlich an. „Man kann es manchmal nicht mehr aushalten“, klagte der Vorstandsvorsitzende. „Lassen Sie uns wegkommen von Vorschriften, wo wir dokumentieren, um des Dokumentierens willen.“ Gleichzeitig steige die Steuerbelastung für Unternehmen immer weiter an: „Wir haben kein Einnahmen-, sondern ein Ausgabenproblem in diesem Land“, so Lohmann. Der Mittelstand am Niederrhein müsse endlich entlastet werden.

„Freibier für alle, der Wirt zahlt“: Lohmann scherzt über die Entlastungsprämie

Rente mit 63? Laut Lohmann ein „kapitaler Fehler“, weil sich ein Dachdecker gar nicht leisten könne, mit Abschlägen vorzeitig in Rente zu gehen. Stattdessen würden nun reihenweise Verwaltungsmitarbeiter mit 63 Jahren ausscheiden, die ihr ganzes Leben lang im Büro gesessen hätten und noch mehrere Jahre hätten arbeiten können.

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Was es jetzt dringend brauche, seien echte Reformen. „Wir werden niemals eine Reform in Deutschland haben, bei der alle klatschen“, sagte Lohmann. Halbgare Lösungen wie die gescheiterte Entlastungsprämie würden lediglich die Unzufriedenheit der Unternehmer und Bürger befeuern: „Das ist so, als würde ich in einer Kneipe rufen: Freibier für alle, der Wirt zahlt“, scherzte der Vorstandsvorsitzende.  

Zum Abschluss seiner Rede wurde Lohmann noch einmal ernst: „Wir wissen in diesem Land Frieden und Freiheit nicht mehr wertzuschätzen.“ Die Politik könne sich einen weiteren Vertrauensverlust und ein Erstarken der Ränder nicht mehr leisten. „Wir brauchen einen echten Ruck, der durch diese Gesellschaft geht. Dieser Wachrüttler muss von uns kommen“, appellierte Lohmann an die geladenen Gäste. Nun sei der richtige Zeitpunkt, um nach vorn zu schauen und zu sagen: „Ja, wir packen das an!“